Abbildung: Bei schleichender Multipler Sklerose sind Steh- und Gehfähigkeit meist eingeschränkt. Photo und Copyright: UKW/Berthold Steinhilber Multiple Sklerose

Arznei könnte bei Patienten das Risiko für Darmkrebs erhöhen

Würzburg (12. Mai 2016) – Das bei aggressiven Formen der Multiplen Sklerose (MS) verabreichte Medikament Mitoxantron könnte mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs einhergehen, so die Ergebnisse einer Studie von Forschern des Universitätsklinikum Würzburg (UKW), die in der Onlineausgabe der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht wurde. In der Studie wurden unter der Leitung des Würzburger Mediziners und MS-Experten Privatdozent Dr. Mathias Buttmann retrospektiv 676 MS Patienten untersucht, die Mitoxantron zur Behandlung ihrer MS Erkrankung zwischen 1994 und 2007 verabreicht bekamen. Mitoxantron unterdrückt das Immunsystem und wurde zunächst als chemotherapeutisches Präparat für bestimmte Krebsformen entwickelt.

Mitoxantron wird bei den aggressiven Formen der schubförmigen oder chronisch-voranschreitenden Multiplen Sklerose eingesetzt, wenn der Patient auf kein anderes MS Medikament anspricht. Der Gebrauch des Stoffes ist limitiert, da vorangegangene Studien bereits gezeigt hatten, dass das Risiko an Leukämie zu erkranken oder Herzschäden zu bekommen, sich erhöht. In der aktuellen Studie untersuchte Mathias Buttmann, ob Mitoxantron das Risiko an anderen Krebsleiden zu erkranken, erhöht. Das Gesamtkrebsrisiko steigt gering, mit einem Faktor von 1,5: Von den 676 untersuchten Patienten wurde bei 37 ein Krebsleiden diagnostiziert, darunter Brustkrebs, Darmkrebs und Leukämie. Die Neuerkrankungsrate an Leukämie war um das Zehnfache, an Darmkrebs um das etwa Dreifache nach Mitoxantronbehandlung erhöht, während das Brustkrebsrisiko nicht erhöht war. „Auch wenn das Risiko für akute myeloische Leukämie und auch für Darmkrebs erhöht ist, ist das Gesamtrisiko an Krebs zu erkranken gering genug, um das Medikament weiterhin bei Patienten einzusetzen, die von der MS schwer betroffen sind und wenn keine andere Behandlung verfügbar ist“, so der Studienleiter. Es gelte, die Risiken des Medikaments in jedem Einzelfall sorgfältig gegen den erwarteten Nutzen abzuwägen, damit Arzt und Patient dann gemeinsam eine Entscheidung für oder gegen die Therapie treffen können, sagt Buttmann. Mitoxantron ist derzeit die einzig zugelassene Substanz für Patienten mit sekundär chronisch-voranschreitender MS ohne überlagerte Krankheitsschübe.

Die UKW-Forscher untersuchten in der Studie auch Faktoren, wie die erhaltene Gesamtdosis oder ob weitere immunsupprimierende Medikamente eingenommen wurden, was das Krebsrisiko in der Gruppe der Studienteilnehmer ebenfalls hätte erhöhen können. Einzig ein höheres Alter bei Therapiebeginn wurde als Risikofaktor identifiziert.

„Das Gesamtkrebsrisiko nach Mitoxantrongabe ist zumindest über den untersuchten Zeitraum nur gering erhöht“, betont der Neurologe Buttmann. „Auch bedarf es jetzt noch einer unabhängigen Bestätigung dieser ersten, relativ kleinen Untersuchung zur Mitoxantrongabe und dem möglicherweise erhöhten Darmkrebsrisiko. Frühere Studien hatten kein erhöhtes Risiko für Darmkrebs gefunden. Daher wäre es jetzt verfrüht praktische Rückschlüsse zu ziehen.“ Falls sich die Ergebnisse in den Folgestudien bestätigen, so könnten Vorsorgeuntersuchungen nach der Medikamentengabe folgen. Mit Koloskopien beispielsweise, kann Darmkrebs früher diagnostiziert und behandelt werden. Hiervon abgesehen hofft der Würzburger MS-Experte Buttmann darauf, dass in den nächsten Jahren neue Therapien für MS-Patienten mit schleichenden Verlaufsformen zugelassen werden, die bei mindestens vergleichbarer Wirksamkeit sicherer sind als Mitoxantron.

Abbildung oben: Bei schleichender Multipler Sklerose sind Steh- und Gehfähigkeit meist eingeschränkt. Photo und Copyright: UKW/Berthold Steinhilber


Weitere Informationen


Quelle: Universitätsklinikum Würzburg , 12.05.2016 (tB).

MEDICAL NEWS

New guidance to prevent the tragedy of unrecognized esophageal intubation
Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…
Suliqua®: In komplexem Umfeld – einfach besser eingestellt
Suliqua®: Überlegene HbA1c-Senkung  im Vergleich zu Mischinsulinanalogon
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…

ERNÄHRUNG

Gesunde Ernährung: „Nicht das Salz und nicht das Fett verteufeln“
Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?

ONKOLOGIE

Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…
Mehr Lebensqualität für onkologische Patient:innen durch bessere Versorgung: Supportivtherapie, Präzisionsonkologie,…
WHO veröffentlicht erste Klassifikation von Tumoren im Kindesalter
Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…