Mehr als „nur“ Nierenwerte: Nierenparameter haben eine hohe prognostische Aussagekraft für den allgemeinen Gesundheitszustand

 

Prof. Dr. Jan Galle, Pressesprecher der DGfN

 

München (25. Juni 2010) – Schaut man sich die Prävalenz der einzelnen Stadien der chronischen Nierenerkrankung genauer an, zeigt sich, dass fast11 % der Bevölkerung von einer Nierenerkrankung betroffen ist, der Anteil der Patienten im CKD-Stadium4 sowie im CKD-Stadium 5, die eine Nierenersatztherapie (Dialyse/Transplantation) bedürfen, hingegen mit 0,2 % / 0,1 % im Vergleich dazu relativ gering ist (Abb. 1).

 

 

 

 

Abb. 1

 

Leider weist dieser „Sprung“ zwischen der Prävalenz CKD 2/3 und der Prävalenz der Spätstadien auf eine traurige Wahrheit: Die Patienten versterben, bevor sie überhaupt das Stadium der Dialysepflichtigkeit erreichen. Dialysepatienten sind so gesehen die „Survivor“, sie sind eine positiv-selektierte Gruppe, die trotz abnehmender Nierenfunktion überlebt hat. Der Unterschied zwischen der 4,3 %-Prävalenz der CKD 3-Gruppe und der 0,2 % Prävalenz der CKD 4-Gruppe ist dramatisch. Rein rechnerisch überlebt also nur jeder 20. Patient die Schwelle zur terminalen Nierenerkrankung.

 

Da die Patienten auf dem Weg in die Dialysepflichtigkeit nicht an der Nierenkrankheit sterben, sondern an anderen – hauptsächlich kardiovaskulären Erkrankungen – ist zu überlegen, inwieweit die Nierenparameter nicht auch einen prognostischen Wert haben. Nun zeigte eine im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichte, systematische Analyse (1), die mehr als 1,2 Millionen Patienten einbezog, dass mit einfachen Nierenfunktionstests die Gesamt- wie auch die kardiovaskuläre Mortalität gut abgeschätzt werden kann.

 

Die Forscher des „Chronic Kidney Disease Prognosis“-Konsortiums, das im vergangenen Jahr von der KDIGO („Kidney Disease: Improving Global Outcomes“) ins Leben gerufen wurde, zeigten, dass mit zwei einfachen renalen Funktionstests (zum einen mit der Bestimmung der glomerulären Filtrationsrate (GRF) und zum anderen mit der Erhebung der Albuminurie) Angaben zur kardiovaskulären wie auch zur Gesamtmortalität gemacht werden können. Kombiniert man die beiden Tests, ist die prognostische Aussagekraft besonders hoch.

 

Diese neuen Ergebnisse sind u.a. Resultat gemeinsamen Initiative, eine neue Definition und Stadieneinteilung der chronischen Nierenerkrankung (CKD) zu erarbeiten. Die derzeitigen Leitlinien der „Kidney Disease Outcomes Quality Initiative“ (KDOQI) der National Kidney Foundation stützen sich allein auf die Filtrationsleistung (GFR) bei der Stadieneinteilung. Die zugrunde liegende Hypothese der neuen Initiative war, dass die Einbeziehung des Proteinurie-Levels die CKD-Stadieneinteilung verbessern und die Risikoeinschätzung genauer machen könne.

 

Eine Nierenfiltrationseinschränkung im Bereich 75-105 ml/min/ 1,73 m2 ist nämlich nicht mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko assoziiert; eine Einschränkung auf 60 ml/min/ 1,73 m2 stellt hingegen bereits ein unabhängiger Risikofaktor für die Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität dar. Der Grad der Proteinurie kann hier also Zusatzinformationen zum Mortalitätsrisiko in den verschiedenen Stadien der Erkrankung geben: Bei einer Albumin-Kreatinin-Ratio =30 mg/g, dem Grenzwert für das Vorliegen einer CKD, ist das Mortalitätsrisiko bereits um 50% erhöht und steigt sogar auf das über Vierfache bei hoher Albuminurie (1 g/g) im Vergleich zum Normwert (5 mg/g). Selbst Menschen mit hoch-normalen Albuminuriewerten haben ein statistisch signifikant höheres Sterblichkeitsrisiko als Menschen mit niedrigen/optimalen Werten.

 

Diese beiden Tests haben somit eine extrem erhöhte Aussagekraft zur Gesamt- wie auch kardiovaskulären Mortalität und können Risikopatienten stratifizieren – und zwar lange bevor sich eine Nierenerkrankung klinisch manifestiert. Würden diese Tests routinemäßig bei allen Patienten durchgeführt werden, könnte nicht nur manch eine unerkannte CKD frühzeitig erkannt werden, sondern vor allem die Menschen stratifiziert (und in Konsequenz entsprechend behandelt) werden, die ein hohes Mortalitätsrisiko aufweisen. Die Nierentests sind damit weit mehr als nur Nierentests, sie sind das „Fenster zu den Gefäßen“. Dieses diagnostische Fenster sollten wir nutzen – denn wir wissen „Der Mensch wird so alt wie seine Gefäße“ (Virchow).

 

Obwohl diese Tests einen enormen prognostischen Wert haben und vergleichsweise kostengünstig durchzuführen sind, werden sie in Risikoberechnungen und in der klinischen Praxis noch viel zu selten eingesetzt. Wir hoffen, dass durch die neue Studie die Nierenfunktionsparameter nun weltweit Einzug in die Risikoberechnungen zur Erfassung des Gesundheitszustandes erhalten werden.“

 

 

Anmerkung

 

 

 


Quelle: XLVII ERA-EDTA Congress – DGfN Congress, München, 25.06.2010 (albersconcept) (tB).

MEDICAL NEWS

Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…
Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…
Suliqua®: In komplexem Umfeld – einfach besser eingestellt
Suliqua®: Überlegene HbA1c-Senkung  im Vergleich zu Mischinsulinanalogon
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…

ERNÄHRUNG

Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen

ONKOLOGIE

Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…
Mehr Lebensqualität für onkologische Patient:innen durch bessere Versorgung: Supportivtherapie, Präzisionsonkologie,…
WHO veröffentlicht erste Klassifikation von Tumoren im Kindesalter
Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver

MULTIPLE SKLEROSE

Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…
Stellungnahme zur 3. Impfung gegen SARS-CoV2 bei Personen mit MS

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…