Immer mehr Rheuma-Patienten nehmen Opioide ein

Europäische Rheumaliga (EULAR) weist auf Gefahr durch Gewöhnung hin

Berlin (4. Juni 2020) — Fentanyl, Tramadol oder Tilidin: Neue europäische Zahlen zeigen, dass auch in Europa immer mehr Menschen Opioide gegen ihre Rheumaschmerzen einnehmenDie europäische Rheumaliga EULAR (The European League Against Rheumatism) weist im Rahmen ihres derzeit laufenden Jahres¬kongresses European E-Congress of Rheumatology 2020auf die wachsende Gefahr eines Opioid-Missbrauchs in Europa hin und fordert Maßnahmen für einen sichereren Umgang mit diesen Schmerzmitteln. Der EULAR 2020 findet ab dem 3. Juni 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie als e-Kongress statt.

Opioide sind starke Schmerzmittel. Rund 70 Prozent der Opioide werden in Deutschland für Patienten mit chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen verordnet. Laut Leitlinien (2) können sie unter anderem bei chronischen Osteoarthritis-(Arthrose-)schmerzen für eine vier- bis zwölfwöchige Therapie zum Einsatz kommen. „Für diese Indikation gibt es eine ausreichende wissenschaftliche Datengrundlage zur Wirksamkeit und Sicherheit“, sagt Professor Dr. med. Ulf Müller-Ladner, ehemaliger Vorsitzender des EULAR Ausschusses Clinical Affairs und Ärztlicher Direktor der Abteilung Rheumatologie und Klinische Immunologie der Kerckhoff-Klinik, Bad Nauheim. Doch dann sollte Schluss mit der Einnahme sein. Denn die Schmerzhemmer haben starke Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, chronische Verstopfung aber auch Schwindel und Müdigkeit. Ihre größte Gefahr liegt jedoch in ihren zentralnervösen, manchmal stimmungsaufhellenden, manchmal „egalisierenden“ Wirkungen. „Dies macht ihr starkes Suchtpotenzial aus: Für die meisten Patienten ist der psychische Entzug deshalb am schwersten“, so Müller-Ladner, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh).

Ein besonderes Risiko für eine Gewöhnung/Abhängigkeit an Opioide haben in der Katalonien-Studie Frauen (vier Prozent mehr Betroffene als Männer), Ältere (zehn Prozent mehr als Jüngere) und sozial Benachteiligte (Differenz von sechs Prozent gegenüber der privilegiertesten Bevölkerungsgruppe). Ebenso nehmen ein Prozent mehr Land- als Stadtbewohner Opioide ein. Junqing Xie von der University of Oxford und Erstautor der Studie stellt fest: „Die Einnahme von Opioiden – insbesondere von starken Opioiden – ist in den letzten Jahren bei neu an Osteoarthritis erkrankten Patienten substanziell gestiegen“. Es müssten dringend Vorkehrungen für eine sichere Verschreibung dieser Medikamente getroffen werden. Dies gelte vor allem für ältere Frauen, die unter schwierigen sozialen Bedingungen leben.

Darüber hinaus zeigt eine aktuelle Studie aus Island (3), dass Opioide auch nach Behebung der Schmerzursachen häufig nicht abgesetzt, sondern ihr Verbrauch eher noch gesteigert werde. So ist bei Patienten mit entzündlichen Gelenkerkrankungen die Dosis ihrer Opioide selbst nach der Behandlung mit präzise wirksamen Entzündungshemmern wie TNF-Inhibitoren eher gesteigert worden, anstatt sie abzusetzen. „„Es gibt dringenden Handlungsbedarf“, so EULAR-Präsident Professor Iain McInnes aus Glasgow, UK. Die Opioid-Sucht habe sich mittlerweile zu einem bedeutenden Problem entwickelt.

Das Risiko einer körperlichen und seelischen Suchtentwicklung ist bei bestimmungsgemäßem Gebrauch von Opioiden jedoch gering. „Deshalb möchten wir das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang sowohl auf der Seite der Verschreiber als auch der Einnehmenden schärfen“, sagt Professor John Isaacs von der Universität Newcastle, UK, der den wissenschaftlichen Vorsitz des EULAR innehat. „Um chronische Schmerzen zu lindern, sollten Medikamente ohnehin nur Teil eines umfassenden Therapieprogramms sein, in dem Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten zusammenarbeiten.“ Verordnen Ärzte ausnahmsweise doch Opioide, sollte der Behandlungsversuch rasch enden, wenn er sich als wirkungslos erweist oder die Wirkung nachlässt.


Quellen

  1. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/145-003.html: Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (LONTS), Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. [Long-Term Use of Opioids for Chronic Non-Tumour Associated Pains (LONTP), German Pain Society]
  2. EULAR Abstract No. 3070: Temporal trends of opioid use among incident osteoarthritis patients in Catalonia, 2007-2016: a population-based cohort study, Xie et al., DOI 10.1136/annrheumdis-2020-eular.3070
  3. EULAR Abstract No.: 2587: Initiating TNF inhibitors in inflammatory arthritis does not decrease the average opioid analgesic consumption. Olafur Palsson et al. DOI: 10.1136/annrheumdis-2020-eular.2587

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V., 04.06.2020 (tB).

Schlagwörter: ,

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…
Toujeo® bei Typ-1-Diabetes: Weniger schwere Hypoglykämien und weniger Ketoazidosen 
Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung