Hypnose nimmt Angst auf der Intensivstation

 

Jena (17. Februar 2021) — Jenaer Psychologinnen verbessern das Wohlbefinden von Patienten auf der Intensivstation durch hypnotische Suggestionen und stellen Audioaufnahme von Hypnosetext zur Verfügung.

Wer intensivmedizinische Hilfe in Anspruch nehmen muss, leidet nicht nur unter den unmittelbaren physischen Symptomen der Krankheit, sondern häufig auch unter enormer Angst. Schmerzen, Kontrollverlust, Todesangst und die ungewohnte, sterile Umgebung verursachen Stress und sogar Depressivität. Gerade diese Erfahrungen begleiten die Patienten häufig noch lange nach Verlassen des Krankenhauses. Deshalb ist es wichtig, bereits während der Behandlung diesen psychischen Folgeschäden vorzubeugen – zum Beispiel durch Hypnose. Psychologinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Universitätsklinikums Jena konnten nun im Rahmen einer Studie zeigen, dass hypnotische Suggestionen signifikant das Wohlbefinden von Patienten verbessern sowie physiologische Maße von Angst und Stress reduzieren. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftlerinnen im Forschungsmagazin „Intensive Care Medicine“.

„In meinen früheren Untersuchungen habe ich bereits gesehen, wie wirksam es sein kann, Menschen durch Hypnose ein starkes Gefühl der Sicherheit zu vermitteln – und das sogar über die tatsächliche Hypnosesituation hinaus“, berichtet die Studienleiterin Dr. Barbara Schmidt von der Universität Jena. „Deshalb waren wir sicher, dass diese Behandlungsmethode auch in einem psychischen Ausnahmezustand, wie er auf einer Intensivstation für den Patienten herrscht, helfen kann – zumal Menschen in Extremsituationen besonders suggestibel, also besonders offen für Hypnose, sind.“

 

Angst vor Beatmung

In ihrer Studie konzentrierten sich die Jenaer Psychologinnen besonders auf Erkrankte, die nicht-invasiv – also mit einer Atemmaske – beatmet werden müssen. Diesen ungewohnten Vorgang nehmen Patienten sehr häufig als bedrohlich und unangenehm wahr und er löst bei ihnen dementsprechend besonderen Stress aus. Nach der nur 15 Minuten andauernden Intervention während der Beatmung stellten die Jenaer Wissenschaftlerinnen fest, dass der Stress der Patienten signifikant reduziert, ihr Wohlbefinden verbessert und physiologische Werte wie Atemfrequenz und Herzrate positiv beeinflusst waren. „Wir führen den Patienten in einen hypnotischen Zustand, indem wir ihm beispielsweise sagen, dass er sich auf seine Atmung konzentrieren soll und dass ihm die Maske dabei helfe“, erläutert Schmidt. In dieser Situation berücksichtigten die Psychologinnen auch das besondere Umfeld der Intensivstation und deuteten störende Reize positiv um. So sind piepende Monitore keine angsteinflößenden Geräusche mehr, sondern Zeichen dafür, dass sich hier sehr gut um die Patienten gekümmert wird und alles dafür getan wird, damit sie so schnell wie möglich wieder gesund werden. Nach der Einleitung der Hypnose führten sie die Patienten in ihrer Vorstellung an einen Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen. „Währenddessen sprechen wir ganz konkret die Beatmungsmaßnahmen an und betonen ihren positiven Nutzen“, sagt Schmidt. „Durch eine sogenannte posthypnotische Suggestion verbinden wir zudem das Druckgefühl der Atemmaske mit diesem Wohlfühl-Ort, so dass sich ein ähnliches Sicherheitsgefühl ausbreitet, sobald der Patient die Atemmaske erneut aufsetzt – ohne dabei hypnotisiert zu sein.“

Vor und nach dem Versuch ließen die Forscherinnen die Patienten ihr subjektives Wohlbefinden bewerten. „Wir messen auf bestimmten Skalen beispielsweise das Angstlevel und bewerten den Grad der Aversion gegenüber der Atemmaske“, erklärt Schmidt. Darüber hinaus zeichneten sie die körperlichen Signale wie Atem- und Herzfrequenz während der hypnotischen Suggestionen auf, so dass sie genau zeigen können, wie der Körper der Patienten auf bestimmte Suggestionen reagierte.

 

Hypnosetext steht zur Verfügung

Um in der aktuellen Corona-Situation die Intensivstationen zu unterstützen und Patienten die suggestive Therapie per Kopfhörer zukommen zu lassen, hat Barbara Schmidt einen Text, den ungarische Kollegen zu diesem Zweck bereits veröffentlicht und erfolgreich verwendet haben, übersetzt, eingelesen und als mp3-Datei zur Verfügung gestellt (https://cloud.uni-jena.de/s/HgLkfziDPJ8TyJJ). „Die ungarischen Forscher erzielten mit dem Text bereits sehr gute Ergebnisse. So konnten sie etwa die Dauer des Aufenthalts auf der Intensivstation und der künstlichen Beatmung dank der Suggestion verkürzen“, informiert die Jenaer Psychologin. „Die Probanden in der ungarischen Studie hörten den Text ebenfalls vom Band. Er ist also genau für diese Anwendung konzipiert.“ Das medizinische Personal auf einer Intensivstation kann die Vorlage ohne Kontakt zu einem Hypnotherapeuten verwenden und den Patienten so ein stärkeres Sicherheitsgefühl im stressigen Umfeld der Intensivstation vermitteln. Für weitere Informationen und Durchführungshinweise steht die Jenaer Psychologin zur Verfügung.

 

Originalpublikation

 

Weitere Informationen

 

 

Abb. oben: Blick in die Intensivstation des Uniklinikums Jena . Photo- und Copyright: Foto: UKJ

 

 


Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena, 17.02.2021 (tB).

Schlagwörter: ,

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung