Multiple Sklerose: Satellitensymposium der Teva Specialty Medicines im Rahmen des 86. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Neue Betrachtungen und Therapieziele

 

Dresden (18. September 2013) – Um die Multiple Sklerose in ihrer Gesamtheit besser zu verstehen, reicht es längst nicht mehr aus, sie nach traditionellen Mustern zu betrachten – so spielen neben den Standardmarkern Läsionen und Schübe auch das Ausmaß der Hirnatrophie und die Behinderungsprogression eine maßgebliche Rolle. Dies war das Ergebnis des Satellitensymposiums der Teva Specialty Medicines im Rahmen des 86. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Dresden.

Der Vorsitzende des Symposiums, Prof. Dr. Tjalf Ziemssen, Leiter des Multiple Sklerose Zentrums, Klinikum Carl Gustav Carus, Dresden, sprach davon, dass mittlerweile eine maßgeblichen Veränderung im Verständnis der Erkrankung eingetreten sei. Bezüglich der derzeitigen Standardmarker ließe sich nahezu ein Paradigmenwechsel feststellen, denn entzündliche Läsionen und Schübe sind nicht, wie ursprünglich angenommen, allein für das vollständige Ausmaß der Hirnatrophie und Behinderungsprogression verantwortlich. Weitere Indikatoren, die zu einer diffusen, chronischen Entzündung beitragen, rücken mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

 

 

Klinische Relevanz bewährter und innovativer Ansätze

 

Ein Ansatz, der teilweise bereits in der Erforschung von Glatirameracetat in Betracht gezogen wurde. „Glatirameracetat ist ein Pionier in der Behandlung der schubförmigen MS“, betonte Prof. Dr. Ralf Gold, Klinikdirektor der Neurologischen Universitätsklinik Bochum. Für dieses Basistherapeutikum liegen heute sogar 15-Jahres-Daten vor, in denen die Effizienz und Verträglichkeit nachgewiesen wurde. „In einer unabhängigen MS-Studie der amerikanischen Multiple Sklerose Gesellschaft wurde ferner die Überlegenheit von Glatirameracetat gegenüber einer Kombination mit Interferon beta-1a (IFN) klar bestätigt“, erläuterte Gold und verwies auf die CombiRx-Studie. Die unabhängige Studie mit 1.000 teilnehmenden Patienten verglich eine Gruppe unter Kombinationstherapie von Glatirameracetat und IFN mit einer Gruppe unter Monotherapie mit Glatirameracetat. „Die Kombinationstherapie zeigte keinerlei klinische Vorteile bei der Schubratenreduktion“, so Gold, während im Head-to-Head-Vergleichsarm Glatirameracetat dem IFN-Arm überlegen war.

 

Mit Blick auf die Neuroprotektion und die Kompartimentalisierung der Entzündung im Anschluss an die akute Phase unterstrich Gold: „Wir benötigen Medikamente, die vor Ort wirken. Laquinimod wäre ein solches, da es die Blut-Hirn-Schranke überwindet.“ Dieser neue Wirkstoff ermögliche eine neue Form des Denkens, denn: „Wir haben ein Medikament, das in der eingesetzten Dosis von 0,6 mg eine relativ geringe Einwirkung auf das Immunsystem hat und uns ermöglicht, die Neurobiologie ganz anders zu sehen.“ Der bisherige Denkansatz ging davon aus, dass eine indirekte Neuroprotektion durch ein Eindämmen der peripheren Entzündung erfolgt. „Nun lässt sich das aber recht gut trennen, da wir unter Laquinimod einen positiven Einfluss auf das Aufhalten der Hirnatrophie sehen, der kein Effekt ist, der über die Einwirkung auf die Entzündung vermittelt wird“, so Gold weiter. „Dies liegt daran, dass Laquinimod die Blut-Hirn-Schranke überwindet und direkt im Zentralnervensystem wirken kann.“ Die Neuroprotektion sei in den bis dato getesteten Dosierungen bereits sehr hoch und im Hinblick auf die Nebenwirkungen zeige sich der Wirkstoff auf Basis der laufenden Studien unbedenklich.

