Pflege braucht Eliten

Für eine Akademisierung von Gesundheitsfachberufen

 

Erklärung der Sprecher der drei deutschen Pflegeforschungsverbünde Stefan Görres (Universität Bremen), Johann Behrens (Universität Halle) und Doris Schaeffer (Universität Bielefeld)

 

Bremen / Halle / Bielefeld (20. Juli 2012) – Der Wissenschaftsrat hat sich auf seinen Sommersitzungen (11.-13. Juli 2012) für eine partielle Akademisierung der Gesundheitsfachberufe ausgesprochen. Demnach sollen etwa 10 bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs mit einem Bachelor-Abschluss zur unmittelbaren Tätigkeit am Patienten und zur eigenständigen Mitarbeit in professionellen Teams befähigt werden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Forderung „Pflege braucht Eliten“ erhoben, wenn es darum geht, auf die neuen Herausforderungen des Gesundheitswesens adäquat zu reagieren.

 

Interessant an dieser Feststellung ist, dass die Forderung „Pflege braucht Eliten“ bereits 1992 in der gleichnamigen und von der Robert Bosch Stiftung initiierten und geförderten Denkschrift erhoben wurde und seit Jahren ein ebenso gleichnamiges nationales Alumni-Netzwerk ehemaliger Stipendiaten, Kollegiaten und Hospitanden der Robert Bosch Stiftung existiert.

 

Die Forderung nach Eliten ist also nicht neu. Vielmehr wurde 1992 mit der Herausgabe der Denkschrift „Pflege braucht Eliten – eine Denkschrift zur Hochschulausbildung für Lehr- und Leitungskräfte in der Pflege“- ein, wenn nicht gar der entscheidende Schritt getan, den Aufbau der Pflegewissenschaft und -forschung in Deutschland voran zu treiben. Mit dieser heute noch immer bekannten und genutzten Denk- und Streitschrift hat der Aufbau der Pflegewissenschaft und Pflegeforschung in Deutschland eigentlich erst begonnen. Seit diesem Zeitpunkt wurden zahlreiche Hochschulstudiengänge mit dem Ziel eingerichtet, Pflegewissenschaftler, Pflegepädagogen und Pflegemanager auf wissenschaftlicher Grundlage zu qualifizieren. Diese grundsätzlichen Erfordernisse von Forschung und Lehre führen unmittelbar auch zu der professionspolitischen Bedeutung von Pflegewissenschaft und Pflegeforschung. Denn nur die Absolventen entsprechender Hochschulstudiengänge entfalten die notwendige wissenschaftliche Kompetenz und Expertise für die zu lösenden Probleme: Sie können neue, innovative Konzepte erarbeiten, diese implementieren und evaluieren. Zugleich wird auf die Notwendigkeit verwiesen, das Aufgabenverständnis der Pflege um präventive, rehabilitative, palliative, anleitende, edukative, beratende, versorgungssteuernde Funktionen zu erweitern. Für deren Realisierung werden wissenschaftliche Fundierung und auf Hochschulniveau vermittelte Kompetenzen und Konzepte benötigt.

 

Die Zeit ist also längst reif, der Pflege in Forschung und Lehre sowie in der Ausbildung auf Hochschulebene einen geeigneten und dauerhaften Platz einzuräumen. Gleichwohl ist die dauerhafte Etablierung akademischer Strukturen in der Pflege noch nicht im vollen Umfang erreicht und gesichert. Die ebenfalls in der Denkschrift „Pflege braucht Eliten“ erhobene Forderung nach der universitären Verankerung von Pflegewissenschaft und Pflegeforschung ist bisher nur vereinzelt realisiert, die Ausstattung der bestehenden Lehrstühle vielfach unzureichend.

 

Dem gegenüber steht eine Wirklichkeit, die dringend nach kurz- und langfristigen Lösungen sucht für eine qualitativ hochstehende Versorgung von chronisch kranken und pflegebedürftigen insbesondere älteren Menschen. Gesellschaftliche Veränderungen, wie die zunehmende Alterung der Gesellschaft, der Anstieg chronischer Erkrankungen oder die zunehmende Zahl multimorbider Patienten, erfordern Angehörige der Gesundheitsberufe, die professions- und institutionsübergreifend agieren können, denn die Versorgungsabläufe werden zunehmend komplex.

 

Dass nun, wie ebenfalls in der Reaktion auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu lesen war, Mediziner und Ärztekammern sich gegen diese Neuerung wehren, ist unverständlich. Sehr grundsätzlich wird einer Akademisierung der grundständigen Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen widersprochen bzw. wird auf die Notwendigkeit einer sorgfältigen Prüfung verwiesen, ob und inwieweit diese Verlagerung der Ausbildung auf die Hochschulen zulässig und gewollt ist. Im Ergebnis wird damit eine Entwicklung erheblich eingeschränkt, die sich im europäischen Ausland seit vielen Jahrzehnten vollzogen hat und angesichts der gestiegenen Anforderungen an die Pflegeberufe nicht nur für die Versorgungsqualität der Patienten und Pflegebedürftigen selbst, sondern auch der notwendigen weiteren Professionalisierung der Pflegeberufe kontraproduktiv auswirken kann. Dazu vier

