Diabetische Retinopathie: Erblindung und Sehbehinderung verhindern

Weit verbreitete Begleiterkrankung des Diabetes mellitus

 

Von PD Dr. Klaus-Dieter Lemmen, Chefarzt der Abteilung Augenheilkunde am St. Martinus-Krankenhaus Düsseldorf

 

Düsseldorf (25. September 2008) – Die diabetische Retinopathie ist die häufigste Gefäßkomplikation des Diabetes mellitus und darüber hinaus die häufigste Ursache für Erblindung der Altersgruppe zwischen 20 und 65 Jahren in den Industrienationen. In Deutschland sind etwa sechs bis acht Millionen Menschen an Diabetes mellitus erkrankt[1], jedes Jahr wird bei rund 126.000 von ihnen eine Sehbehinderung als Folge ihrer Grunderkrankung diagnostiziert. Im gleichen Zeitraum kommt es bei 1.700 Diabetikern zu einer Erblindung.[2] Fünf bis zehn Jahre nach Krankheitsbeginn ist bereits knapp die Hälfte aller Diabetiker von diabetischen Netzhautveränderungen betroffen, nach 15 bis 20 Jahren sind es sogar bis zu 90 Prozent. Weil ein Typ-1-Diabetes aufgrund seiner auffälligen Symptomatik meist frühzeitig erkannt wird, ist die Netzhaut zum Zeitpunkt der Diagnose meist noch nicht geschädigt. Bei Typ-2-Diabetikern kann es aufgrund des symptomarmen Frühstadiums jedoch etliche Jahre dauern, bis die Grunderkrankung erkannt wird. Daher liegt zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bei etwa 30 Prozent von ihnen bereits eine diabetische Retinopathie vor.[3] Angesichts der wachsenden Zahl der Diabetesneuerkrankungen ist auch mit einer steigenden Rate von Sehbehinderungen und Erblindungen infolge von diabetischer Retinopathie zu rechnen.

 

 

Hyperglykämie und Hypertonie schädigen die Gefäße der Netzhaut

Ebenso wie ein zu hoher Blutdruck führt auch ein zu hoher Blutzuckerspiegel zu mikrovaskulären Schäden an der Netzhaut. Im ersten Stadium (nicht-proliferative Retinopathie) werden die Gefäße durch Veränderungen der Wandstruktur undicht, was zu Blutungen und Schwellungen (Ödeme) in der umgebenden Netzhaut führt. Im fortgeschrittenen Stadium (proliferative Retinopathie) wird die Sauerstoffversorgung der Netzhaut durch zunehmende Gefäßverschlüsse stark beeinträchtigt, wodurch es zu einer Proliferation neuer Gefäße sowie zu Einblutungen in den Glaskörper kommt. Durch Veränderungen des gefäßbegleitenden Bindegewebes entstehen Narben, die durch Zug an der Netzhaut zu einer Netzhautablösung führen können.

 

Diese Veränderungen entstehen meist außerhalb des für das scharfe Sehen verantwortlichen Zentrums der Netzhaut, der Makula. Das heißt, der Patient hat trotz schon behandlungs­bedürftiger Erkrankung zunächst keine Beschwerden. Erst wenn die Makula im weiteren Verlauf durch Ödeme betroffen ist (diabetische Makulopathie) oder durch Einblutungen beziehungsweise Netzhautablösung geschädigt wird, bemerkt der Diabetiker Einschränkungen seiner Sehkraft.

 

Diabetiker brauchen frühzeitiges und regelmäßiges Screening beim Augenarzt

Da die Frühstadien der diabetischen Retinopathie symptomfrei verlaufen, ist es wichtig, dass diabetesbedingte Netzhautschäden durch eine augenärztliche Untersuchung des Augenhintergrundes bei erweiterten Pupillen rechtzeitig diagnostiziert werden. Deshalb sollten alle Typ-1-Diabetiker fünf Jahre und alle Typ-2-Diabetiker unmittelbar nach erstmaliger Diabetesdiagnose beim Augenarzt untersucht werden.[4] Im weiteren Verlauf sollten alle Diabetiker einmal jährlich ihren Augenarzt aufsuchen. Bis dato nehmen allerdings nur etwa 30  bis 40 Prozent aller Diabetiker an spezifischen Vorsorgeuntersuchungen auf diabetische Retinopathie teil.[5] Nicht selten sind typische Netzhautschäden auch ein reiner Zufallsbefund, der im Rahmen einer augenärztlichen Untersuchung wegen anderer Ursachen entdeckt wird.

