IQWiG-Leiter bezieht Position für solidarische Krankenversicherung

Solidarprinzip ist zentrale Triebkraft für ein gutes Gesundheitssystem

Berlin (29. Oktober 2009) – Als Beitrag zur derzeit lebhaft geführten Debatte um die anstehende Gesundheitsreform in den USA hat der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) jetzt ein Plädoyer für einen allgemeinen Zugang zu Gesundheitsleistungen im renommierten "New England Journal of Medicine" veröffentlicht. Entstanden ist der Artikel nach mehreren Vortragsreisen, die Peter Sawicki auf Einladung von US-Gesundheitspolitikern unternommen hat, um über das deutsche Gesundheitssystem zu referieren und zu diskutieren. Eine solidarische Absicherung von wissenschaftlich begründeten Gesundheitsleistungen für alle ist laut Sawicki die zentrale Triebkraft für ein gut funktionierendes und effizientes Gesundheitssystem.

Solidarität ist nüchtern kalkulierte Vernunft

"Solidarität ist keine sozial-romantische Träumerei, sondern nüchtern kalkulierte Vernunft", sagt Sawicki. "Solidarprinzip heißt, die Interessen des Einzelnen gegen die der Gemeinschaft abzuwägen." Denn es garantiere dem Einzelnen alles, was für ihn objektiv notwendig ist, um seine Erkrankung zu heilen, eine Verschlimmerung zu verhindern oder Beschwerden zu lindern. So steht es im Sozialgesetzbuch.

Das Solidarprinzip fordere jedoch auch, dass die Kosten in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen stehen müssen und beziehe damit die Perspektive der Gemeinschaft ein. Auch dies ist gesetzlich festgelegt. "Das Solidarsystem sorgt durch dieses Spannungsverhältnis für eine Konstellation, deren rationale Konsequenz ein wissenschaftlich basiertes Gesundheitssystem ist", so Sawicki. "Solidarität verpflichtet dazu, nüchtern zwischen dem zu unterscheiden, was nutzt und was nicht nutzt."


Nutzenbewertung schützt Solidarsystem vor Missbrauch

Ein solidarisches System könne nur dann auf Dauer funktionieren, wenn die Entscheidung darüber, was notwendig und wirtschaftlich ist, mit soliden, objektiven wissenschaftlichen Methoden vorbereitet werde. Laut Sawicki ist es deshalb auch kein Zufall, dass praktisch alle europäischen Länder mit solidarischem Gesundheitssystem eine Form der Nutzenbewertung haben. "Sie ist ein Wächter, die Solidarität gegen Missbrauch und die Patienten vor Schaden zu schützen", ist sich Sawicki sicher.


Viele Fehlinformationen über das europäische Gesundheitssystem

Die USA sind ein Beispiel, dass Marktkräfte und Zersplitterung der Solidarität keineswegs die Kosten begrenzen und die Qualität verbessern: Die Gesundheitsausgaben in den USA sind deutlich höher und die Versorgung ist für breite Teile der Bevölkerung wesentlich schlechter. Die neue US-Regierung plant deshalb zum einen eine allgemeine Krankenversicherung nach europäischem Muster einführen. Zum anderen soll die Nutzenbewertung (Comparative Effectiveness Research, CER) im Rahmen des Konjunkturprogramms gefördert werden. Trotz der Defizite des US-amerikanischen Systems stoßen beide Vorhaben jedoch auf heftigen Widerstand. Eine Rolle spielt dabei auch, dass es in den USA viele Vorurteile und Fehlinformationen über das europäische Gesundheitswesen gibt. Dem will der Artikel von Peter Sawicki entgegenwirken.


Artikel aus dem New England Journal auch in Deutsch verfügbar

Das New England Journal of Medicine ist eine der weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Fachzeitschriften in der Medizin. Das in den USA herausgegebene Journal ist zugleich derzeit das Hauptdiskussionsforum für die anstehende US-Gesundheitsreform. Der unter dem Titel "Communal Responsibility für Health Care – The Example Benefit Assessment in Germany" veröffentlichte Beitrag ist als Manuskript auch in Deutsch verfügbar.

Mit der Bedeutung des Solidarprinzips für die Zukunft des deutschen Gesundheitssystem befassen sich auch zwei soeben veröffentlichte, von Peter Sawicki und Mitarbeitern verfasste Beiträge: "Was uns Gesundheit wert sein sollte" erschien erstmalig am 21. Oktober 2009 in der Print-Ausgabe der Wissenschafts-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Aufsatz "Qualität im Gesundheitswesen basiert auf Wissenschaft" ist gerade in einem von Nils C. Bandelow, Florian Eckert und Robin Rüsenberg herausgegebenen Sammelband erschienen (Gesundheit 2030. Qualitätsorientierung im Fokus von Politik, Wirtschaft, Selbstverwaltung und Wissenschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften).


Weiterführende Informationen

Link zum Artikel NEJM im englischen Original:
http://content.nejm.org/cgi/content/full/NEJMp0908797


Artikel aus dem NEJM in deutscher Übersetzung (PDF, 21 KB): http://www.iqwig.de/download/Artikel_NEJM_deutsche_Version.pdf


Link zum FAZ-Artikel: http://www.faz.net/s/Rub7F74ED2FDF2B439794CC2D664921E7FF/Doc~E81210A78309541B98615C04F8E8DED39~ATpl~Ecommon~Scontent.html


Link zum Buchbeitrag "Gesundheit 2030" (PDF, 243 KB): http://www.iqwig.de/download/Koch_Sawicki_Gesundheit_2030.pdf


Quelle: Pressemiteilung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vom 29.10.2009.

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