Gründe:


1. Nutzen für die Patienten

 

Erste evaluierte Studien zeigen, dass die wissenschaftliche Qualifikation von Pflegenden und deren Handeln auf evidenzbasierter Grundlage einen signifikanten Einfluss auf die Versorgungsqualität in Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens und damit einen konkreten Nutzen für die Patienten hat: Wissenschaftliche Studien untermauern beispielsweise den signifikanten Zusammenhang zwischen der Anzahl von Pflege-Fachexperten und der Häufigkeit der Harnwegsinfektionen, Pneumonien und Thrombosen und hinsichtlich niedrigerer Mortalitätsraten. Studien aus den USA zeigen, dass zehn Prozent mehr Pflegeexpertinnen mit BA-Abschlüssen das Risiko, innerhalb von 30 Tagen im Hospital zu versterben, um rund fünf Prozent senken. Durch die Übernahme des Schnittstellen- und Casemanagements sowie der Entlassungsplanung sinkt zudem die Verweildauer, Wiederaufnahmen werden verhindert und der „Drehtüreffekt“ reduziert.

 

 

2. Wissenschaftliche Qualifizierung und Professionalisierung

 

Mittlerweile herrscht Konsens darüber, dass eine moderne und qualitativ hochwertige Pflege eine wissenschaftliche Fundierung und wissenschaftliche Qualifizierung benötigt. Die WHO-Ministerkonferenz hat bereits im Jahre 2000 einen verbesserten Zugang zur akademischen Pflegeausbildung gefordert. In mehr als 20 europäischen Ländern ist dies bereits möglich. Insgesamt werden der Stellenwert der Pflege und der Bedarf an spezialisierten Eliten steigen. Der Bedarf an hochschulgebildeten Pflegekräften wurde zu diesem Zeitpunkt schon auf etwa zehn Prozent prognostiziert, gemessen an der Zahl der beschäftigten Pflegekräfte.

 

 

3. Interdisziplinarität

 

Komplexe Versorgungssituationen verlangen immer mehr auch interprofessionelles Handeln. Unterstützt durch den gemeinsamen Erwerb wissenschaftlicher Erkenntnisse können Angehörige der Gesundheitsberufe besser im interdisziplinären Team professionsspezifisches mit professionsübergreifendem Wissen kombinieren. Auch wenn die Entwicklung von Studiengängen für Gesundheitsberufe in Deutschland insgesamt einen positiven Trend aufzeigt, so wird im Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007 die Heterogenität der Studiengänge auch kritisch gesehen. Er sieht eine adäquate Qualifizierung und Vorbereitung auf die veränderten Nutzerrealitäten als eine der wesentlichen Anforderungen an alle Gesundheitsberufe. Durch die Umstellung auf ausbildungsintegrierende Bachelor- und Master-Abschlüsse können verschiedene Gesundheitsberufe in einem Studien- und Ausbildungsprogramm so integriert werden, dass genuin medizinisches, pflegerisches und anderes gesundheitsberufliches Fachwissen miteinander verknüpft wird und damit Behandlungsprozesse integriert und durch interdisziplinäres Handeln Risikominimierung und Qualitätsverbesserung erreicht werden können.

 

 

4. Neue Kooperationsformen der Gesundheitsberufe

 

Auf der Basis der immer stärker nutzerorientierten Anforderungen an das Gesundheitssystem ist die Diskussion um neue Kooperationsformen und Kompetenzen von Gesundheitsberufen zu führen. Dies gilt insbesondere für die Integration der Versorgung (Aufhebung der sektorialen Gliederung) und den daraus resultierenden notwenigen Kompetenzen und neu zu ordnenden Zuständigkeiten innerhalb der Gesundheitsberufe. Von einer Neuordnung der Aufgabenverteilung im Gesundheitswesen können alle Gesundheitsberufe profitieren, wenn diese zu einer besseren Übereinstimmung führt zwischen den Erfordernissen eines sich ständig wandelnden Versorgungssystems, seiner Ziele, Aufgaben und Kompetenzen seiner Akteure.

 

 

Was folgt?

 

Um bei dieser notwendigen Entwicklung nicht stehen zu bleiben, wurde mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung eine Pflegeforschungsagenda 2020 für Deutschland erstellt. Nach Schweizer und US-Amerikanischem Vorbild werden dort die zentralen Forschungsthemen der nächsten zehn Jahre festgehalten und in den wissenschafts- sowie gesellschafts- und gesundheitspolitischen Diskurs eingebracht. Eine entsprechende Veranstaltung ist für Mitte November in der Bosch Repräsentanz Berlin in Planung unter Mitwirkung von hochrangigen Vertretern aus Politik, Verbänden, Leistungsträgern und Wissenschaft. Dies ist umso mehr notwendig, als Pflegepraxis, Pflegeausbildung und die Forschung darüber immer mehr zu zentralen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Themen der nächste Jahre und Jahrzehnte werden. Die „Elitenfrage“ ist also als Forderung schon alt, in ihrer Umsetzung allerdings liegt die Zukunft.

 


 

Quelle: Universität Bremen, 20.07.2012 (tB).

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