FSME in Deutschland – weiter verbreitet als bisher vermutet?

 

Von PD Dr. Kai Wohlfarth, BG Kliniken Bergmannstrost Halle/Saale

 

Adulte Zeckenweibchen legen nach einer Blutmahlzeit bis zu 3.000 Eier ab. Quelle: Novartis BehringFrankfurt am Main (19. Februar 2009) – Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zählt zu den häufigsten Flavivirus-Infektionen in Europa und ist die wichtigste und gefährlichste durch Zecken übertragene Virusinfektion des Menschen. Das FSME-Virus wird hauptsächlich durch den Stich einer infizierten Zecke (Ixodes ricinus) auf den Menschen übertragen. Andere seltene Infektionswege durch virus-infizierte Milch von Ziegen, Schafen oder Kühen sind beschrieben worden. Eine Infektion von Mensch zu Mensch kommt nicht vor. Nur bei ungefähr 30 % der Infizierten verläuft die Infektion symptomatisch. Nach einer Inkubationszeit von 7 bis 14 Tagen kommt es zunächst zu grippeähnlichen Beschwerden. Bei etwa 30 % der Betroffenen folgen nach einem fieberfreien Intervall von einer Woche neurologische Symptome im Sinne einer Meningitis (ca. 30 %), einer Meningoenzephalitis (ca. 40 %) oder einer Meningoenzephalomyelitis (ca. 10 %).

 

Häufig verläuft die neurologische Symptomatik mild und reversibel. Es gibt jedoch auch schwere Verläufe mit ausgeprägten und zum Teil bleibenden Schädigungen des Nervensystems. In den Jahren 2003 und 2004 sind nach Informationen des statistischen Todesfallregisters allein in Deutschland sieben Patienten an den Folgen einer FSME verstorben. Insgesamt beträgt die Sterblichkeit 1 bis 2 %. Die Diagnosesicherung erfolgt durch den Nachweis eines entzündlichen Liquor-Syndroms, positiver FSME-spezifischer IgG- und IgM-Antikörper im Serum und den Nachweis einer intrathekalen FSME-spezifischen IgM-Antikörper-Produktion. Zu beachten ist, dass eine vorausgegangene FSME-Impfung über längere Zeit zu nachweisbaren spezifischen Antikörpern im Serum führen kann. Die FSME ist seit 2001 in Deutschland eine meldepflichtige Infektionskrankheit. Eine spezifische antivirale Therapie steht momentan nicht zur Verfügung. Daher haben symptomatischen Therapiemaßnahmen und die primären Prävention einen hohen Stellenwert.

 

Zur Prävention gehören die Expositionsprophylaxe und die aktive Immunisierung von Personen, die sich, basierend auf aktuellen epidemiologischen Studien, in definierten Risiko- und Hochrisikogebieten aufhalten. Ein Infektionsrisiko besteht vor allem in zahlreichen Landkreisen in Baden-Württemberg und Bayern sowie in einzelnen Regionen in Südhessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. In den letzten Jahren war eine Zunahme von FSME-Infektionen in Deutschland zu verzeichnen. Dieser Anstieg ist zum Teil auf eine Ausbreitung von FSME-Naturherden auf bislang nicht als Risikogebiete ausgewiesene Regionen in Mittel- und Norddeutschland zurückzuführen. Gesicherte autochthone FSME-Erkrankungen traten 2006 erstmals auch in zwei Landkreisen im Bundesland Brandenburg auf, insgesamt wurden fünf, z.T. schwerwiegende Fälle gemeldet. Die Diagnose wurde eher zufällig bzw. erst nach Auftreten schwerer neurologischer Symptome gestellt, da in einer bisher als Nichtrisikogebiet eingestuften Region vordergründig anderen Differentialdiagnosen diskutiert wurden.

