HTA-Bericht zu Knochenersatzmaterialien

Selten besser als körpereigene Transplantate

 

Wiesbaden (3. Jui 2012) – Wissenschaftler haben jetzt Knochenersatzmaterialien untersucht, mit denen Brüche der Gliedmaßen behandelt werden. Als Vergleich diente die Standardtherapie mit oder ohne körpereigene Knochentransplantate. Nur für wenige Materialien fanden sie Hinweise auf eine Wirksamkeit.

 

Ihre Ergebnisse fasst ein neuer HTA-Bericht zusammen (Health Technology Assessment, systematische Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien). Er ist kostenfrei auf den Webseiten des DIMDI abrufbar. Für ihre Untersuchung identifizierten die Autoren in einer systematischen Literaturrecherche 14 Studien einer hohen Evidenzstufe. Auf dieser Basis bewerteten sie vor allem die medizinische Wirksamkeit der unterschiedlichen Knochenersatzmaterialien.


Kaum Wirksamkeits-Nachweise – Studienmängel

Als Knochenersatz untersucht wurden unter anderem Materialien auf Basis von Calciumphosphat und sogenannte bone morphogenetic proteins (BMP). BMP sind Wachstums- und Differenzierungsfaktoren, die langsam über ein Trägermaterial freigesetzt werden. Weiter betrachtet der Bericht aus mehreren Stoffen zusammengesetzte Kompositmaterialien, Hydroxylapatit-Material und Allograft-Knochenchips (hergestellt aus Knochen von fremden Spendern).

Gemessen an der Vielzahl von Knochenersatzmaterialien und möglichen Brüchen bewerten die Autoren die Datenlage mit nur 14 einzuschließenden Studien insgesamt als schwach. Zu den meisten Materialien lägen nur wenige oder sogar nur einzelne Studien mit kleiner Patientenanzahl vor. Alle Studien wiesen mehr oder weniger schwere qualitative Mängel auf und seien zudem sehr unterschiedlich angelegt. Die Studienergebnisse müssten daher kritisch betrachtet werden.

Zu einzelnen Ersatzmaterialien ziehen die HTA-Autoren folgende Schlussfolgerungen:

  • BMP-2 kann bei Patienten mit offenen Schienbeinbrüchen eine Therapieoption sein. Dies gelte insbesondere, wenn ein Knochentransplantat nicht in Frage kommt.
  • BMP-2 verspricht bei Patienten mit hochgradig offenen Brüchen Kosteneinsparungen. Allerdings konnten die gesundheitsökonomischen Bewertungen nur auf geringer Evidenzstufe erfolgen.
  • Calciumphosphat-Zemente: Ihr Einsatz sollte bei Frakturen klinisch im jeweiligen Einzelfall erwogen werden. Gegenüber einer Knochentransplantation können sich Vorteile hinsichtlich Schmerzen und Verlust der Reposition (Einrichten des Bruchs) ergeben.
  • Gleiches gilt für den Einsatz knochenmarkhaltiger Kompositmaterialien, die bezüglich Infektion und Schmerzen vorteilhaft sein können.
  • Hydroxylapatit-Material und Allograft-Knochenchips: Bei diesen beiden untersuchten Materialien bleibt bei schlechter Studienlage die Knochentransplantation weiterhin die Therapieoption der ersten Wahl.

 


Brüche – häufiger Grund für OP

Die Behandlung von Knochenbrüchen und Knochentransplantationen gehört bundesweit zu den häufigsten Operationen. Die direkten Kosten durch Hüft- und Oberschenkelhalsverletzungen liegen laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes 2008 bei über 600 Mio. Euro. Bei Knie- und Unterschenkelbrüchen sind es etwa 750 Mio. Euro pro Jahr. Als Standard zur Unterstützung der Knochenheilung dienen körpereigene Knochentransplantate, die meist aus dem Beckenkamm gewonnen werden. Diese Behandlung ist jedoch relativ teuer und nicht immer durchführbar. Zudem kann sie an der Entnahmestelle für die Patienten schmerzhaft sein und ein weiteres Infektionsrisiko bergen. Zunehmend werden daher sogenannte Knochenersatzmaterialien verwendet. Sie stammen in Europa häufig von anderen Menschen, können aber auch von Tieren gewonnen oder synthetisch erzeugt werden.

Knochenersatzmaterialien zur Behandlung von traumatischen Frakturen der Extremitäten (Anja Hagen, Vitali Gorenoi, Matthias P. Schönermark)


HTA-Berichte bei DAHTA

Die HTA-Berichte sind in der DAHTA-Datenbank beim DIMDI bzw. im HTA-Journal bei German Medical Science (GMS) kostenfrei als Volltext abrufbar. Für die Inhalte der HTA-Berichte sind die genannten Autoren verantwortlich. Alle durch die DAHTA beauftragten Berichte werden in einem standardisierten, anonymisierten Verfahren erstellt, um die Unabhängigkeit der Autoren zu gewährleisten.

Das DIMDI stellt über das Internet hochwertige Informationen für alle Bereiche des Gesundheitswesens zur Verfügung. Es entwickelt und betreibt datenbankgestützte Informationssysteme für Arzneimittel und Medizinprodukte und verantwortet ein Programm zur Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien (Health Technology Assessment, HTA). Das DIMDI ist Herausgeber amtlicher medizinischer Klassifikationen wie ICD-10-GM und OPS und pflegt medizinische Terminologien, Thesauri, Nomenklaturen und Kataloge (z. B. MeSH, UMDNS, Alpha-ID, LOINC, OID), die für die Gesundheitstelematik von Bedeutung sind. Das DIMDI ermöglicht den Online-Zugriff auf seine Informationssysteme und rund 60 Datenbanken aus der gesamten Medizin. Dafür entwickelt und pflegt es moderne Software-Anwendungen und betreibt ein eigenes Rechenzentrum.

 


 

Quelle: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), 03.07.2012 (tB)

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