Menschen mit Demenz zuhause besser versorgen
Ambulante Pflegefachkräfte übernehmen erstmals ärztliche Aufgaben

 

Greifswald (10. Mai 2021) — In Deutschland leben gegenwärtig 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Das Fortschreiten der Erkrankung führt häufig zu einem hohen Versorgungsbedarf, der bei vielen Betroffenen, die in der Häuslichkeit leben, nicht umfassend erfüllt werden kann ─ zum Beispiel, weil die nächste ärztliche Praxis weit entfernt ist oder spezielle Versorgungsangebote am Wohnort der Betroffenen nicht verfügbar sind. Um diesem Mangel Abhilfe zu leisten, leitet das DZNE ein Studienprojekt, in dem Pflegefachkräfte erstmals einzelne ärztliche Tätigkeiten im Bereich der ambulanten Demenzversorgung übernehmen. Fachkräfte der Alten- und Krankenpflege werden dafür geschult und weiterqualifiziert.

Pflegehilfsmittel verschreiben, psychosoziale Beratung und Betreuung leisten, Abstimmungen mit beteiligten Professionen wie z.B. Physio-, Ergo- und Logotherapie ─ das sind typische Tätigkeiten, die bisher allein von Ärztinnen und Ärzten bei Menschen mit Demenz ausgeführt werden. Die abnehmende Zahl von Arztpraxen und lange Wege machen diese Versorgung in ländlichen Regionen aber zunehmend schwieriger. Auch die ausreichende Versorgung von Betroffenen in der Großstadt stellt aufgrund der Überlastung von Pflegediensten ein Problem dar. Deshalb sollen künftig speziell qualifizierte Pflegefachkräfte diese Tätigkeiten übernehmen.

 

Ziel: Versorgungslücken reduzieren und dadurch Lebensqualität verbessern

Um künftig eine standardisierte Zusatzqualifikation der Pflegefachkräfte zu ermöglichen, führt das DZNE seit Januar ein Studienprojekt unter dem Namen „InDePendent“ („Interprofessionelle Demenzversorgung: Aufgabenneuverteilung zwischen Ärzten und qualifizierten Pflegefachpersonen in der häuslichen Versorgung“) durch. Das Projekt wird vom DZNE geleitet und in enger Zusammenarbeit mit mehreren Konsortialpartnern wie der Techniker Krankenkasse, der AOK Nordost und der Universitätsmedizin Rostock umgesetzt. Die Evaluation des Projektes erfolgt durch das Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald. Zu den teilnehmenden Bundesländern zählen neben Mecklenburg-Vorpommern auch Brandenburg und Hessen, welche sich mit den Ärztenetzwerken HaffNet, GNEF Gesundheitsnetz Frankfurt a.M. eG, MEDIS Ärztenetz Südbrandenburg und dem Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V. an der Durchführung beteiligen. Die Qualifikation der Pflegefachpersonen wird durch den Bildungsträger WBS Training AG umgesetzt. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) fördert das InDePendent Projekt mit insgesamt ca. 4,3 Millionen Euro. „Unser Ziel ist, bestehende Versorgungslücken durch die Aufgabenumverteilung zu reduzieren und damit langfristig die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, Standortsprecher des DZNE Rostock/Greifswald. „Auch deren Angehörige sollen entlastet werden ─ und ebenso die Hausärzte, die sich dadurch auf ärztliche Kernkompetenzen konzentrieren können.“

 

