Mehr Geburten in Deutschland: 1,6 Kinder pro Frau

Max-Planck-Forscher korrigieren die amtlichen Zahlen zu Geburtenraten in Deutschland nach oben

 

Rostock (5. September 2011) – Die offiziellen Geburtenraten, die so genannte „zusammengefasste Geburtenziffer“, unterschätzen die Geburtenneigung, da sie nicht die endgültige Zahl der Kinder angeben, die ein Frauenjahrgang in seinem Leben gebiert, sondern einen vorab berechneten künstlichen Wert (für 2010: 1,46 Ost und 1,39 West). Dieser unterschätzt die endgültige Kinderzahl, wenn Frauen die Geburt ihrer Kinder in ein immer höheres Alter aufschieben, was in Deutschland der Fall ist.

 

Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung in Rostock ist es nun erstmals für Deutschland gelungen, diesen so genannten „Tempo-Effekt“ der alternden Mütter aus den Geburtenraten herauszurechnen: Der korrigierte Durchschnittswert für die Jahre 2001 bis 2008 liegt demnach bei etwa 1,6 Kindern pro Frau sowohl für West- als auch für Ostdeutschland. Die Rostocker Wissenschaftler erwarten eine Trendumkehr im deutschen Geburtenverhalten.

Die Max-Planck-Forscher Joshua Goldstein und Michaela Kreyenfeld, die ihre Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift „Population and Development Review“ veröffentlichten, konnten die Korrekturen berechnen, da ihnen zum ersten Mal eine Zeitreihe verlässlicher Daten darüber vorlag, in welchem Alter Frauen in Deutschland ihre ersten, zweiten oder folgenden Kinder bekamen. Diese Zeitreihen, die für die Tempo-Korrekturen unerlässlich sind, gab es hierzulande bisher nicht, da die offizielle Geburtenstatistik sie nicht erheben konnte.

Den Wissenschaftlern gelang es nun jedoch, eine solche Zeitreihe auf Basis von Krankenhausdaten genau zu bestimmen (siehe Tabelle auf Datenblatt): In Ost wie West steigt das Alter demnach etwa gleich stark: um fast zweieinhalb Monate pro Jahr im Durchschnitt seit 2001. „Das Geburtenverhalten in Ost und West unterscheidet sich trotzdem immer noch deutlich“, sagt Demografin Michaela Kreyenfeld. Insbesondere werden ostdeutsche Frauen früher Mütter: 2008 durchschnittlich mit 27,5 Jahren, ein gutes Jahr vor den West-Müttern.


Die 1970er-Jahrgänge bekommen wieder mehr Kinder

Obwohl die tempo-korrigierte Geburtenrate einen verlässlicheren Eindruck des Geburtenverhaltens gibt als die zusammengefasste Geburtenziffer, ist auch sie nur ein Schätzwert. Auch dieser Wert wird auf Jahresbasis berechnet, um das aktuelle Geburtenverhalten wiederzuspiegeln. Das „tatsächliche“ Geburtenverhalten kann jedoch nur rückblickend auf Basis von Geburtsjahrgängen berechnet werden, mit der so genannten „endgültigen Kinderzahl“.

Deshalb untersuchten Goldstein und Kreyenfeld auch diese Zahl, die sich immer erst dann für einzelne Geburtsjahrgänge angeben lässt, wenn deren Frauen ein Alter von etwa 50 Jahren erreicht haben. Für den Jahrgang 1961 (wird dieses Jahr 50 Jahre alt) liegt die endgültige Kinderzahl bei 1,6 Kindern pro Frau für die alten und bei 1,8 für die neuen Bundesländer. Mit ihren Daten über das Alter der Mütter prognostizierten die MPIDR-Demografen nun erstmals auch den weiteren Verlauf der endgültigen Geburtenrate nach Geburtsjahrgängen.

Demnach sinkt die Kinderzahl für die Frauen, die Anfang der 1960er-Jahre geboren wurden, zunächst auf Werte zwischen 1,5 und 1,6 Kinder pro Frau, und setzt so den Abwärtstrend der letzten Jahrzehnte fort (siehe Grafik auf Datenblatt). Doch dann steigt sie wieder an: „Die Geburtsjahrgänge um 1970 scheinen die Trendwende zu markieren“, sagt Joshua Goldstein. Zwar seien die Vorausberechnungen für Jahrgänge nach 1970 mit einiger Unsicherheit behaftet. Die Trendumkehr sei jedoch sehr wahrscheinlich.


Einfluss der Familienpolitik möglich, aber nicht bewiesen

„Die Trendumkehr bei den endgültigen Geburtenraten könnte mit Änderungen in der jüngeren Familienpolitik zusammenhängen“, sagt Joshua Goldstein. Denn sie beträfe die Generation junger Frauen, die als erste in den Genuss von steigender Kinderbetreuung Unter-Dreijähriger und des neuen Elterngeldes komme. Allerdings würde die Trendumkehr auch in den internationalen Trend passen. Auch in anderen europäischen Ländern lässt sich für die jüngeren Geburtsjahrgänge ein leichter Anstieg der endgültigen Kinderzahl beobachten.


Originalartikel

  • Joshua R. Goldstein, Michaela Kreyenfeld: Has East Germany Overtaken West Germany? Recent Trends in Order-Specific Fertility. Population and Development Review 37 (3).

 

Abb.: Nach einem jahrzehntelangen Rückgang steigen die Geburtenzahlen in Deutschland leicht an. Frauen, die in den 1970er Jahren und später geboren wurden bekommen offenbar wieder mehr Kinder. 

 

Abb.: Nach einem jahrzehntelangen Rückgang steigen die Geburtenzahlen in Deutschland leicht an. Frauen, die in den 1970er Jahren und später geboren wurden bekommen offenbar wieder mehr Kinder.

 

 


 

Quelle:  Max-Planck-Institut für Demografische Forschung, 05.09.2011 (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung