MEDIZIN

DOC-CHECK LOGIN

IQWiG: Kochsalzreduktion kann den Blutdruck senken

Studien liefern keine Belege für positiven Einfluss auf Folgeerkrankungen der essenziellen Hypertonie

IQWiGBerlin (20. Juli 2009) – Erwachsene, die mit der Nahrung weniger Kochsalz zu sich nehmen, können ihren Blutdruck mittelfristig etwas senken. Ob Menschen mit dauerhaft erhöhtem Blutdruck, sogenannter essenzieller Hypertonie, auf diese Weise auch langfristig das Risiko für Folgeerkrankungen vermindern können oder weniger blutdrucksenkende Medikamente einnehmen müssen, bleibt allerdings eine offene Frage. Zu diesem Ergebnis kommt der am 20. Juli 2009 in Form eines Rapid Report veröffentlichte Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Er ist Teil eines vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erteilten Auftragspakets, in dem der Nutzen verschiedener nicht medikamentöser Behandlungsstrategien bei Bluthochdruck bewertet werden soll. Stressbewältigung und mehr körperliche Bewegung gehören ebenso dazu wie Rauchverzicht und weniger Alkoholkonsum. Einen Bericht zu der Frage, wie sich Abnehmen auf den Blutdruck auswirken kann, hat das IQWiG bereits abgeschlossen.

Bewertung anhand von Sekundärliteratur

Werbung

Nutzenbewertungen des IQWiG basieren in der Regel auf der systematischen Recherche und Auswertung von klinischen Studien, also von Primärliteratur. Der vorliegende Rapid Report wurde dagegen anhand von Sekundärliteratur erstellt. Dies ist prinzipiell dann möglich – und in den Allgemeinen Methoden des IQWiG vorgesehen – wenn bereits qualitativ hochwertige und aktuelle systematische Übersichten zu einer Fragestellung existieren. Wie die Vorrecherche des IQWiG ergab, war dies beim Thema Kochsalzreduktion bei Hypertonie der Fall.

Gesucht haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach systematischen Reviews, also einer zusammenfassenden Analyse von Studien, die folgende Patientinnen und Patienten mit essenzieller Hypertonie miteinander verglichen: eine Interventions-Gruppe, die sich über einen längeren Zeitraum salzärmer ernähren sollte mit einer Kontroll-Gruppe, bei der diese Absicht entweder nicht bestand oder die beabsichtigte Kochsalzreduktion geringer war als in der Interventions-Gruppe. Die Laufzeit der Studien sollte mindestens 4 Wochen betragen. Um dennoch keine aktuellen und möglicherweise relevanten Studien zu übersehen, recherchierte das IQWiG ergänzend auch kürzlich veröffentlichte Primärstudien.

In die Bewertung einbeziehen konnte das IQWiG 7 Übersichten, in denen zwischen 520 und 3391 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus insgesamt 62 randomisierten kontrollierten Studien zusammenfassend analysiert wurden.

Keine Aussagen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Sterblichkeit möglich

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler feststellten, lassen die verfügbaren Daten keine Aussagen zu Folgekomplikationen zu. Das liegt daran, dass keine der Studien in erster Linie darauf ausgerichtet war zu untersuchen, wie sich eine salzärmere Kost auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder die Gesamtsterblichkeit auswirkt. Zudem liefen die meisten Studien nur über wenige Monate und hatten meist geringe Teilnehmerzahlen, weshalb möglicherweise vorhandene Unterschiede bei den Folgeerkrankungen nicht mit Sicherheit aufgefallen wären.

Nachhaltigkeit des blutdrucksenkenden Effekts ist ungewiss

Die Untersuchungen zeigen jedoch durchgehend, dass eine verminderte Kochsalzzufuhr helfen kann, den Blutdruck zu senken: Die systolischen Werte sanken innerhalb von bis zu einem Jahr um durchschnittlich 3,6 bis 8 mmHg, die diastolischen Werte um durchschnittlich rund 2 bis 3 mmHg. Dies gilt im Wesentlichen für Patientinnen und Patienten, die keine zusätzlichen blutdrucksenkenden Medikamente einnahmen.

