Kinder, Krätze, Karitas.

Waisenhäuser in der Frühen Neuzeit


Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen zu Halle

 

Ausstellung Kinder, Krätze, Karitas in den Franckeschen Stiftungen zu Halle. Photo: www.kocmoc.net Matthias KnochHalle (4. August 2009) – Tobolsk in Russland, Ebenezer in Nordamerika, Tranquebar in Südindien – die umfassenden Reformen des Halleschen Waisenhauses strahlten im 18. Jahrhundert weit über die Grenzen Europas hinaus. Die Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen "Kinder, Krätze, Karitas. Waisenhäuser in der Frühen Neuzeit" stellt erstmals die Geschichte der Waisenfürsorge in Deutschland vor.

Kinder, Krätze und Karitas – die Waisenhäuser der Frühen Neuzeit auf diese Begriffe zu reduzieren scheint gewagt. Gleichwohl stehen diese Schlagwörter stellvertretend für Ursache, Realität und Absicht der vielen unter dem Namen Waisenhaus zusammengefassten Institutionen vom ausgehenden Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert.

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Der Begriff Krätze (Scabies) verweist auf die Lebensbedingungen vieler Waisenkinder und steht für die mangelhaften hygienischen Bedingungen in vielen Fürsorgeanstalten der Frühen Neuzeit. Knochentuberkulose, Skorbut am Zahnfleisch, Haut- und Lungentuberkulose setzten den Kindern zu. Zudem wurden Waisenhäuser immer stärker Objekte einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik nachdem im Zuge der Reformation die Territorialherren das zunächst spezifisch christliche Phänomen der Karitas als tätige Nächstenliebe gegenüber Waisen mit der Gründung eigener Kinderfürsorgeeinrichtungen aufgebrochen hatten. Man suchte die Kosten für die Einrichtungen niedrig zu halten, indem man sie zum einen dürftig ausstattete, zum anderen eine Arbeitspflicht der Kinder zugunsten der Anstalt einführte.

300 Jahre segensvolle Fußstapfen
Die hohe Sterblichkeitsrate unter den Waisenkindern Mitte des 18. Jahrhunderts hatte zu einem polemisch ausgetragenen Waisenhausstreit geführt. "Erziehung durch Arbeit" oder "Erziehung durch Bildung" wurden in die Waagschale geworfen. Das "Schloss für die Waisen" in Halle war den Befürwortern der Anstaltsfürsorge Beispiel für die Notwendigkeit pädagogischer und sozialer Reformen im Bereich der Waisenfürsorge. Nur wenige hundert Meter südlich des hallischen Marktes in dem direkt vor der Stadt gelegenen Glaucha, war mit der Grundsteinlegung des Waisenhauses im Jahr 1698 unter der Leitung August Hermann Franckes (1663-1727) eine Schulstadt gediehen, die die Aufmerksamkeit aus dem In- und Ausland auf sich zog. Ein vielgliedriges Schulsystem, eine Mädchenschule, der praktische Realienunterricht und nicht zuletzt so wegweisende Einrichtungen wie das Canstein Bibelzentrum oder das Collegium Orientale Theologicum, an dem Fremdsprachen gelehrt wurden, öffneten den Bildungskosmos für Kinder aller Schichten. Über die "Segensvollen Fußstapfen" (1709), einer Schrift Franckes, die gleichermaßen über das in tiefer Frömmigkeit entstandene Werk in Halle informieren und werben sollte, war das Waisenhaus in aller Welt bekannt geworden. Bis heute wirken die halleschen Reformen fort. Die Wiege der Bildungsarbeit der Missionswerke, der heute gesellschaftlich verankerten Anstaltsdiakonie oder der Kinderdörfer im In- und Ausland stand in den Franckeschen Stiftungen.

Die Ausstellung wird noch bis zum 4. Oktober 2009 im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen gezeigt. Im Verlag der Franckeschen Stiftungen erschien der umfangreiche Begleitkatalog:

Kinder, Krätze, Karitas. Waisenhäuser in der Frühen Neuzeit.
Hrsg. v. Claus Veltmann und Jochen Birkenmeier. Halle 2009
(Kataloge der Franckeschen Stiftungen, 23), 232 S.; 193 Abb., 2 Karten, 1 Diagramm
ISBN 978-3-939922-15-5, 24 €



 

Weitere Informationen

 

Franckesche Stiftungen: www.francke-halle.de

Bilder zur Ausstellung:    www.kocmoc.net/fotos/Waisenhaus_Halle/

 


 

Quelle: Pressemitteilung der Franckeschen Stiftungen zu Halle vom 04.08.2009.

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