WORKSHOP: Versorgungskonzept für die sichere und gesunde Entwicklung des Kindes

 

Docosahexaensäure: Kindliche Entwicklungspotentiale fördern

 

Von PD Dr. med. Irene Hösli

 

Hamburg (18. September 2008) – Das Interesse an einer ausgewogenen und vielseitigen Ernährung nicht nur in der präkonzeptionellen Phase, sondern auch während der Schwangerschaft und Stillzeit, ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Hintergrund ist eine große Anzahl an Veröffentlichungen, welche zeigen, dass eine gesunde Ernährung sich positiv auf das fetale, neonatale und mütterliche Outcome auswirkt. Im Gegensatz dazu wird häufig eine sich kontinuierlich verringernde Einnahme von Omega‑3‑Fettsäuren (Omega‑3­FS) beobachtet, obgleich Nahrungsmittel wie Fisch (reich an Omega‑3‑FS) in genügender Menge vorhanden sind und valide Daten die Notwendigkeit einer ausreichenden Zufuhr in Schwangerschaft und Stillzeit bestätigen. Eine wichtige Ursache für den mangelnden Fischkonsum spielt die Befürchtung, hiermit Schwermetalle (Quecksilber) oder dioxinähnliche Verbindungen (Biphenyle) aufzunehmen, die sich vor allem in großen Raubfischen (Hai, Schwertfisch) anreichern.

 

Essen wir nicht bereits zuviel Fett?

Fett ist der energiereichste Nährstoff und deshalb ist ein Zuviel davon zweifellos mit chronischen Folgekrankheiten verbunden. Andererseits ist Fett für viele wichtige Funktionen im Körper notwendig. Bei den Fettsäuren differenziert man zwischen gesättigten und ein‑ oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFA). Letztere sind essentiell, d. h. sie können vom Körper selbst nicht hergestellt werden. Zwei Hauptgruppen lassen sich anhand der chemischen Struktur unterscheiden: auf der einen Seite die Linolsäure (LA) und ihre Abkömmlinge aus der Reihe der Omega‑6‑FS, auf der anderen Seite die a‑Linolensäure (ALA) mit der Reihe der Omega‑3‑FS. Ein Teil der ALA wird im Körper durch enzymatische Kettenverlängerung und Desaturierung in höhere Kettenversionen umgewandelt. Endprodukte sind die Eicosapentaensäure (EPA, 20:5n‑3), und die Docosahexaensäure (DHA, 22:6n‑3), die vorwiegend in fettem Fisch (Lachs, Makrele, Hering) zu finden sind. Omega‑6‑ und Omega‑3‑FS verhalten sich wie Konkurrenten und sollten in einem Verhältnis von 5:1 konsumiert werden, das aktuelle Verhältnis beträgt heute 10:1.

 

DHA ist essentiell für fetale Hirnentwicklung

Sowohl der Fetus als auch das Neugeborene sind auf eine hohe maternale Zufuhr an Omega‑3‑FS angewiesen, sei es via Plazenta oder Muttermilch. DHA ist allgemein für den Aufbau der Zellmembranen wichtig, besonders für die Entwicklung von Gehirn und Retina. Zusammen mit einem rapiden Wachstum des Gehirns, der Synaptogenese und Myelinisierung steigt der Bedarf an DHA besonders ab der zweiten Schwangerschaftshälfte an. Die mütterliche Aufnahme von Omega‑3‑FS, speziell von DHA, ist essentiell für die fetale Hirnentwicklung und beeinflusst günstig die spätere Sehfunktion, aber auch motorische und kognitive Funktionen. Maternale Defizite an Omega‑3‑FS können an der Entwicklung von schwangerschaftsassoziierten und postpartalen Komplikation wesentlich mitbeteiligt sein.

 

Einfluss auf Frühgeburten

In Beobachtungsstudien zeigte sich eine Assoziation zwischen einem höheren Fischkonsum und einer längeren Schwangerschaftsdauer.(‘) Das Ergebnis randomisierter Kontrollstudien (n=2.755) bestätigte, dass der Konsum von Fisch, Fischöl oder Omega‑3‑FS während der Schwangerschaft tatsächlich zu einer geringen Verlängerung der Schwangerschaft (im Durchschnitt 1,6 bis 2,6 Tage) führte, allerdings ohne die Rate an Frühgeburten vor 37+0 Schwangerschaftswochen zu senken. Bei Frauen mit Risikoschwangerschaften (Status nach Frühgeburt, Wachstums­retardierung, Präeklampsie) war die Rate an Frühgeburten vor 34+0 Schwangerschaftswochen jedoch signifikant um 61 Prozent reduziert (n=291; RR 0,39, 95%CI: 0,18‑0,84).(2)

