Neurologen warnen vor Stammzellentherapie für Parkinson-Patienten

 

Nürnberg (23. September 2009) – Der Behandlung von Parkinson-Patienten mit so genannten adulten Stammzellen fehlt nach dem aktuellen Kenntnisstand jegliche wissenschaftliche Grundlage. Parkinson-Experten warnten am Mittwoch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Nürnberg daher eindringlich vor Therapieangeboten, die für mehrere Tausend Euro vom XCell-Center in Köln und Düsseldorf angeboten werden.


 

„Der angebotenen Stammzelltherapie mit adulten Stammzellen fehlt nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand jeglicher Nutzen. Dies müssen Patienten, die ihre Hoffnungen hierauf richten, wissen“, warnt Professor Wolfgang Oertel, 1. Vorsitzender der Deutschen Parkinson-Gesellschaft und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. So werden u. a. am XCell-Center für eine „Stammzellenbehandlung der Parkinsonkrankheit“ zwei verschiedene Eingriffe angeboten, bei denen jeweils zunächst Knochenmark aus dem Hüftknochen entnommen wird und die darin enthaltenen Stammzellen nach einigen Tagen in Kultur wieder in den Körper transplantiert werden.

 

Für eine Injektion dieser Zellen in das Nervenwasser mittels Lumbalpunktion oder einer Implantation der Stammzellen direkt in das Gehirn müssen die Patienten laut Internetseite von X-Cell 7545 bzw. 26. 000 Euro bezahlen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen diese Kosten nicht, denn sie sind per Gesetz verpflichtet, nur das zu zahlen, was ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich ist – was für die Stammzelltherapie mit adulten Stammzellen bei Parkinsonerkrankung offensichtlich nicht zutrifft.

 

Die Patientin Petra Aschenbeck, die heute auf dem Jahrestreffen in Nürnberg über ihre Behandlung im XCell-Center gesprochen hat, erzählte: „ Als ich wegen meiner Krankheit arbeitsunfähig wurde und nicht mehr als Standesbeamte arbeiten konnte, erfuhr ich im Internet von diesem Angebot. Dort war ein Mann dargestellt, der nach der Behandlung wieder Auto und Motorrad fahren konnte, fast so, als ob sein Parkinson geheilt wäre.“ Ohne Rücksprache mit ihrem Neurologen habe sie mit dem Geld ihrer Eltern den etwa 7.500 Euro teuren Eingriff bei sich vornehmen lassen – bezahlen musste sie im voraus. „Ich dachte es hilft, aber nach fünf Wochen ging es mir schlechter als zuvor. Anderen würde ich das nicht  empfehlen“, sagte Aschenbeck, die inzwischen wieder von einem Facharzt für Neurologie behandelt wird und deren Symptome sich seitdem wieder gebessert haben.

 

Auf die aus fachlicher Sicht dubiosen Angebote der privaten Klinik mit Sitz in Köln und Düsseldorf stößt man schnell, wenn man die entsprechenden Begriffe im Internet sucht. Unweigerlich werden Internet-Nutzer dann mit entsprechenden Anzeigen konfrontiert, in denen von „ersten Erfolgen mit der innovativen Stammzellentherapie in Deutschland“ die Rede ist. Neben der Parkinson-Krankheit sollen ähnliche Eingriffe auch bei Alzheimer und ALS, bei Arthrose und Diabetes, bei Herzerkrankungen und Multiple Sklerose, nach Schlaganfällen und bei Verletzungen des Rückenmarks helfen.

 

Nachweise für diese Behauptungen in Form von wissenschaftlichen Veröffentlichungen gibt es indes keine. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit, keinen wissenschaftlichen Nachweis der Sicherheit und Verträglichkeit, und es gibt keine wissenschaftlich begründete Abwägung von Nutzen und Risiken, sodass ich einem Patienten nicht empfehlen würde, dieses Therapieverfahren anzuwenden“, so der Parkinson-Experte Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Marburg. Er appelliert daher an den Gesetzgeber, derartigen Behandlungsangeboten einen eindeutigen Riegel vorzuschieben.

 

Wie unwahrscheinlich es ist, dass das Einbringen eines Zellpräparates ins Gehirn die Parkinsonsche Krankheit lindern kann, zeigen die wissenschaftlichen Fakten:  Das Leiden geht einher mit dem Verlust einer vergleichsweise winzigen Menge an hochspezialisierten Zellen, die tief im Inneren des Gehirns – in der Substantia nigra – liegen. Diese komplex vernetzten Zellen produzieren den Botenstoff Dopamin. Um den Niedergang bzw. Ausfall dieser Zellen auszugleichen, steht heute ein ganzes Arsenal an Medikamenten zur Verfügung. Diese werden von erfahrenen Neurologen so kombiniert, dass den meisten Parkinson-Kranken geholfen werden kann und diese eine fast normale Lebenserwartung aufweisen. Im fortgeschritten Stadium der Krankheit kommen auch chirurgische Eingriffe in Betracht, vor allem die „tiefe Hirnstimulation“, mit der bis zu 50 Prozent der Medikamente eingespart werden können und mit der eine gleich bleibende gute Beweglichkeit über den ganzen Tag erzielt werden kann. Dies wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen, die in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden und deren Resultate in öffentlichen Datenbanken frei zugänglich sind.

Im Gegensatz dazu gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit der am XCell-Center und ähnlichen Einrichtungen angebotenen Eingriffe. Dies ist auch nicht zu erwarten, denn dafür müssten Stammzellen des Blutes ohne weiteres Zutun die Funktion der ausgefallenen Dopamin-produzieren Zellen ersetzen und sich in das existierende Netzwerk aus anderen Nervenzellen einfügen. Das Fortschreiten der Erkrankung würde auch in diesem Fall nicht beeinflusst.  „Es geht uns darum, Schaden vom Patienten abzuwenden“, stellte Oertel abschließend fest.

 

 

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6.000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.

 


 

Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. vom 23.09.2009.

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