Verbesserung der Lebensqualität durch Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen?!

Lebensqualität aus kieferorthopädischer Sicht

 

Prof. Dr. C.J. Lux

 

Heidelberg (3. Juli 2009) – Warum suchen Eltern mit ihren Kindern einen Kieferorthopäden auf? Warum wünscht ein Erwachsener eine kieferorthopädische Behandlung? Warum empfiehlt ein Zahnarzt eine kieferorthopädische Abklärung? Die Gründe für eine kieferorthopädische Behandlung sind sehr unterschiedlich und können physischer und psychosozialer Natur sein. Bei den physischen Gründen sollen bestehende Probleme im Kausystem beseitigt oder künftige Probleme im Kausystem verhindert werden. Es gibt Hinweise, dass Patienten mit einer Anomalie des progenen Formenkreises, d.h. Anomalien, bei denen der Unterkiefer relativ zum Oberkiefer zu weit vorne liegt, am schlechtesten Nahrung effizient kauen können. Zudem kann eine Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen beim Kind günstige anatomische Voraussetzungen für eine korrekte orofaziale Entwicklung einschließlich einer korrekten Zungenfunktion und Lautbildung schaffen.

 

Kieferorthopädie ist ein in hohem Maße präventiv ausgerichtetes Fach, wobei die Prävention auf verschiedensten Ebenen ansetzen kann. Beispielsweise ist bei Kindern mit einer stark vergrößerten Frontzahnstufe, d.h. einem Vorstehen der oberen Schneidezähne, das Risiko für eine Traumatisierung der Schneidezähne deutlich erhöht. So wurde gezeigt (Bauss et al., 2008), dass bei vergrößerter Frontzahnstufe und fehlender Lippenbedeckung der Schneidezähne, die bei einem Schlag wie ein schützendes Polster wirken kann, nicht nur Traumata wesentlich häufiger auftreten, sondern diese auch schwerer verlaufen, mit mehr betroffenen Zähnen.

 

Eine frühzeitige kieferorthopädische Therapie kann hier präventiv im Sinne einer Reduktion des Traumarisikos wirken (Bauss et al., 2004). Werden Patienten mit unbehandelten Zahn- und Kieferfehlstellungen später auch vermehrt Karies und Parodontalerkrankungen aufweisen? Diese Frage wird in der Literatur unterschiedlich bewertet und sicherlich ist hier die individuelle Mundhygiene der wichtigere Faktor. Grundsätzlich verbessert die kieferorthopädische Korrektur eines starken Engstandes die Morphologie der parodontalen Weich- und Hartgewebe (Diedrich, 2000). Es gibt auch Anhaltspunkte, dass Patienten mit einer großen Frontzahnstufe später vermehrt parodontale Probleme aufweisen können (Geiger et al., 1974). In Extremfällen kann es bei einem starken Tiefbiss durch Einbiss der Unterkieferzähne zu einer Traumatisierung des Zahnfleisches im Oberkiefer kommen, so dass hier eine Behandlung bei Kindern und Jugendlichen als präventive Maßnahme gesehen werden kann.

 

Die kieferorthopädische Korrektur eines starken Tiefbisses bzw. einer stark vergrößerten Frontzahnstufe kann darüber hinaus auch spätere restaurative, parodontale, prothetische oder implantologische Behandlungen erleichtern bzw. erst ermöglichen, so dass hier eine kieferorthopädische Behandlung die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität im Erwachsenenalter erhöhen kann.

 

Neben den genannten physischen Gründen müssen jedoch auch die Zahn- und Kieferfehlstellungen, die psychosoziale Probleme für ein Kind bedeuten können, bei der Indikationsstellung für eine kieferorthopädische Behandlung berücksichtigt werden. Die Behandlung sehr auffälliger Anomalien kann so eine soziale Ausgrenzung, z.B. durch Hänseln oder Schikanieren in der Schule, abschwächen sowie die sozialen Voraussetzungen für einen gesellschaftlichen Aufstieg verbessern (Proffit, 2007). Bestimmte Gebissmerkmale, wie z.B. stark nach vorne stehende obere Schneidezähne, können ein Kind als weniger intelligent erscheinen lassen bzw. ein stark vorstehender Unterkiefer ein Kind fälschlicherweise als brutal oder aggressiv (Proffit, 2007). Es gibt Hinweise, dass Menschen, die mit ihrem Erscheinungsbild im Gesichtsbereich zufrieden sind, ein höheres Selbstbewusstsein und eine höhere Selbstwertschätzung haben. Kontrovers diskutiert wird gegenwärtig, inwieweit sich durch eine kieferorthopädische Behandlung bestehende Defizite im Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl verbessern lassen. Eindeutiger ist die Situation bei Patienten mit schweren Kieferfehllagen, bei denen gezeigt werden konnte, dass eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Therapie das Selbstbewusstsein vergrößerte (Hunt et al., 2001).

 

Auch in anderen Bereichen wird zunehmend neben klinischen Parametern die Lebensqualität als Faktor zur Erfolgsbewertung einer Therapie herangezogen. Ein Beispiel hierfür ist die Therapie der obstruktiven Schlafapnoe mittels Unterkieferprotrusionsschienen, die interdisziplinär zwischen Kieferorthopädie (Anfertigung, Kontrolle der Schiene und ihrer dentalen Nebenwirkungen) und Medizin (HNO, Pulmologie, Neurologie) erfolgen kann. Neben klassischen Parametern wie Atemstörungen pro Stunde ist hier Zielsetzung, auch das subjektive Wohlbefinden als Zielgröße standardisiert zu erfassen. Interessanterweise konnte bei milden und moderaten Formen der obstruktiven Schlafapnoe mittels der genannten Schienen in einem interdisziplinären Therapiekonzept die Lebensqualität z.T. erheblich verbessert werden (Petri et al., 2008).

 

Fazit: Ausgeprägte Zahn- und Kieferfehlstellungen können aus physischer und psychosozialer Sicht die Entwicklung eines Kindes ungünstig beeinflussen. Eine moderne Kieferorthopädie kann hierbei nicht nur die morphologischen Probleme für das Kausystem beseitigen bzw. abmildern, sondern auch einen Beitrag zur verbesserten sozialen Akzeptanz des Kindes bei stigmatisierenden Zahn- und Kieferfehlstellungen leisten. Auch beim Erwachsenen sind gezielte Korrekturen der Zahn- und Kieferlage in der Regel noch möglich, wobei es auch hier künftig wichtig sein wird, die psychischen Verbesserungen an longitudinalen (Kohorten-)studien zu erfassen und damit den Faktor Lebensqualität als Zielkriterium für diese Wahleingriffe stärker zu berücksichtigen.

 

 


Quelle: 15. IZZ-Presseforum Heidelberg 2009, 03.07.2009 (tB).

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