 

 

Paradigmenwechsel: Ein neues Verständnis im Sinne der MS-Therapie

 

Prof. Dr. Wolfgang Brück, Direktor der Abteilung Neuropathologie, Universitätsmedizin Göttingen, stellte neueste pathologische Einsichten vor und erläuterte die neuropathologischen Zusammenhänge, die bei der diffusen Entzündung im Zentralnervensystem ausschlaggebend für Hirnatrophie und Neurodegeneration sind: „Es reicht längst nicht mehr aus, nur die Läsionen in der weißen Substanz zu betrachten – Aufschluss über die Progression liefert uns ein Blick in die graue Substanz.“ Neben der eigentlichen Entzündungsreaktion spielen seiner Auffassung nach auch die Gliose und die Neurodegeneration eine entscheidende Rolle zum Verständnis der MS. „Letztere ist ein Korrelat der klinisch fortschreitenden Behinderung und somit bedeutend in der Pathophysiologie der MS.“ Die Therapie ist auf Grundlage neuester Erkenntnisse also längst nicht mehr auf den Einfluss auf die fokale und akute Entzündung zu reduzieren. „Pathologische Befunde legen nahe, dass neben den zumeist peripher ausgerichteten Ansätzen die chronischen, degenerativen Prozesse innerhalb des ZNS als Ziel der Therapie neuer und vielversprechender Ansätze zu sehen sind.“

 

Betrachtet man die Neurodegeneration bei der Multiplen Sklerose genauer, so zeige sich, dass ZNS-residente Zellen einen Mechanismus auslösen, der zu den zusätzlichen diffusen Gewebeschäden führt. Die Aktivierung von Astrozyten im ZNS sei dabei der Schlüssel zur diffusen Neurodegeneration. Demyelinisierung, axonaler Verlust, Vernarbung von Glia und der Verlust von Oligodendrozyten sind die Folgen der Astrozytenaktivierung und verursachen im Ergebnis die diffusen Schäden. Im Ergebnis tragen also sowohl der klassische, T-Zell-vermittelte Mechanismus als auch der ZNS-residente Mechanismus zur Progression der Erkrankung und dem Auftreten von Behinderungen bei. „Durch diese duale Pathogenese sollten Therapien idealerweise sowohl peripher als auch zentral wirksam sein“, betonte Brück. Hier genau setze Laquinimod an: „Der Wirkstoff beeinflusst das periphere Immunsystem und wirkt innerhalb des Zentralnervensystems“, so Brück abschließend.

 

 

Die Neurodegeneration erkennen und bewerten

 

Die Veränderungen im eigentlich normalerscheinenden Gewebe zu bestimmen, um so neuronale Schädigungen und regenerative Prozesse erkennen zu können, sei die Herausforderung, stellte Prof. Dr. Michael Sailer, Restaurative Neurologie, Neurologische Universitätsklinik, Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg, MEDIAN-Kliniken, NRZ Magdeburg, fest. „Wir müssen in Zukunft sowohl die Entzündung als auch den Gewebeverlust in der Bildgebung berücksichtigen“, betonte Sailer. „Erst eine tiefer gehende Betrachtung der verborgenen neurodegenerativen Mechanismen ermöglicht ein besseres Verständnis der Multiplen Sklerose.“ So trage die MRT-Bildgebung zwar zur Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose bei, jedoch gebe es bis heute keine spezifischen prädikativen Marker der Bildgebung für den klinischen Verlauf der Erkrankung. „Die traditionelle Bildgebung ist im Wesentlichen ein diagnostisches Verfahren. Dies korreliert aber nicht vollständig mit der neurologisch-klinischen und körperlichen Behinderung.“ Sailer ist überzeugt: Nicht-konventionelle Bildgebungsverfahren sind notwendig, um die klinische Krankheitsaktivität besser abbilden und die krankheitsmodifizierenden Therapien besser darstellen zu können. Erst mit speziellen MRT-Verfahren wie der Magnetization Transfer Ratio (MTR) oder der Messung der Hirnatrophie können die Schäden entdeckt und quantifiziert werden. Vonnöten sei hier neben einer lückenlosen Kommunikation zwischen radiologischen und neurologischen Instanzen auch die entsprechende Infrastruktur, die eine notwendige Vernetzung der Beteiligten ermögliche. „Es reicht nicht nur der Rennwagen. Sie brauchen ein Boxen-Team, um das PS-starke Gerät auch einsatzfähig zu machen“, sagte Sailer. 

