Langes Ringen um angemessen aufbereitete Hersteller-Daten führt zu Neu- Bewertung von Memantin

 

  • Änderung des IQWiG-Abschlussberichts von 2009: Belege für Nutzen bei Kognition, Hinweise bei Alltagskompetenz

 

Berlin (26. April 2011) – Nachdem der Hersteller des Alzheimer-Medikaments Memantin eine ergänzende Auswertung von Studiendaten vorgelegt hat, sieht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zumindest für eine Therapiedauer von 6 Monaten Belege für einen Nutzen des Wirkstoffs bei der Kognition sowie Hinweise bei den alltagspraktischen Fähigkeiten. Damit ändern sich die Schlussfolgerungen der ersten IQWiG-Nutzenbewertung von 2009. Eine erneute, der Fragestellung angemessene Auswertung von Studiendaten hatte das IQWiG wiederholt bei der Firma Merz eingefordert.

 

 

Zusätzlicher Aufwand kann sich auch für Hersteller lohnen

 

"Wie bei vielen anderen Projekten ist das Institut auch bei Memantin auf Wissenslücken gestoßen. Wenn das so ist, dann machen wir Vorschläge, wie sich diese Lücken schließen lassen", kommentiert IQWiG-Leiter Jürgen Windeler das neue Bewertungsergebnis. "Manchmal braucht man zusätzliche neue Studien, manchmal reicht es, wenn der Hersteller bereits vorhandene Daten weitergibt oder ergänzt. Letzteres war bei Memantin der Fall. Am Ende hat sich der zusätzliche Aufwand auch ausgezahlt", sagt Jürgen Windeler.

 

 

Bei der ersten IQWiG-Bewertung fehlten Daten aus zwei Studien

 

In Deutschland ist der unter dem Handelsnamen "Axura" und "Ebixa" vertriebene Wirkstoff Memantin zur Behandlung von mittelschwerer bis schwerer Alzheimer Demenz zugelassen. In einer ersten, im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) erarbeiteten und im September 2009 veröffentlichten Nutzenbewertung hatten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler keine Nachweise dafür gefunden, dass Patientinnen und Patienten von Memantin profitieren können. Allerdings fehlten unter anderem maßgebliche Informationen zu zwei Studien, die der Hersteller dem IQWiG nicht zur Verfügung gestellt hatte.

 

 

Zusatzanalyse berücksichtigte nur einen Teil der relevanten Studien

 

Anfang 2010 übermittelte die Firma Merz dem G-BA die Ergebnisse dieser beiden Studien sowie Zusatzanalysen aus einer größeren Zahl von Studien. Das IQWiG veröffentliche daraufhin im August 2010 eine zweite Bewertung als Arbeitspapier. Am Fazit des ersten Berichts änderte sich allerdings nichts. Das lag auch daran, dass das IQWiG die Zusatzanalysen, so wie sie von Merz vorgelegt worden waren, nicht verwenden konnte. So hatte Merz unter anderem wiederum nur einen Teil der relevanten Studien einbezogen.

 

Das IQWiG hatte in seinem Arbeitspapier aber beschrieben, wie eine angemessene Analyse der Daten aussehen könnte.

 

 

Auch Ausbleiben von Verschlechterung kann Verbesserung bedeuten

 

Diese Zusatzanalysen, die die Daten in angemessener Weise aufbereiten, reichte die Firma Merz schließlich im Oktober 2010 beim G-BA ein. Dabei handelt es sich um sogenannte Responderanalysen. Bei dieser Art der Auswertung wird gezählt, bei wie vielen Patientinnen und Patienten sich der Gesundheitszustand nach einer Therapie spürbar verbessert (Responder, engl. der Antwortende).

 

Dazu legt man fest, wie groß der Unterschied bei einem Patienten ausfallen muss, um als Verbesserung gewertet zu werden. Dann werden sowohl in der Plazebo-Gruppe als auch in der Memantin-Gruppe alle Patienten gewertet, die mindestens diese Verbesserung erreichen. Bei einer fortschreitenden Erkrankung wie der Alzheimer-Demenz kann auch das Ausbleiben einer Verschlechterung als "Verbesserung" gewertet werden.

 

 

Hinweise auf Nutzen bei alltagspraktischen Fähigkeiten

 

Wie die jetzt vorgelegte Analyse zeigt, war die Zahl der Patienten, deren Merk- und Erinnerungsfähigkeit (Kognition) sich über einen Zeitraum von maximal 6 Monaten spürbar verschlechterte, in der Memantin-Gruppe niedriger. Das IQWiG wertet dies als einen Beleg für einen Nutzen.

 

Auch bei der Alltagskompetenz wie beispielsweise bei der Körperpflege, zeigte sich ein solcher Unterschied zugunsten von Memantin. Dieser war aber deutlich kleiner. Hinzu kommt, dass die Kriterien, nach denen für die Patienten festgelegt wurde, ob sie auf die Behandlung ansprechen, sich – anders als bei der Kognition – nicht bereits durch jahrelangen Gebrauch in Studien bewährt haben. Dadurch ergibt sich eine größere Unsicherheit in der Interpretation der Ergebnisse. Insgesamt geht das IQWiG hier von einem Hinweis auf einen Nutzen – und nicht von einem Beleg – aus.

 

 

Langzeitstudien fehlen

 

Ob Memantin die Lebensqualität verbessert, ist nach wie vor unklar. Denn hier lassen die Studien weiterhin keine Aussagen zu. Auch die jetzt vorgelegten Ergebnisse zu den kognitiven und alltagspraktischen Fähigkeiten gelten nur mit einer zeitlichen Einschränkung. Denn keine der Studien dauerte länger als 6 Monate. "Wir haben noch immer keine Langzeitstudien. Die wären aber gerade bei Alzheimer-Medikamenten, die in der Regel über Jahre eingenommen werden, dringend erforderlich", sagt Jürgen Windeler.

 

 


Quelle: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 26.04.2011 (tB).

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