Intensive wissenschaftliche Betreuung des InDePendent-Projektes

Im Rahmen des Projektes werden im eigenen Zuhause lebende Menschen mit einem Alter von mindestens 70 Jahren und dementieller Erkrankung von ihren Hausärztinnen und Hausärzten über die Studie aufgeklärt und nach Einwilligung als Teilnehmende aufgenommen. Sie werden dann per Zufall in Interventions- oder die Warte-Kontroll-Gruppe eingeteilt. Die teilnehmenden Patienten der Interventionsgruppe bekommen für einen Zeitraum von sechs Monaten eine speziell geschulte Pflegefachkraft mit erweiterter Pflegerolle zur Seite gestellt. Diese identifiziert die Versorgungsbedarfe mit Hilfe eines IT-basierten Versorgungs-Management-Systems und setzt diese anschließend um. Bislang ärztliche Leistungen können nach Rücksprache mit der hausärztlichen Praxis durch die Pflegefachkraft ausgeführt werden. In einer Warte-Kontroll-Gruppe hingegen wird zunächst für sechs Monate die übliche Routineversorgung geleistet ─ anschließend kümmert sich die speziell qualifizierte Pflegefachperson auch um diese Teilnehmenden.

Zu Beginn der Teilnahme sowie nach Abschluss der Betreuung durch die Pflegefachkraft werden die Lebens- und Versorgungssituation der Patienten erfasst und im Anschluss die Unterschiede zwischen beiden Gruppen identifiziert. Nach Beendigung der Teilnahme sollen die Versorgungsbedarfe erneut abgefragt werden, um die Wirksamkeit des neuen Konzeptes zu überprüfen. Das Projekt ist erfolgreich, wenn die Anzahl der unerfüllten Versorgungsbedarfe in der Interventionsgruppe deutlich niedriger als in der Warte-Kontroll-Gruppe ist. Erste Ergebnisse werden im Jahr 2022 erwartet.

 

Rechtliche Grundlage der erstmaligen Umsetzung für die ambulante Versorgung

Grundlage für das Projekt „InDePendent“ und das darin integrierte Weiterbildungsangebot ist eine Regelung im Pflegeweiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008, die es Pflegefachkräften ermöglicht, ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen: Der Paragraph 63 Abs. 3c SGB V enthält einen erweiterten Katalog von ärztlichen Tätigkeiten, die von Berufsangehörigen der Alten- und Krankenpflege übernommen werden dürfen. „Noch niemand hat diese erweiterte Pflegerolle in der ambulanten Versorgung umgesetzt“, erklärt Wolfgang Hoffmann. „Wir sind die ersten, die ganz konkret diese neue Versorgungsform für Menschen mit Demenz, die zuhause leben, einführen wollen. Mit unserer Studie wollen wir die wissenschaftliche Basis dafür schaffen. Wenn der Praxistest jetzt erfolgreich ist, möchten wir diese neue Versorgungsform deutschlandweit etablieren. Dann könnte vielen Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in der Häuslichkeit besser geholfen werden“, so Hoffmann.

 

 

 

Über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Das DZNE erforscht sämtliche Aspekte neurodegenerativer Erkrankungen (wie beispielsweise Alzheimer, Parkinson und ALS), um neue Ansätze der Prävention, Therapie und Patientenversorgung zu entwickeln. Durch seine zehn Standorte bündelt es bundesweite Expertise innerhalb einer Forschungsorganisation. Das DZNE kooperiert eng mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Partnern auf nationaler und internationaler Ebene. Das DZNE ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft.

 

Weitere Informationen

 

 


Quelle: Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), 10.05.2021 (tB).

Schlagwörter: ,

MEDICAL NEWS

New guidance to prevent the tragedy of unrecognized esophageal intubation
Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…
Suliqua®: In komplexem Umfeld – einfach besser eingestellt
Suliqua®: Überlegene HbA1c-Senkung  im Vergleich zu Mischinsulinanalogon
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…

ERNÄHRUNG

Gesunde Ernährung: „Nicht das Salz und nicht das Fett verteufeln“
Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?

ONKOLOGIE

Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…
Mehr Lebensqualität für onkologische Patient:innen durch bessere Versorgung: Supportivtherapie, Präzisionsonkologie,…
WHO veröffentlicht erste Klassifikation von Tumoren im Kindesalter
Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…