Abbildungen 

Illustration_Wege_Degeneration.jpg

Abb. 1: Zwei Wege führen zur Degeneration. Alle Graphiken: TEVA Specialty Medicines

Illustration_Pathomechanismen. Graphik TEVA Scecialty Medicines

Abb. 2: Pathomechanismen der Multiplen Sklerose.

130904_Illu_Schubrate_MS. Graphik: TEVA Specialty Medicines

Abb. 3: CombiRx-Studie – jährliche Schubrate nach 7 Jahren.

 

Referenzen 

  1. Lublin F et al. The CombiRx Trial: Randomized study combining interferon and glatiramer acetate in multiple sclerosis. Annals of Neurology 2013. DOI: 10.1002/ana.23863.
  2. Lublin F et al. Relapse activity in the CombiRx trial: Blinded, 7-Year extension results. Abstract presented at the 65th Annual Meeting of the American Academy of Neurology, San Diego, March 16-23, 2013.
  3. Lublin F et al. EDSS Changes in CombiRx: Blinded, 7-Year extension results. Abstracts presented at the 65th Annual Meeting of the American Academy of Neurology, San Diego, March 16-23, 2013.
  4. Filippi M et al. Evidence for widespread axonal damage at the earliest clinical stage of multiple sclerosis. Brain. 2003;126:433–437.
  5. Miller DH et al. Measurement of atrophy in multiple sclerosis: pathological basis, methodological aspects and clinical relevance. Brain. 2002;125:1676–1695.
  6. Charil A et al. Inflammatory demyelination and neurodegeneration in early multiple sclerosis. J Neurol Sci. 2007;259:7–15.

 

Teva Specialty Medicines

 

Der Standort der Teva in Berlin ist auf die Vermarktung innovativer Arzneimittel ausgerichtet. Hier stehen patentgeschützte Arzneimittel aus den Bereichen Neurologie, Schmerz und Atemwegs­erkrankungen im Fokus. Das Originalprodukt Copaxone® aus der eigenen For­schung der Teva ist in Deutschland Marktführer im MS-Markt. Zum Unternehmen Teva mit Hauptsitz in Ulm gehört mit ratiopharm die meistverwendete und bekannteste Arzneimittelmarke Deutschlands. Als Firmenverbund sind Teva und ratiopharm die Nummer eins am europäischen Generikamarkt. Die rund 3.150 Teva-Mitarbeiter in Deutschland verteilen sich auf die Standorte Ulm, Blaubeuren/Weiler und Berlin.

 

Teva Pharmaceutical Industries Ltd. mit Firmensitz in Israel gehört zu den 15 größten pharmazeutischen Konzernen und ist auf die Entwick­lung, Produktion und den Vertrieb von Generika und patentgeschützten Medikamenten sowie Wirkstoffen spezialisiert. Teva Pharmaceutical Industries Ltd. ist Weltmarktführer unter den Generikaunternehmen. Der Konzern beschäftigt weltweit über 46.000 Mitarbeiter und erzielte im Jahr 2012 einen Umsatz von 20,3 Milliarden US-Dollar.

 


 

Quelle: Satellitensymposium der Teva Specialty Medicines im Rahmen des 86. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Dresden, 18.09.2013 (hB).

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