 

Zusätzlich ist die Diagnose einer diabetischen Retinopathie ein zuverlässiger Marker für ein erhöhtes Risiko von Herz- und Gefäßerkrankungen.

 

Stadiengerechte Therapie durch Laserkoagulation oder Mikrochirurgie

Eine Heilung der diabetischen Retinopathie ist bisher nicht möglich, es ist aber nachgewiesen, dass strikte Blutzucker- und Blutdruckkontrolle die Entwicklung und das Fortschreiten der Retinopathie bei Typ1- und Typ 2-Diabetikern reduziert.

 

Auch durch die Behandlungsmethoden des Augenarztes (Laserkoagulation oder mikrochirurgische Maßnahmen) ist eine Umkehr des Krankheitsverlaufs – zumindest was eine Verschlechterung des Sehens anbelangt – nicht möglich, jedoch kann die Progression verlangsamt oder gestoppt werden. Bei einer nicht-proliferativen diabetischen Retinopathie kann der Augenarzt die Gefäßwanddefekte gezielt mit dem Laser koagulieren und auf diese Weise abdichten. Im Falle einer proliferativen diabetischen Retinopathie ist eine panretinale Laserbehandlung indiziert: Die flächendeckende Koagulation makulaferner erkrankter Netzhautbezirke vermindert den Sauerstoffverbrauch in diesen Regionen und beseitigt somit den dadurch entstehenden Anreiz für weitere Gefäßwucherungen. Kommt es bei weit fortgeschrittener proliferativer diabetischer Retinopathie mit Einblutung, Vernarbung und Netzhautablösung führt der Ophthalmologe eine Vitrektomie durch: Im Zuge dieses mikrochirurgischen Eingriffs werden der meist eingeblutete Glaskörper und eventuell vorhandene Narbenmembranen auf der Netzhaut entfernt und dann die erkrankte Netzhaut gelasert.

 

Menschen mit Diabetes haben große Angst zu erblinden

Von allen möglichen Komplikationen der Zuckerkrankheit flößt die Gefahr einer Erblindung Patienten die meiste Angst ein. Das graduelle Schwinden der Sehkraft bedeutet gleichzeitig den Verlust der Unabhängigkeit sowie der Arbeitsfähigkeit und führt zu gravierenden Einschränkungen  der Lebensqualität. Bei entsprechender Aufklärung durch den behandelnden Hausarzt oder Diabetologen sind Patienten daher leicht zu motivieren, den Augenarzt für ein regelmäßiges Screening auf diabetische Retinopathie aufzusuchen.

 


 

Quelle: Pressegespräch der Firma AstraZeneca zum Thema "Diabetische Retinopathie – Ergebnisse des DIRECT-Studienprogramms mit Candesartan" am 25.09.2008 in Düsseldorf (fischerAppelt).

 

 



[1] Quelle: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2008, herausgegeben von der Deutschen Diabetes Union (DDU) und dem Nationalen Aktionsforum Diabetes mellitus (NAFDM) zum Weltdiabetestag im November 2007

[2] Quelle: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der diabetischen Retinopathie und Makulopathie, evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Aktualisierung 11/2004 (S. 4)

[3] Quelle: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der diabetischen Retinopathie und Makulopathie, evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Aktualisierung 11/2004 (S. 3)

[4] Quelle: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der diabetischen Retinopathie und Makulopathie, evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Aktualisierung 11/2004 (S. 8)

[5] Quelle: Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle der diabetischen Retinopathie und Makulopathie, evidenzbasierte Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Aktualisierung 11/2004 (S. 6)

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