14. Bamberger Gespräche 2010: Blase und Gehirn

Morbus Parkinson und Blasenfunktionsstörungen

 

PD Dr. med. Carl-Albrecht Haensch

 

Bamberg (4. September 2010) – Parkinson-Patienten leiden insbesondere unter Nykturie (> 60 %), Pollakisurie (16-36  %), imperativem Harndrang (33-54 %) und Störungen beim Wasserlassen. Urogenitale Funktionsstörungen werden bei 75-93 Prozent der untersuchten Patienten berichtet, wobei die Probleme in vielen Fällen von den Patienten gar nicht wahrgenommen werden. Nach eigenen Untersuchungen klagen Parkinson-Patienten in 28 % über Potenzstörungen bereits in den ersten 6 Monaten der Erkrankungen, nicht jedoch über Blasenfunktionsstörungen. Für diese Störungen sind Beeinträchtigungen des zentralen Blasenzentrums, eine Detrusorhyperreflexie und eine Beeinträchtigung der zeitgerechten Relaxation des Blasenbodens verantwortlich.

 

Für eine normale Blasenfunktion sind nämlich das Zusammenspiel von Detrusor- und Sphinkterfunktion Voraussetzung. Dieses Zusammenspiel ist durch die frontobasale Funktionsstörung bei der Parkinson-Erkrankung und möglicherweise auch durch Begleiterkrankungen wie Prostatahyperplasie, Geburtskomplikationen oder die verwendeten Medikamente häufig gestört. Klinisch findet sich vorwiegend eine Detrusorhyperreflexie mit hieraus resultierender Detrusorhyperaktivität. Die meisten Patienten weisen auch in der Urodynamik eine Hyperaktivität des Detrusormuskels auf, womit der imperative Harndrang und die Dranginkontinenz erklärt werden können. Ziel der Diagnostik und Therapie ist die kontrollierte Blasenentleerung, die Erhaltung der Harnkontinenz und der Schutz der Nierenfunktion.

 

Bei einer Detrusorhyperaktivität werden zunächst therapeutisch ein Blasentraining und die pharmakologische Therapie mit einem peripher wirkendem Anticholinergikum eingesetzt werden. Vor Planung der Therapie müssen nicht neurogene Ursachen wie ein Blasentumor (Makro-/Mikrohämaturie) oder ein BPHSyndrom (reduzierter Uroflow und/oder Restharn) ausgeschlossen bzw. bei klinischer Relevanz behandelt werden. Allerdings sollten die Patienten darüber aufgeklärt werden, dass sich eine neurogene Blasenüberaktivität trotz optimaler Behandlung der nicht-neurogenen Störungen voraussichtlich nicht bessern wird.

 

 

Literatur

 

  1. Haensch CA, Jost W (Hrsg.) Das Autonome Nervensystem. Kohlhammer-Verlag 2009, Stuttgart, 394
  2. Herzog J, Jost W, Seif C, Jünemann K, Haensch C, Carl S, Vance W, Kessler T, Kiss G (2008) Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen. In: H.C. Diener (Hrsg.) Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 4. Auflage, Thieme, Stuttgart, 846-853

 

 

Autor

 

PD Dr. med. Carl-Albrecht Haensch

Autonomes Labor der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie der Universität Witten/Herdecke

Helios Klinikum Wuppertal

carlalbrecht.haensch@helios-kliniken.de

 


 

Quelle: 14. Bamberger Gespräche 2010 der Firma Dr. Pfleger zum Thema „Blase und Gehirn“ am 04.09.2010 (tB).

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