Multiple Sklerose

Rationale der Frühtherapie

 

Von Priv.‑Doz. Dr. med. Karl Baum

 

Leverkusen (4. Juni 2007) – Die Zahl der Menschen mit Multipler Sklerose wird in Deutschland auf etwa 140.000 geschätzt. Die Erkrankung manifestiert sich am häufigsten um das 30. Lebensjahr herum, doch können auch Kinder und Jugendliche bereits erkranken und ebenso ist eine Krankheitsmanifestation in höheren Lebensjahren noch möglich.

Krankheitsaktivität ist initial am höchsten
Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich bei den meisten Patienten um eine Autoimmunerkrankung, wobei primär T‑Lymphozyten und bei vielen Patienten auch Autoantikörper gegen Myelin gebildet werden.
Sekundär ist eine axonale Schädigung möglich, welche wesentlich für die bleibenden Behinderungen verantwortlich gemacht wird. Die Erkrankung verläuft bei mehr als 80 % schubförmig, ist dabei im Hinblick auf die Entzündungsaktivität aber zu keinem Zeitpunkt aktiver als in den ersten drei Jahren nach Auftreten der ersten klinischen Symptomatik. 6 Monate nach klinischer Erstmanifestation zeigt bereits die Hälfte der Patienten bei Nicht‑Behandlung eine Neubildung von Entmarkungsherden.
Allerdings dauert es vom Auftreten erster Symptome bis zur Diagnosestellung im Mittel immer noch 3 ‑ 4 Jahre. Die Zeit der höchsten Krankheitsaktivität ‑ und damit sehr wahrscheinlich auch die Zeit der größten Therapiechancen ‑ wird damit leider therapeutisch bislang meist nicht genutzt.
Die verspätete Diagnosestellung hat ihre Ursachen in der zum Teil schillernden Vielfalt der Symptome und dem Fehlen für die Krankheit spezifischer Symptome und apparativer Befunde.
Die Diagnose „Multiple Sklerose" wird deshalb über Diagnosekriterien gestellt, und zwar konkret nach den McDonald‑Kriterien, die erstmals im Jahre 2001 publiziert und 2005 überarbeitet wurden.
Gefordert wird dabei eine zeitliche wie auch eine topische Dissemination von Läsionen im zentralen Nervensystem.
In der Fassung aus dem Jahre 2001 wurde darüber hinaus ein so genannter CIS‑Patient (Klinisch isoliertes Syndrom) definiert als Patient mit erstmals auftretender Symptomatik.
Es handelt sich per definitionem um Menschen, bei denen eine Multiple Sklerose zwar nicht gesichert, aber höchstwahrscheinlich ist. Denn eine sichere Diagnosestellung ist nach den McDonald‑Kriterien erst zu stellen, wenn der Nachweis einer erneuten Krankheitsaktivität geführt wird, was zumeist über Kernspintomographie‑Kontrollen geschieht.

Plädoyer für eine Frühtherapie der Multiplen Sklerose
Die initial hohe Krankheitsaktivität unterstreicht die Notwendigkeit einer Frühtherapie der Multiplen Sklerose.
Die Zusammenhänge müssen vor allem den betroffenen Patienten bewusst gemacht werden, und diese müssen dahingehend aufgeklärt werden, dass eine vorbeugende Basistherapie notwendig ist mit dem Ziel, die Krankheitsprogression zu bremsen, erneuten Krankheitsschüben entgegenzuwirken und Behinderungen vorzubeugen.
Es gibt inzwischen deutliche Hinweise dafür, dass bereits CIS‑Patienten von einer solchen Behandlung profitieren, und dass durch eine frühzeitige Basistherapie eine erneute MRT‑gesicherte Krankheitsaktivität und ebenso ein zweiter klinischer Krankheitsschub hinausgezögert werden. Dies belegen unter anderem die Daten der BENEFIT‑Studie (Betaferon®/Betaseron® in Newly Emerging Multiple Sclerosis For Initial Treatment), in der CIS‑Patienten placebokontrolliert mit Interferon beta‑lb behandelt wurden.
In der Verumgruppe entwickelten dabei bereits nach sechs Monaten signifikant weniger Patienten neue Aktivitäten in der Kernspintomographie und auch nach zwei Jahren zeigte sich ein deutlicher Therapievorteil bei Patienten unter Interferon beta‑lb gegenüber jenen in der Placebogruppe.
Die BENEFIT‑Studie unterstreicht einerseits die Brisanz der frühen.
Phase der Multiplen Sklerose und andererseits die hohe Bedeutung einer Frühtherapie im Hinblick auf die Langzeitprognose der Patienten. Denn es gilt als gesichert, dass eine enge Korrelation zwischen der Zahl der initialen Krankheitsherde und der allgemeinen Progredienz der Erkrankung besteht. Die Zweijahres‑Ergebnisse der BENEFIT‑Studie fügen sich gut in den Gesamtzusammenhang auch anderer Studienergebnisse ein, was letztlich zur Zulassung von Interferon beta‑lb (Betaferon~) für die Frühtherapie der Multiplen Sklerose bei CIS ‑ Patienten geführt hat.

 

Autor
Priv. Doz. Dr. med. Karl Baum
Oberhavel Kliniken GmbH
Klinik Hennigsdorf Klinik für Neurologie
Marwitzer Str. 91
16761 Hennigsdorf


Quelle: Pressekonferenz der Firma Bayer HealthCare zum Thema „Frühtherapie der Multiplen Sklerose: neueste Ergebnisse der klinischen Forschung" am 04.06.07 in Leverkusen. (tB)

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