Wie nachhaltig dieser Effekt ist, bleibt allerdings unklar. Autoren zumindest einer Übersichtsarbeit berichten, dass der beobachtete Vorteil verschwindet, wenn man die Analyse auf Studien mit einer längeren Laufzeit (mindestens 6 Monate) einschränkt.

Keine der Übersichten berücksichtigte ausschließlich Patientinnen und Patienten, die gleichzeitig blutdrucksenkende Medikamente einnahmen oder wertete Daten für Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Begleitmedikation getrennt aus. Welchen zusätzlichen blutdrucksenkenden Effekt eine kochsalzarme Kost bei diesen Patienten haben kann, ist deshalb ungewiss.

Generell bleibt die Frage unbeantwortet, ob Menschen mit essenzieller Hypertonie durch eine geringere Salzaufnahme ihren Bedarf an blutdrucksenkenden Medikamenten vermindern können.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Rapid Reports, sogenannte Schnellberichte, sollen zeitnahe Informationen zu einem aktuellen Thema bieten. Sie sind nicht auf Richtlinienentscheidungen des G-BA ausgelegt. Um eine kürzere Erarbeitungszeit zu gewährleisten, unterscheidet sich der Ablauf der Erstellung von dem der übrigen Berichte vor allem in zwei Punkten: Arbeitsdokumente, Berichtspläne oder Vorberichte werden nicht publiziert und es gibt auch kein Stellungnahmeverfahren. Zudem erfolgt die Bewertung in der Regel auf Basis bereits publizierter Informationen, d.h. das IQWiG bemüht sich nicht, beispielsweise bei Herstellern von Arzneimitteln unveröffentlichte Studiendaten zu bekommen.

Der vorliegende Rapid Report wurde zusammen mit externen Sachverständigen erarbeitet. Eine vorläufige Version wurde von einer weiteren unabhängigen Forschergruppe begutachtet, die endgültige Fassung wurde am 22.6. 2009 an den G-BA versandt.


Quelle: Pressemitteilung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vom 20.07.2009.

MEDICAL NEWS

COVID-19 pandemic sees increased consults for alcohol-related GI and liver…
The eyes offer a window into Alzheimer’s disease
Ventilating the rectum to support respiration
Screening for ovarian cancer did not reduce deaths
Fatigue, mood disorders associated with post-COVID-19 syndrome

SCHMERZ PAINCARE

Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern
Wenn Schmerzen nach einer OP chronisch werden
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: Schmerzmediziner, Politiker und…
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: COVID-19-Pandemie belastet Schmerzpatienten…

DIABETES

Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf
Risikofaktoren für einen schweren COVID-19-Verlauf bei Menschen mit Diabetes
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ meldet…

ERNÄHRUNG

DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…

ONKOLOGIE

Krebs – eine unterschätzte finanzielle Herausforderung
Cannabidiol gegen Hirntumore
Assistierte Selbsttötung bei Krebspatienten: Regelungsbedarf und Ermessensspielraum
Leberkrebs: Bei welchen Patienten wirkt die Immuntherapie?
Konferenzbericht vom virtuellen Münchener Fachpresse-Workshop Supportive Therapie in der Onkologie

MULTIPLE SKLEROSE

Neue S2k-Leitlinie für Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose
Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose: Stellungnahme zu SARS CoV 2 Impfdaten…
Schwangere mit MS: Schadet Schubbehandlung dem Ungeborenen?
Multiple Sklerose: Ein Sprung sagt mehr, als viele Kreuzchen auf…
Multiple Sklerose: Salzkonsum reguliert Autoimmunerkrankung

PARKINSON

Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung
Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Covid-19-Prävention: besondere Vorsicht bei Patienten mit der Parkinson-Krankheit