Zukunftsforum DemenzHerausforderungen für die Pflege  Demenzkranker:

Stürze, Fixierung, Schluckstörungen und Desorientierung

 

Prof. Dr. Ingo Füsgen

 

Hannover (2. November 2010) – Im nächsten Jahrzehnt drohen den EU-Staaten zum Teil dramatische Engpässe in der Gesundheitsversorgung. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten den europäischen Gesundheitssystemen 2020 bis zu 2 Mill. Arbeitskräfte fehlen. Dies gilt im Besonderen auch für Deutschland. Zu wenig Ärzte und zu wenig Pflegekräfte werden den demographischen Wandel mit massivem Anstieg älterer chronisch Kranker nicht schaffen können. Eine Möglichkeit wird sein, dass man die Gesundheitsberufe attraktiver macht. Dies schließt Initiativen zur Qualitätssicherung und eine Balance zwischen Berufs- und Privatleben zum Schutz der Gesundheit von Fachkräften ein ‑ eine gesundheitspolitische Herausforderung für unsere Politik. Altersabhängige Krankheiten werden dabei aufgrund des demographischen Wandels im Mittelpunkt aller Überlegungen zu stehen haben. Dies trifft im besonderen Maße für die Demenz zu, weil sie sowohl eine medizinische als auch soziale Herausforderung darstellt.

 

Der Krankheitsverlauf der Alzheimer‑Demenz ist gekennzeichnet von beginnenden leichten kognitiven Störungen bis hin zur schwersten Pflegebedürftigkeit und vorzeitigem Tod. Während der Krankheitsbeginn ein besonderes Problem für den Betroffenen und seine Umgebung darstellt, ist der mittlere Krankheitsabschnitt in der Regel durch den zunehmenden Verlust der Selbständigkeit mit Verhaltensauffälligkeiten geprägt, die mit weiteren Funktionsdefiziten (Schluckstörungen, Inkontinenz, Bewegungsstörungen) einhergehen und schnell zur Pflegebedürftigkeit führen. Verhaltensauffälligkeiten mit Aggressivität, Weglauftendenzen, Störungen des Tag‑Nacht‑Rhythmus oder Sturzgefährdung fordern die Pflege besonders heraus. Diese Verhaltensauffälligkeiten finden sich in besonders hohem Maße in der stationären Betreuung, wo aufgrund von Personalmangel oft die nötige Zeit für den Patienten fehlt (siehe Abb. 1).

 

Füsgen, Abb. 1 

 

Abbildung 1: nach Expertise „Heimbewohner mit psychischen Störungen" der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie u.‑psychotherapie e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, April 2003

 

 

In der Diagnostik unterscheiden wir bei den Verhaltensauffälligkeiten zwischen psychotischen Störungen und affektiven Störungen. Während man die affektiven Störungen recht gut durch eine globale interdisziplinäre Betreuung mit Zuwendung und Überwachung beeinflussen kann, bleibt für die psychotischen Störungen meist nur der Einsatz von Neuroleptika übrig.

 

Neben den Verhaltensstörungen haben in der Betreuung des Demenzkranken noch delirante Symptome eine hohe Bedeutung, die häufig fälschlicherweise als Verhaltensstörungen interpretiert werden. Das Delir tritt im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz akut auf, kann in jedem Stadium der Demenz auftreten und verändert sich im weiteren Verlauf. Häufig findet sich beim Demenzkranken ein Mischbild aus Grundkrankheit und Delir, was die Diagnostik im Einzelverlauf sehr schwierig macht. Insbesondere wenn es sich um ein hypoaktives Delir handelt.

 

Sowohl für die Verhaltensstörung als auch für das Delir ist die Behandlung der Grundkrankheit bzw. der Multimorbidität Voraussetzung jeder therapeutischen Maßnahme. Sedierende Medikation und spezifische Betreuung je nach Ausprägung der Verhaltensstörung bzw. des Delirs können nur zusätzliche weiterführende Maßnahmen sein. Am Beispiel des Memantine-Einsatzes zur Behandlung der Demenz wird deutlich, dass sich hier sehr wohl schon die Alltagsaktivitäten und das Verhalten des Demenzkranken positiv beeinflussen lassen. Dies gilt sogar, wenn Verhaltensstörungen bei mit Cholinesterasehemmern behandelten Patienten auftreten (siehe Abb. 2 und 3).

 

 

Füsgen, Abb. 2 

 

Abbildung 2

 

 

Füsgen, Abb. 3 

 

Abbildung 3

 

 

Die Probleme der nächtlichen Unruhe, des aggressiven Verhaltens, der Nahrungsverweigerung und des Herumirrens betreffen nicht nur den häuslichen oder den Heimbereich, sondern natürlich auch den Krankenhausbereich. Eine gerade fertig gestellte Pilotstudie von drei Geriatrischen Kliniken macht dies deutlich. Mit fast 100 % haben Delirsymptome bzw. Verhaltenssymptome eine hohe Bedeutung bei demenziellen Patienten in der Krankenhausbetreuung. Die ergriffenen Maßnahmen sind nicht immer optimal und wir haben hier Handlungsbedarf, der sowohl in der Qualität die Pflege stützt, als auch für den Patienten Komplikationsvermeidung und Lebensqualität bedeutet. Vermeiden ist der beste therapeutische Weg.

 

 

Autor

 

Prof. Dr. med. Ingo Füsgen
Chefarzt Geriatrische Klinik am St. Elisabeth-Krankenhaus
Lehrstuhl für Geriatrie Universität Witten-Herdecke
42553 Velbert-Neviges

 

 


Quelle: 33. Workshop des Zukunftsforums Demenz (Firma Merz Pharmaceuticals) zum Thema “Herausforderungen für die Pflege  Demenzkranker: Stürze, Fixierung, Schluckstörungen und Desorientierung“ am 02.11.2010  im Diakoniekrankenhaus Henriettenstiftung  Hannover (tB).

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