 

Einfluss auf postpartale Depression

Einen günstigen Einfluss scheint der regelmäßige Konsum von Omega‑3‑FS ebenfalls auf die postpartale Depression zu haben, eine der häufig nicht erkannten und nicht diagnostizierten Komplikationen in der Geburtshilfe. In Beobachtungsstudien korrelierten niedrige Werte von Omega‑3‑FS im maternalen Blut mit dem klinischen Schweregrad einer Depression. (3) Ergebnisse einer cross‑nationalen Studie zeigten, dass in Ländern mit geringem Fischkonsum die Prävalenz für postpartale Depression 50‑fach höher ist als in Ländern mit dem höchsten Fischkonsum. (4) Nach den wenigen vorliegenden Interventionsstudien ist es jedoch unklar, ob die zusätzliche Aufnahme von Omega‑3‑FS, präventiv oder therapeutisch eingesetzt, die Rate an postpartalen Depressionen senken kann. Insgesamt beruhen die verschiedenen Resultate zum Teil auf Unterschieden in der Supplementierung, dem Beginn der Supplementierung und den Baseline‑Werten der Omega‑3‑FS sowie der genetisch determinierten unterschiedlichen Fähigkeit, DHA und EPA zu synthetisieren.

 

Mindestens 200 mg DHA täglich

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass genügend Evidenz vorliegt, dass Omega‑3­FS, speziell DHA, eine wesentliche, positive Rolle in der Schwangerschaft und postpartalen Periode ausüben. In Form einer Konsensus‑Richtline, unterstützt von der EU, wurden im Jahr 2007 Empfehlungen für Schwangere und Stillende herausgegeben, auf eine tägliche Aufnahme von mindestens 200 mg DHA zu achten, z.B. durch Konsum von fettreichem Fisch zweimal pro Woche. (5) Falls die Schwangere und Stillende nicht regelmäßig Fisch verzehret, ist eine DHA-­Supplementierung anzustreben. In der Erstkonsultation einer Schwangeren, idealerweise bereits präkonzeptionell, sollten die täglichen Ernährungsgewohnheiten angesprochen und individuell den Bedürfnissen von Mutter und Kind angepasst werden.

 

 

Literatur

  1. Olsen SF, Joensen HD High liveborn birth weights in the Faroes: a comparison between birth weights in the Faroes and in Denmark. J Epidemiol Community Health. 1985 Mar;39(1):27‑32
  2. Horvath A, Koletzko B, Szajewska H Effect of supplementation of women in high­risk pregnancies with Jong‑chain polyunsaturated fatty acids an pregnancy outcomes and growth measures at birth: a meta‑analysis of randomized controlled trials. Br J Nutr. 2007 Aug;98(2):253‑9. Epub 2007 Apr 10
  3. Otto SJ, de Groot RH, Hornstra G Increased risk of postpartum depressive symptoms is associated with slower normalization after pregnancy of the functional docosahexaenoic acid status. Prostaglandins Leukot Essent Fatty Acids. 2003 Oct;69(4):237‑43
  4. Hibbeln JR: Seafood consumption, the DHA content of mothers’ milk and prevalence rates of postpartum depression: a cross‑national, ecological analysis.J Affect Disord. 2002 May;69(1‑3):15‑29
  5. Koletzko B, Lien E, Agostoni C, Böhles H, Campoy C, Cetin I, Decsi T, Duden hausen JW, Dupont C, Forsyth S, Hoesli I, Holzgreve W, Lapillonne A, Putet G, Secher NJ, Symonds M, Szajewska H, Willatts P, Uauy R; World Association of Perinatal Medicine Dietary Guidelines Working Group The rotes of long‑chain polyunsaturated fatty acids in pregnancy, lactation and infancy: review of current knowledge and consensus recommendations J Perinat Med. 2008;36(1):5‑14

 

 

Folien zu Vortrag von PD Dr. Irene Hoesli.pdf Folien zu Vortrag von PD Dr. Irene Hoesli.pdf (1.94 MB) 

 

 

 

Referentin

PD Dr. med. Irene Hösli

Abteilungsleiterin Geburtshilfe und Schwangerschaftsmedizin Frauenklinik des Universitätsspitals Basel

 


Quelle: Workshop der Firma Merck zum Thema  „Versorgungskonzept für die sichere und gesunde Entwicklung des Kindes“, anlässlich des 57. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) am 18. September 2008 in Hamburg (Dorothea Küsters Life Science Communications).

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