Langzeitauswirkung von Schüben auf die Gehfähigkeit bei MS

Großangelegte kanadische Untersuchung

Leverkusen (13. November 2009) – Es ist wissenschaftlich erwiesen, das 85 Prozent aller Menschen mit MS mit einem schubförmig-remittierenden Krankheitsverlauf beginnen und dass die Mehrheit später in einen chronisch-progredienten Verlauf übergeht. Ein Schub ist definiert als Verschlechterung bestehender Symptome für mindestens 24 Stunden, ohne dass Fieber und/oder eine Infektion vorliegen. Weil die schubbedingten Verschlechterungen sehr häufig nach einigen Wochen wieder vergehen oder sich deutlich zurückbilden, ist es nicht klar, welchen Anteil MS-Schübe an der Behinderungszunahme haben und welche Rolle die Krankheitsprogression an sich dabei spielt.

Die Arbeitsgruppe um Dr. Tremlett, British Columbia, Kanada, hat zur Erforschung dieser Fragestellung die Krankenakten von insgesamt 2477 MS-Patienten ausgewertet. Der dokumentierte Zeitraum pro Patient betrug im Durchschnitt 20 Jahre, die Zahl der dokumentierten Schübe lag bei 11722. Die Wissenschaftler kamen zu spannenden Ergebnissen:

Diejenige Patienten, die innerhalb der ersten fünf Jahre nach Diagnosestellung einen (oder mehrere) Schübe hatten, hatten ein fast doppelt so hohes Risiko (eine statistische Größe, die nicht auf den Einzelfall zutreffen muss), bis fünf Jahre nach Diagnosestellung eine Gehhilfe (Stock) zu benötigen.

Die Auswirkung solcher Schübe in den ersten fünf Jahren nach Diagnosestellung milderte sich im späteren Verlauf deutlich ab: Diejenigen, die trotz Schüben in den ersten fünf Jahren nach Diagnosestellung keinen Stock brauchten, brauchten ihn auch nach zehn Jahren kaum häufiger (+ 10 Prozent) als die, die in diesen ersten fünf Jahren keinen Schub hatten. Im Umkehrschluss heißt das, dass diejenigen MS-Erkrankten, die lange Jahre keinen Stock als Gehhilfe benötigen, eine gute Chance haben, auch langfristig ohne auszukommen.

Schübe, die später auftraten, entweder länger als fünf oder länger als zehn Jahre nach Diagnosestellung, hatten ebenfalls eine zunehmend schwächer werdende Auswirkung auf die Abnahme der Gehfähigkeit.

Auch das Lebensalter zum Zeitpunkt der Diagnosestellung und zum Zeitpunkt des Auftretens von Schüben schien eine Rolle zu spielen: Die Auswertung der Krankenakten zeigte, dass Schübe bei unter 25-Jährigen eine länger andauernde Auswirkung auf den Behinderungsfortschritt hatten als Schübe bei über 35-Jährigen. Dr. Tremlett schließt daraus, dass der Zeitraum für das Risiko einer schwereren Gehbehinderung bei jüngeren Patienten länger ist als bei älteren, das "Zeitfenster" für eine präventive immunmodulatorische Behandlung aber entsprechend auch.

Die Fachkollegen Dr. Marrie, Universität Manitoba, Winnipeg, Canada, und Dr. Cutter, Universität Alabama, Birmingham, USA, merken allerdings kritisch an, dass in dieser Untersuchung hauptsächlich auf die Gehfähigkeit als Maß der Behinderung abgestellt wurde. Auch wenn die Ergebnisse von Tremlett und Kollegen in dieser Hinsicht für viele Patienten eine positive Botschaft enthalten, dürfe nicht vergessen werden, dass Schübe zahlreiche weitere Auswirkungen haben bzw. haben können — neben den akut durch Schübe ausgelösten Krankheitskosten wie Arbeitsausfall, Krankenhausaufenthalte, Rehabilitationen etc. auch weitere Symptome wie Sehstörungen, kognitive oder motorische Beeinträchtigungen beispielsweise der Hände — die berücksichtigt werden müssten. Die emotionalen Kosten wie Angst und Wut und die sozialen Kosten seien ebenfalls hoch.

Alles in allem unterstreichen auch diese Studienergebnisse erneut, wie wichtig eine möglichst früh einsetzende schubverringernde Therapie der Multiplen Sklerose ist.

Quellen


Pressemitteilung von ms-gateway.de vom 13.11.2009.

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