Methusalem kontra Eintagsfliege

Langlebige Arten entkommen dem Alterungsprozess nicht besser als kurzlebige

 

Max-Planck-Forscherin fordert Neudefinition des Alterns

 

Rostock (15. Februar 2011) – Weil manche Lebewesen lange leben, glaubte man bisher, dass sie körperlich kaum altern. Wie sollten sie sonst so lange dem Tod widerstanden haben? Diese Logik ist falsch, wie Annette Baudisch vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock jetzt mit biologischen Daten belegt. Tatsächlich bauen langlebige Arten teilweise viel stärker ab als andere Spezies, die früher sterben. Baudisch fordert darum eine neue Definition des Alterns mit zwei Dimensionen: Dem „Tempo“ des Alterns, das die Lebenserwartung widerspiegelt, und seiner „Form“, die besagt, wie die Überlebensfähigkeit des Körpers mit der Zeit ab- oder zunimmt.

 

Anhand von zehn Beispielarten beschreibt Annette Baudisch in der Fachzeitschrift »Methods in Ecology and Evolution«, wo das herkömmliche Konzept des Alterns scheitert: So hat der moderne Mensch unter den zehn Spezies die höchste Lebenserwartung (ab der Geschlechtsreife etwa 70 verbleibende Jahre) und das Rotkehlchen die niedrigste (1,7 verbleibende Jahre). Klassisch gesprochen altert der Vogel also viel stärker als der Mensch. Es zeigt sich aber, dass das Tier einen viel schwächeren körperlichen Verfall erlebt: Während das Rotkehlchen bis zum Tod besser fit bleibt als alle anderen Arten auf der Liste, führt der Mensch sie als „Vergreisungs-Meister“ an.

 

 

Menschen altern 1.000-mal stärker als Rotkehlchen

 

Der Unterschied ist immens: “Moderne Menschen altern körperlich über 1.000-mal stärker als Rotkehlchen”, sagt Annette Baudisch. Der Forscherin gelang es dies auszurechnen, indem sie der Form des Alterns einen mathematischen Wert gab: Je stärker die Mortalität, also das Risiko, in einem bestimmten Lebensjahr zu sterben, mit der Zeit steigt, desto steiler ist ihre Kurve – und somit die Form des Alterns. Bei Menschen steigt das Sterberisiko von der Geschlechtsreife bis zum Erreichen der Lebenserwartung um den Faktor 2.000 – bei Rotkehlchen nur um den Faktor 1,2. Mit Baudischs neuer Definition fällt der Widerspruch zur Kurzlebigkeit der Vögel weg: Rotkehlchen altern zwar in hohem Tempo, weil ihr Leben kurz ist. Ihr Alterungsprozess hat aber die Form einer nur flach ansteigenden Kurve. Beim Menschen hingegen ist das Tempo zwar langsam, denn er lebt lang. Die Form entspricht jedoch einer Kurve, die steil in Richtung zunehmender Degeneration zeigt.

 

Dass Menschen trotzdem viel älter werden als Rotkehlchen, liegt daran, dass ihr Sterberisiko in jedem Alter viel niedriger ist. Doch ihr Körper verliert im Erwachsenenalter merklich die Fähigkeit, sich schnell genug zu regenerieren, um nicht abzubauen. Bei Rotkehlchen klappt die Instandhaltung wesentlich besser. Jedenfalls gut genug, um über ihr kurzes Leben hinweg nicht nennenswert an Überlebenschancen einzubüßen. Einige Arten verfügen über erstaunliche Regenerationskünste. So schafft es der mexikanische Schwanzlurch Axolotl, der sein Leben lang quasi in Babyform durchs Wasser schwimmt, Organe komplett nachwachsen zu lassen. Er kann auch sein Gehirn regenerieren, wenn nötig. Die Kalifornische Gopherschildkröte genießt ein bis zum Tod sinkendes Sterberisiko, wie vermutlich auch Alligatoren und Krokodile. Für Arten wie Rehe, Rothirsche oder Murmeltiere nimmt das Sterberisiko zumindest eine Zeit lang nach der Geschlechtsreife ab. Und einige Vögel wie der Höckerschwan, der Eissturmvogel, oder die Schleiereule können den Verfall in dieser Zeit immerhin auf Null halten.

 

Warum die Spezies so unterschiedlich leben und sterben, ist ein ungelöstes Rätsel der Wissenschaft. „Um das unsichtbare Gesetz des Alterns zu entdecken, müssen wir erklären, welche Rolle es in der Evolution der verschiedenen Arten spielt”, sagt Annette Baudisch. Die Biologin und Mathematikerin arbeitet an einer einheitlichen, evolutionären Theorie des Alterns. Der Grundgedanke: Wie ein Organismus altert, hängt damit zusammen, wie viel Energie er im Lauf des Lebens ins eigene Überleben steckt – durch Wachstum, Instandhaltung oder Reparatur des Körpers –, oder in die Arterhaltung durch Fortpflanzung. „Lebewesen, die sich wie der Mensch intensiv um ihren Nachwuchs kümmern, könnten Kandidaten für starke Vergreisung sein“, sagt Annette Baudisch. Denn die Energie, die sie in ihre Nachkommen investieren, fehlt zur Reparatur des körperlichen Verfalls.

 

 

Lernen als Mittel gegen den Tod?

 

„Dass das Sterberisiko mit dem Alter sinkt, könnte auch soziale Ursachen haben oder durch Lernerfolge bedingt sein“, sagt die MPIDR-Forscherin. So könnte es etwa sein, dass manche Tiere mit der Zeit ihre Überlebenschancen erhöhen, weil sie lernen, besser zu jagen oder Fressfeinden zu entgehen. Sicher ist der Einfluss des Wachstums, wie das Beispiel der Krokodile zeigt: Ihre Mortalität fällt mit dem Alter, weil sie nicht aufhören zu wachsen: Wenn sie vorher nicht von größeren Artgenossen gefressen wurden, werden sie selbst die Größten – und sind nicht mehr in Lebensgefahr.

 

 

Über das MPIDR

Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) untersucht die Struktur und Dynamik von Populationen. Von politikrelevanten Themen des Demografischen Wandels wie Alterung, Geburtenverhalten oder der Verteilung der Arbeitszeit über den Lebenslauf bis hin zu evolutionsbiologischen und medizinischen Aspekten der Alterung. Das MPIDR ist eine der größten demografischen Forschungseinrichtungen in Europa und zählt zu den internationalen Spitzeninstituten in dieser Disziplin. Es gehört zur Max-Planck-Gesellschaft, der weltweit renommiertesten Forschungsgemeinschaft.

 

Abbildung

 

Abb.: Körperlicher Verfall kontra Lebenserwartung? 

 

Abb.: Körperlicher Verfall kontra Lebenserwartung?

 


 

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung, 15.02.2011 (tB).

MEDICAL NEWS

New guidance to prevent the tragedy of unrecognized esophageal intubation
Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Menschen mit Diabetes während der Corona-Pandemie unterversorgt? Studie zeigt auffällige…
Suliqua® zur Therapieoptimierung bei unzureichender BOT
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…
Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…

ERNÄHRUNG

Gesunde Ernährung: „Nicht das Salz und nicht das Fett verteufeln“
Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?

ONKOLOGIE

Nahrungsergänzungsmittel während der Krebstherapie: Es braucht mehr Bewusstsein für mögliche…
Fusobakterien und Krebs
Fortgeschrittenes Zervixkarzinom: Pembrolizumab verlängert Leben
Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…