 

Im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung der Gesundheitsvorsorge erschien es somit notwendig, kontrollierte Untersuchungen zur weiteren Ausbreitung dieser Infektion, durchzuführen. Im Jahr 2008 wurden im Bundesland Brandenburg in zehn verschiedenen Regionen insgesamt 563 Forstarbeiter in eine epidemiologische Studie eingeschlossen. Etwa 34% der Forstarbeiter hatten zu früheren Zeitpunkten eine Impfung gegen FSME erhalten. Bei den Forstarbeitern ohne eine früher durchgeführte Impfung fand sich eine spezifische Seroprävalenz gegen FSME von 9,1%, bestätigt in einem Virusneutralisationstest. Diese Ergebnisse sind vergleichbar mit denen einer ähnlichen Studie, die im Zeitraum von 1997 bis 1999 im Bundesland Baden Württemberg, heute eingestuft als Risikogebiete, durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der aktuellen Studie aus Brandenburg zeigen ferner, dass auch hier stets mit FSME-Virusinfektionen zu rechnen ist und das diese in Einzelfällen zu symptomatischen FSME-Erkrankungen führen können. Neben der Exposition scheinen jedoch auch andere Faktoren wie z.B. Alter, Immunkompetenz oder Geschlecht den Verlauf einer Infektion und den Ausbruch einer Erkrankung zu beeinflussen.

 

In Niedersachsen ergab eine in 2007 durchgeführte, vergleichbare Studie zur Seroprävelenz von FSME-Antikörpern bei nicht nachweislich geimpften Forstarbeitern eine Infektionsrate von etwa 13%. In den Jahren 2001 bis 2007 wurden aus verschiedenen Landkreisen Niedersachsens ebenfalls Einzelfälle von FSME-Erkrankungen gemeldet.

 

Einzelne FSME-Erkrankungen aus Nicht-Risikogebieten wurden 2008 auch aus dem Saarland berichtet. Auch dort waren schon früher FSME-Einzelfälle beobachtet worden.

 

Insgesamt ist davon auszugehen, dass mglw. bedingt durch veränderte klimatische Bedingungen, die FSME eine weitere Ausbreitung in Deutschland erfahren wird.

 

Im Jahr 2008 sind die Fallzahlen gemeldeter FSME-Erkrankungen nach einem deutlichen Rückgang in 2007 in Deutschland wieder auf über 287 (Stand 4.02.2009) angestiegen, einem Niveau vergleichbar der Jahre 2003 und 2004. Dabei entfielen etwa 90% der gemeldeten Erkrankungen auf die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern.

 

Die aktuellen Impfraten gegen FSME, ermittelt durch die Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GFK) in 2008 belegen, dass selbst in den Hochrisikogebieten Süddeutschlands nur etwa 25 bis 30% der Bevölkerung über eine abgeschlossene Grundimmunisierung gegen FSME verfügt und es auch dort nach wie vor einen deutlichen Bedarf an weiterer Aufklärung und Nutzung der präventiven Impfung gibt.

 

  

 

Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland. Jeder, der in einem Risikogebiet lebt oder dorthin ver-reist, sollte sich gegen FSME impfen lassen. Quelle: Novartis Behring

 

Abb.: Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland. Jeder, der in einem Risikogebiet lebt oder dorthin verreist, sollte sich gegen FSME impfen lassen. Quelle: Novartis Behring

 

 

 

Referent

PD Dr. med. habil. Kai Wohlfarth

Kliniken für Neurologie und Frührehabilitation

BG Kliniken Bergmannstrost

Merseburger Straße 165

06112 Halle/Saale

Tel.: 0345 132 7039

Fax: 0345 132 7040

eMail: kai.wohlfarth@bergmannstrost.com

 

 

Download

 

Folien zum Referat PD Dr. Kai Wohlfarth.pdf Referat PD Dr. Kai Wohlfarth.pdf (2.85 MB)

 


Quelle: Pressekonferenz der Firma Novartis Behring zum Thema “FSME-Saison 2009: Deutliche Verbesserungen bei der Impfprophylaxe“ am 19.02.2009 in Frankfurt am Main (Weber Shandwick).

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