Mundgesundheit und Lebensqualität

 

PD Dr. A. Hassel

 

IZZ-PresseforumHeidelberg (3. Juli 2009) – Die World Health Organisation (WHO) definierte Gesundheit als weit mehr als die reine Abwesenheit von Krankheit und Schmerz, vielmehr wird Gesundheit im Kontext der Lebensumstände eines Individuums als Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens gesehen (WHO, 1948). Dies trägt einer Entwicklung weg vom Materialismus, geprägt durch Konsum und Wirtschaftswachstum hin zu postmaterialistischen Werten wie Selbstbestimmtheit, Selbstverwirklichung und Streben nach individuellem Wohlempfinden und Zufriedenheit Rechnung. Der Grad dieses Wohlbefindens, die empfundene  Lebensqualität, war in der Vergangenheit bereits Teil der medizinischen oder zahnmedizinischen Arzt/Patientengespräche, wurde aber in der Medizin/Zahnmedizin nicht als eigenständige Diagnostik neben klinischen Morbiditätszeichen erhoben. Dabei können sich der Grad des Wohlbefindens und klinische Morbiditätszeichen decken, müssen dies aber nicht.

 

Das Konzept der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (GB-LQ) begreift die Lebensqualität als weitere Dimension von Gesundheit und beschreibt das subjektive Erleben von Krankheit und Gesundheit. Ziel medizinischer Therapien sollte somit eine Steigerung der individuellen Lebensqualität sein. Zahlreiche Instrumente wurden zur Erfassung der GB-LQ entwickelt, um die Lebensqualität für Querschnittsstudien, aber auch für longitudinale Untersuchungen messbar zu machen. Wie die Mundgesundheit als Bestandteil der allgemeinen Gesundheit verstanden wird, wird auch die Lebensqualität, die mit der Mundgesundheit verbunden ist (mundgesundheitsbezogene Lebensqualität, MLQ), als Bestandteil der GB-LQ begriffen.

 

Für den zahnmedizinischen Bereich konnte gezeigt werden, dass die MLQ nicht in einem ausreichenden Maße durch GB-LQ-Instrumente repräsentiert wird. Basierend auf dem Konzept der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, entstand so die Theorie der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität. Dabei steht am Anfang die Erkrankung, die Schädigung eines Organsystems. In der Folge kommt es zur Funktionseinschränkung und zu Beschwerden in Form von Unwohlsein oder Schmerzen. Dies wiederum führt zur physischen, psychischen und sozialen Fähigkeitsstörung. Als Folge dieser Behinderungen vermeidet der Patient soziale Kontakte, es kommt zur Beeinträchtigung.

 

Instrument zur Messung der Lebensqualität haben daher für verschiedene Aspekte Bedeutung: in der klinischen Praxis zur Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle, zur Analyse von Aufwand-Nutzen- bzw. Aufwand-Kosten-Beziehungen, für das theoretische Verständnis oraler Erkrankung, für den Bereich Public Health und Gesundheitspolitik (Planung von zukünftigen Versorgungsleistungen, und zur Rechtfertigung von Kosten unter gesundheitsökonomischen Aspekten).

 

 

Altern mit Biss! Lebensqualität bei Senioren

 

Mit der Gerostomatologie hat sich in der Zahnmedizin eine eigene Teildisziplin etabliert, die sich mit der präventiven und therapeutischen zahnmedizinischen Versorgung von Menschen, die physischen und psychischen Veränderungen im Alterungsprozess unterliegen, beschäftigt. Wiederholt konnte in internationalen und nationalen Untersuchungen bei älteren Menschen ein eingeschränkter Mundgesundheitszustand beschrieben werden. Dies trifft besonders auf benachteiligte Gruppen wie den institutionalisierten und pflegebedürftigen, den sozial isolierten oder von zahnärztlicher Versorgung ausgeschlossenen älteren Menschen zu.

 

Aktuellste Untersuchungen für Deutschland zeigen, dass in der Gruppe der 65-74-Jährigen im Mittel 14,1 Zähne fehlen, 22,1 % dieser Gruppe zahnlos sind und nur 0,1 % keine Karieserfahrung haben. Lediglich 1,4 % der Untersuchten zeigten parodontal gesunde Gebisse mit im Vergleich zu früheren Untersuchungen augenfällig ansteigender Parodontitisprävalenz. Im Gegensatz zu den schlechten objektiven Befunden wurde jedoch besonders bei institutionalisierten Kollektiven beschrieben, dass die subjektive Zufriedenheit mit der Mundgesundheit hoch ist. Dies wurde aber meist mit nicht validen Instrumenten durchgeführt und kann daher als zu kurz gegriffen aufgefasst werden. Es konnte gezeigt werden, dass auch ein Großteil älterer Menschen die Mundgesundheit als wichtig für die allgemeine Lebensqualität einschätzt. So werden psychologische und soziale Faktoren wie Aussehen und Selbstbewußtsein beim älteren Patienten häufig unterschätzt.

