Weniger Schübe, mehr Lebensqualität

Frühe Basistherapie kann Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose verlangsamen

 

Hamburg (12. September 2008) – Die Frühtherapie der Multiplen Sklerose war eines der relevanten Themen auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Das Ziel jeder MS‑Therapie muss es sein, die Entzündungsaktivität aufzuhalten und möglichst früh Schübe zu vermeiden. Denn Schübe sind ein gravierender Einschnitt in das Leben von MS‑Patienten. Sie können zu einem Fortschreiten der Behinderung führen und das Risiko der Krankheitsprogression kann steigen. Beides bedeutet für Betroffene einen deutlichen Verlust an Lebensqualität. Auf der Pressekonferenz in Hamburg bestätigten MS‑Experten den Nutzen und die Notwendigkeit der Frühtherapie. Präsentiert wurden aktuelle Studiendaten und Praxiserfahrungen zu Avonex® (Interferon beta‑1 a, Biogen Idec) und Tysabri® (Natalizumab, Biogen Idec), die die Forderung nach einer frühen Basistherapie der MS unterstützen.

 

Schübe vermeiden durch frühe antientzündliche Therapie

Wegweisende Studienergebnisse, die die Wirksamkeit der immunmodulatorischen Therapie bereits im Frühstadium der Erkrankung belegen, liefert die CHAMPSStudie (1), berichtete Prof. Hans‑Peter Hartung, Düsseldorf. Untersucht wurden 383 Patienten, bei denen erstmalig ein isoliertes Ereignis, wie zum Beispiel eine Optikusneuritis oder ein Rückenmarksyndrom aufgetreten war. Unter der Behandlung mit Interferon beta‑1a verminderte sich das Risiko während der dreijährigen Studiendauer für ein zweites demyelinisierendes Ereignis und damit für eine klinisch gesicherte MS (CDMS) gegenüber Plazebo signifikant um 51 Prozent.

 

Dass die frühe Behandlung auch einen dauerhaften Vorteil bringt, belegen die Daten der CHAMPIONS‑Studie (2), einer prospektiven Weiterbeobachtung von CHAMPS. 203 Patienten wurden über fünf Jahre nach ihrem ersten Schub beobachtet: Obwohl sie im Mittel nach 29 Monaten von Plazebo auf Avonex umgestellt wurden, blieb der Vorteil der frühen Therapie bestehen. Das Risiko, eine CDMS zu entwickeln war unter Therapie verglichen mit Plazebo auch nach fünf Jahren noch um 43 Prozent gesenkt, das heißt, der Nutzen der frühen Therapie wurde durch eine spätere Behandlung nicht aufgeholt, erläuterte Hartung.

 

Tysabri: effektive Schubprävention, weniger Krankheitsaktivität

Der monoklonale Antikörper Natalizumab ist eine vielversprechende Behandlungsoption bei der schubförmigen MS, erklärte Prof. Bernd Kieseier, Düsseldorf. Bei Patienten, die trotz einer Therapie mit Interferon‑beta weiterhin Krankheitsaktivität zeigen, kann die Indikation für Natalizumab gegeben sein. Orientierend werden ein Schub in den letzten 12 Monaten sowie einige Charakteristika im MRT genannt. Für untherapierte Patienten ist Natalizumab als Basistherapie zugelassen, wenn mindestens zwei Schübe in den letzten 12 Monaten aufgetreten sind und entsprechende MS‑typische Veränderungen im MRT nachzuweisen sind. Im Rahmen der Zulassungsstudie (3) konnte für Tysabri eine sehr gute Wirksamkeit bestätigt werden, fuhr Kieseier fort. „Unter Natalizumab‑Therapie wurde die jährliche Schubrate um 68 Prozent und der Anteil der Patienten mit anhaltender Behinderungsprogression um 54 Prozent reduziert", so Kieseier. Die Anzahl der Gd+‑Läsionen sank um 92 Prozent, was darauf schließen lässt, dass Natalizumab subklinische Entzündungsherde im ZNS reduzieren kann.

 

Die post‑hoc‑Auswertung der Zulassungsstudie untermauert die gute Wirksamkeit: Jeder dritte mit Natalizumab behandelte Patient (37 %) blieb gänzlich frei von Krankheitsaktivität. (4) Auch im dritten Behandlungsjahr bleibt die Schubrate unter Tysabri stabil niedrig und der Anteil progressionsfreier Patienten ist mit fast 90 Prozent weiter sehr hoch (5). Zudem zeigt Tysabri einen günstigen Effekt auf die Lebensqualität (6): Während Patienten, die Plazebo erhielten, eine Einbuße der Lebensqualität im physischen (‑1,3 Punkte nach dem SF‑36‑Fragebogen) und mentalen Bereich (‑0,5 Punkte) erleben, wurde die Lebensqualität von Natalizumab-Patienten positiv beeinflusst (physische: +0,7 Punkte, mental: +2,0 Punkte).

