IQWiG

Früherkennung von Eierstockkrebs:
Haltlose Vorwürfe der Frauenärzte

 

Köln (7. November 2019) — Die Kritik des Berufsverbands der Frauenärzte und der gynäkologischen Fachgesellschaft an der IQWiG-Gesundheitsinformation zur Früherkennung von Eierstockkrebs entbehrt jeder Grundlage. Ist eine Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Eierstockkrebs sinnvoll? Über diese Frage ist zwischen der Bertelsmann-Stiftung und dem IQWiG auf der einen Seite sowie dem Berufsverband und der Fachgesellschaft der Frauenärzte auf der anderen Seite ein Streit entbrannt. Die Frauenärzte werfen dem IQWiG vor, unter gesundheitsinformation.de auf Grundlage veralteter Studien eine kritische Haltung zu der Frage einzunehmen, ob Ultraschalluntersuchungen zur Früherkennung von Eierstockkrebs sinnvoll sind. Dieser Vorwurf entbehrt jeder Grundlage.

 

Ultraschalluntersuchungen der Eierstöcke als Beispiel für Überversorgung

Die Bertelsmann-Stiftung hatte zunächst in einer Presseveröffentlichung vom 5.11.2019 die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Früherkennung als ein Beispiel für die Überversorgung im deutschen Gesundheitswesen benannt. Bei Frauen ohne Risiko berge die Untersuchung eine erhebliche Gefahr für falsch-positive Befunde und unnötige Operationen. Nur bei etwa 10 Prozent der operierten Frauen läge tatsächlich Eierstockkrebs vor. Als Quelle für diese Aussage hatte die Bertelsmann-Stiftung auch auf die IQWiG-Website gesundheitsinformation.de verwiesen.

Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) – vereint im German Board and College of Obstetics an Gynecology, GBCOG – haben daraufhin das IQWiG in einer Pressemitteilung vom 6.11.2019 heftig kritisiert. Die vom IQWiG bereitgestellte Gesundheitsinformation sei überholt. Nach neuen Studien werde bei jeder zweiten Operation der Eierstöcke nach verdächtigen Ultraschallbefund eine bösartige Veränderung gefunden.

 

Gesundheitsinformationen des IQWiG sind aktuell

Der Vorwurf, die Gesundheitsinformation des IQWiG „Ist eine Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Eierstockkrebs sinnvoll?“ (1) beruhe auf veralteten Studien, ist falsch. Die vom „Board“ der Frauenärzte selbst in der Pressemitteilung als heute relevante „Folge-Untersuchung“ benannte Studie aus dem Jahr 2016 (2) ist auch eine zentrale Quelle der IQWiG-Information und als solche zitiert. Aus ihr stammt auch der zentrale Befund, dass nur bei jeder zehnten Eierstockoperation nach verdächtigem Ultraschallbefund in der Früherkennung ein bösartiger Tumor gefunden wurde. Die Autorinnen und Autoren schreiben: „Auf jeden Fall von im Screening entdeckten Eierstock- und Bauchfellkrebs […] kamen 10 Fälle (1634 falsch-positive Ergebnisse; 164 Fälle von Eierstock- und Bauchfellkrebs) von Frauen in der USS-Gruppe, die einen chirurgischen Eingriff aufgrund falsch-positiver Ergebnisse hatten.“ Dies entspricht einer Rate von 10 Prozent.


Aussagen der Frauenärzte beruhen auf Studie mit 131 Frauen

Das Board der Frauenärzte schreibt in seiner Pressemitteilung, dass bei jeder zweiten Operation der Eierstöcke nach einem verdächtigen Ultraschallbefund Eierstockkrebs entdeckt werde. Diese Aussage bezieht sich auf eine Studie, die die Erfahrungen einer einzelnen brasilianischen Klinik mit 131 Frauen beschreibt (3). „Wir sind offen gesagt erschrocken, dass das Board der Frauenärzte diese Studie anführt, um die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien mit über 200.000 Frauen (2,4) infrage zu stellen“, sagt Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Die Information des IQWiG zur Früherkennung von Eierstockkrebs ist ein gutes Beispiel für die generelle Arbeitsweise: Für die Gesundheitsinformationen recherchiert das Institut systematisch in der Literatur nach verlässlichen Studien (insbesondere nach systematischen Übersichten), die den aktuellen Stand des Wissens zu einer Frage zusammenfassen. Deshalb ist der Vorwurf, die Information des IQWiG zur Früherkennung von Eierstockkrebs beruhe auf veralteten Informationen, haltlos.


Appell an die Frauenärzte, selber Studien zu initiieren

„Auf Basis der aktuell vorliegenden Studien muss man sagen: Die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung verbessert die Heilungschancen nicht“, betont IQWiG-Leiter Windeler. „Und wenn der Eierstockkrebs mit den heute zur Verfügung stehenden hochauflösenden Ultraschallgeräten tatsächlich besser erkannt werden kann, wie es die Frauenärzte immer wieder behaupten, dann kann man doch in qualitativ hochwertigen Studien prüfen, ob dies für die Frauen auch von Vorteil ist. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, dass die deutschen Frauenärzte selbst eine solche Studie zur Früherkennung von Eierstockkrebs initiieren. Bis heute haben der Berufsverband und die Fachgesellschaft jedenfalls nichts unternommen, um die Evidenzlage zur Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zu verbessen.“


Literaturvereise

 


Quelle: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 07.11.2019 (tB).

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