 

Es konnte gezeigt werden, dass bei Altenheimbewohnern mit einem durchschnittlichen Alter von 87 Jahren ein Viertel unter ihrem dentalen Erscheinungsbild litten. Durch die MLQ werden soziale und psychologische Auswirkungen oraler Erkrankungen erfasst und sie greift somit deutlich weiter als eine Erfragung der Patientenzufriedenheit  mit der Mundgesundheit, die keine ausreichende Charakterisierung der subjektiven Empfindungen zulässt. Die MLQ selbst wird im Alter häufig als eingeschränkt angegeben, was teilweise auf das Vorhandensein umfangreicherer prothetischer Rehabilitationen und ihrer assoziierten Probleme zurückgeführt wird. Auf Seiten zahnärztlicher Größen korrelieren beispielsweise eine reduzierte Anzahl okkludierender Zahnpaare, ungenügender Prothesenhalt oder das Vorhandensein von gelockerten Zähnen mit einer verschlechterten Lebensqualität. Sozio-ökonomische und psychometrische Faktoren/Größen wie Bildungsgrad, Einkommen und Neigung zur Depression/Somatisierung haben Einfluss.

 

Um also die Mundgesundheit gerade älterer Menschen sicher und umfassend zu charakterisieren, kann empfohlen werden auf verschiedenen Ebenen Erhebungen durchzuführen: objektive Erfassung der Mundgesundheit mit klinischen Instrumenten, die auf ihre Einsetzbarkeit beim älteren Menschen hin überprüft sind und aber auch subjektive Erfassung der Mundgesundheit mit subjektiven Gesundheitsindikatoren, MLQ-Instrumenten, die für den Einsatz beim älteren Menschen validiert sind. Ziel der Zahnmedizin für die kommenden Jahre ist eine longitudinale Beobachtung der Mundgesundheit älterer Menschen, um Risikofaktoren für eine Verschlechterung zu isolieren und geeignete Prophylaxestrategien zu erarbeiten. Weiterhin müssen zahnärztliche Therapien auf ihren Nutzen hinsichtlich der subjektiven und objektiven Mundgesundheit hin geprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

 

 


Quelle: 15. IZZ-Presseforum Heidelberg 2009, 03.07.2009 (tB).

MEDICAL NEWS

Fitness watches generate useful information, but increase patient anxiety
A new device provides added protection against COVID-19 during endoscopic…
81 million Americans lacking space or bathrooms to follow COVID…
Front-line physicians stressed and anxious at work and home
EULAR: High-Dose Glucocorticoids and IL-6 Receptor inhibition can reduce COVID-19…

SCHMERZ PAINCARE

Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…
Morbus Fabry mittels Datenanalysen aus dem PraxisRegister Schmerz aufspüren
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020 – ONLINE
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert Anerkennung von Nicht-Psychologen in der…

DIABETES

“Körperstolz”: Michael Krauser managt seinen Diabetes digital
Der richtige Sensor – von Anfang an
Diabetes mellitus: Ein Risikofaktor für frühe Darmkrebserkrankungen
Fastenmonat Ramadan: Alte und neue Herausforderung für chronisch Erkrankte während…
Sanofi setzt sich für die Bedürfnisse von Menschen mit Diabetes…

ERNÄHRUNG

Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…
Baxter: Parenterale Ernährung von Patienten mit hohem Aminosäurenbedarf

ONKOLOGIE

Bestmögliche Versorgungssicherheit bei der Krebstherapie mit CAR-T-Zellen
Darolutamid bei Prostatakarzinom: Hinweis auf beträchtlichen Zusatznutzen
Multiples Myelom: Wissenschaftler überprüfen den Stellenwert der Blutstammzelltransplantation
Neues zur onkologischen Supportiv- und Misteltherapie und aktuelle Kongress-Highlights zum…
Neue Darreichungsform zur Antiemese bei Chemotherapie: Akynzeo® ist ab sofort…

MULTIPLE SKLEROSE

Geschützt: Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei…
Neurofilamente als Diagnose- und Prognosemarker für Multiple Sklerose
Bedeutung der Langzeittherapie bei Multipler Sklerose – mehr Sicherheit und…
Bristol Myers Squibb erhält Zulassung der Europäischen Kommission für Ozanimod…
Einige MS-Medikamente könnten vor SARS-CoV-2/COVID-19 schützen

PARKINSON

Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung
Gegen das Zittern: Parkinson- und essentiellen Tremor mit Ultraschall behandeln…