 

Zu den zwei im Juli 2008 aufgetretenen PML‑Fällen erklärte Kieseier: „Der Ärztliche Beirat der DMSG sieht das Nutzen‑Risiko‑Profil unverändert positiv". In seiner Stellungnahme (7) erklärt der Beirat: „Momentan sehen wir keine über die bisherigen Empfehlungen hinausgehenden Einschränkungen für den therapeutischen Einsatz von Tysabri, durch den viele MS‑Patienten, bei denen andere Therapien versagt hatten, im Alltag stabilisiert werden. Wir appellieren an alle Ärzte und Patienten für einen äußerst sorgfältigen Umgang mit Natalizumab zu sorgen, einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu immunsuppressiven Vorbehandlungen einzuhalten und eine engmaschige Überwachung der Therapie mit detaillierter Dokumentation durchzuführen".

 

Biogen Idec MS‑Pipeline: Hohe therapeutische Vielfalt

Die MS‑Produktpipeline von Biogen Idec ist die umfassendste in der Branche. Sie enthält vielversprechende neue Produkte in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und unterstreicht damit die Unternehmensstrategie, die therapeutische Vielfalt für MS‑Patienten stets zu optimieren.

 

Mit der Einführung von Tysabri ist Biogen Idec einer der bedeutendsten Fortschritte in der MS‑Behandlung seit 10 Jahren gelungen. Die aktuellste Neuentwicklung der Biogen Idec Pipeline ist der orale Fumarsäureester BG‑12, der in einer Phase Ilb-Studie (8) einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei guter Verträglichkeit zeigt, informierte Prof. Heinz Wiendl, Würzburg. Patienten in der BG‑12‑Gruppe zeig­ten eine 69 prozentige signifikante Reduktion der Gd+‑Läsionen gegenüber Plazebo. Diese guten Resultate haben dazu geführt, dass die Wirksamkeit von BG‑12 in den Phase III‑Studien DEFINE (9) und CONFIRM (10) untersucht wird. Zurzeit läuft die Rekrutierung für beide Studien, die mehr als 2.000 Patienten mit schubförmiger MS einschließen. Evaluiert werden verschiedene Dosierungen von BG‑12. Bei der CONFIRM‑Studie wird zusätzlich in einem Arm die Therapie mit Glatirameracetat verglichen. Erste Er­gebnisse werden 2010 erwartet, so Wiendl.

 

Weitere Wirkstoffe in der Biogen Idec MS‑Pipeline sind Daclizumab, Rituximab und Anti‑LINGO‑1. Daclizumab ist ein subkutan verabreichter monoklonaler Antikörper, der an die IL‑2‑Rezeptoren auf aktivierten T‑Zellen bindet und so in die Regulation des Immunsystems eingreift. Rituximab ist ein chimärer humaner monoklonaler Anti­körper der an CD20 von B‑Zellen bindet und diese eliminiert. Dadurch werden Ent­zündungskaskaden und Interaktionen mit T‑Zellen reduziert. Anti‑LINGO‑1 ist ein monoklonaler Antikörper, der LINGO‑1, einen negativen Regulator der Oligodendro­zyten‑vermittelten Myelinisierung, blockiert und so die Nervenzellen in MS‑Läsionen zur erneuten Bildung von Myelin und Reparatur der Markscheide anregt.

 

 

Anmerkungen

1 Jacobs LD et al., N Engl J Med 2000; 343: 898‑904

2 Champions Study group, Neurology 2006; 66: 678‑684

3 Polman CH et al., N Engl J Med 2006; 354: 899‑910

4 Galetta SL et al., Natalizumab Increases the Proportion of Patients Who Are Disease‑Free Based an Clinical or MRI Criteria in Relapsing Multiple Sclerosis. Poster presented at 60" Annual Meeting of the American Academy of Neurology, Chicago/USA, 12.‑19.04.2008 / P02.156.

5 O’Connor et al., Neurology 2007; 68: P06.082

6 Rudick et al., Ann Neurol 2007; 62: 335‑346

7 Gold et al., online publiziert am 05.09.08, www.dmsg.de

8 Kappos L et al., J Neurol 2006; 253:27

9 DEFINE = A Randomized Multicenter, Double‑Blind, Placebo‑controlled, Dose‑Comparison Study to Determine the Efficiacy and Safety of BG00012 in Subjects with Relapsing‑Remitting Multiple Sclerosis

10 CONFIRM = A Randomized, Multicenter, Double‑Blind, Placebo‑controlled and Active Reference (Glatiramer-Acetate) Com­parison Study to Evaluate the Efficiacy and Safety of BG00012 in Subjects with Relapsing‑Remitting Multiple Sclerosis

 


 

Quelle: Pressekonferenz der Firma Biogen Idec zum Thema “Weniger Schübe, mehr Lebensqualität: Neue Perspektiven für die Therapie der Multiplen Sklerose mit Tysabri®” am 12. September 2008 in Hamburg (Ogilvy).

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