Intensivmediziner fordern angesichts von Corona Verbesserungen

 

Nürnberg (16. Juni 2020) — Angesichts der Corona-Krise fordern Intensivmediziner Verbesserungen für ihren Fachbereich. Der Sprecher des Arbeitskreises Intensivmedizin der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI), Professor Dr. Gernot Marx, setzt sich für eine stärkere Förderung der Telemedizin ein. Vor allem gebe es für die Systeme bislang keine Finanzierung durch die Krankenkassen: „Mit Hilfe dieser Technik konnten wir in den vergangenen Wochen wesentlich mehr Patienten intensivmedizinisch behandeln. Das hat Leben gerettet!“.

Von seiner Klinik in Aachen aus betreut Marx selbst täglich dutzende von Kollegen im weiten Umkreis. In regelmäßigen Videokonferenzen werden Patienten gemeinsam mit den Ärzten vor Ort begutachtet und Behandlungspläne entwickelt und abgestimmt. So werden auch kleinere Krankenhäuser in die Lage versetzt, kompliziertere Fälle wie schwere Covid-19-Erkrankungen zu bewältigen.

Anlässlich des „Tages der Intensivmedizin“ am kommenden Samstag (20. Juni 2020) ziehen die anästhesiologischen Intensivmediziner Bilanz. Der Tag wird mit zahlreichen Fallbeispielen und Erlebnisberichten im Internet begangen (www.zurueck-ins-leben.de). Die Stärken der Intensivmedizin sollen herausgestellt, Abläufe erklärt und Hemmungen abgebaut werden.

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind auf den deutschen Intensivstationen rund 15.000 Patienten behandelt worden. Rund die Hälfte mussten auch beatmet werden, in der Regel für etwa vier Wochen. Etwa ein Viertel der Patienten haben die Krankheit nicht überlebt: „Mit diesen Zahlen liegen wir dennoch deutlich vor Frankreich, Spanien oder Italien“, betont Professor Marx. In den deutschen Kliniken, die die Bettenzahl zu Beginn der Pandemie kurzfristig von 28.000 auf mehr als 40.000 steigerten, habe es nie Engpässe wie im Ausland gegeben. Auch die Anästhesie mit ihrem Fachpersonal und ihrem Talent zur Planung und Verschiebung von Operationen habe einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet.

Den Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen bis nahe an normale Lebensverhältnisse steht Marx jedoch kritisch gegenüber: Er warnt davor, die Erfolge und Errungenschaften der Intensivmedizin aus den vergangenen Wochen zu verspielen: „Eine zweite Infektionswelle in diesem Jahr ist auch dem Personal auf den Intensivstationen nicht zuzumuten!“ Marx rät deshalb zu erhöhter Wachsamkeit und bittet die Bevölkerung, weiterhin Abstand zu halten, Schutzmasken zu tragen und häufiger die Hände zu waschen.

Es ist besonders der großen Einsatzbereitschaft von Intensivschwestern, Intensivpflegern, Ärztinnen und Ärzten sowie vielen anderen Helfern zu verdanken, dass die Corona-Pandemie in Deutschland bislang vergleichsweise glimpflich verlaufen ist. Intensivmediziner Marx will erreichen, für die Mitarbeiter mehr Anerkennung und Widerstandsfähigkeit aufzubauen: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt“, sagt Marx, „damit wir eben nicht nur äußerlich wertgeschätzt und gestärkt aus dieser Krise herausgehen, sondern auch innerlich. Und dann auch noch möglichst lange diesen zwar fordernden, aber auch besonders tollen Beruf in der Intensivmedizin ausüben können!“

„Wir sind systemrelevant“, betont auch der Präsident des „Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten“ (BDA), Professor Dr. Götz Geldner. Er setzt sich unter anderem dafür ein, dass wichtige Medikamente wieder in Europa hergestellt und ausreichend Schutzausrüstung für mindestens drei Monate vorgehalten werden. Außerdem müsse noch einmal über eine sinnvolle Verteilung von Intensivbetten in Deutschland nachgedacht werden.

Für den Präsidenten der „Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin“ (DGAI), Professor Dr. Rolf Rossaint, ist es zudem wichtig, die Corona-Krankheit Covid-19 und ihre Variationen zu untersuchen. Besonderes Interesse werde dem Endothel, der Innenauskleidung der Blutgefäße, gewidmet: Bei vielen Patienten sei es zu Thrombosen und Lungenembolien, aber auch zu Blutungen gekommen. Unbeantwortet sei außerdem die Frage, weshalb es im Vergleich zum Ausland so große Unterschiede gab und in anderen Ländern so viele Menschen durch das Corona-Virus verstorben sind.

Inzwischen liegen international viele Einzelberichte zu Behandlungen von Covid-19-Patienten vor, zu Misserfolgen und Erfolgen. Die Experten von BDA und DGAI tauschen sich immer wieder bei kleineren Treffen, in Telefongesprächen und Videokonferenzen über ihre Erfahrungen aus. Es gilt außerdem, in dem nächsten Monaten neue einheitliche Leitlinien zur Therapie von Covid-19-Patienten zu erarbeiten, zu diskutieren und zu vermitteln. Professor Marx macht deutlich: „Für abschließende Bewertungen ist es aber noch weitaus zu früh!“

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) / Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA), 16.06.2020 (tB).

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