Parkinson Krankheit: Diagnose – kommt sie zu spät?

 

Prof. Dr. med. Claudia Trenkwalder

 

Mannheim (23. September 2010) – Die Frage, ob derzeit die Diagnosestellung einer Parkinson-Erkrankung zu spät kommt, kann eindeutig mit „nein“ beantwortet werden. Warum nicht? Um dies ausreichend erklären zu können, müssen wir Folgendes beachten: Wie wird derzeit die Parkinson-Erkrankung definiert und diagnostiziert? Wie sehen Frühsymptome oder vielleicht prämotorische Symptome der Parkinson-Erkrankung aus? Welche Möglichkeiten können wir einem Patienten bieten, der sog. prämotorische Symptome aufweist?

 

 

Wie können wir in Zukunft diese Fragen beantworten?

 

1. Die Diagnose der Parkinson-Krankheit sollte prinzipiell nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie erfolgen (www.dgn.org. Leitlinien). Nach Leitlinien werden die folgenden Schritte der Diagnostik empfohlen: Diagnose eines Parkinson-Syndroms (PS) durch das Vorhandensein von Bradykinese (Verlangsamung bei der Initiierung und Durchführung willkürlicher Bewegungen, progressive Verlangsamung und Abnahme der Amplitude bei repetitiven Bewegungen) und mindestens eines der folgenden Symptome:Muskulärer Rigor oder Ruhetremor oder Posturale Instabilität, die nicht primär durch visuelle, vestibuläre, zerebelläre oder propriozeptive Störungen erklärbar ist. Dann sollte die Abklärung symptomatischer Formen erfolgen, z. B. Therapie mit Neuroleptika, Nachweis eines NPH, Intoxikationen etc. Im dritten Schritt erfolgt die Abklärung nach Warn-Symptomen, die auf ein atypisches PS hinweisen können, z. B. Nichtansprechen auf hohe Dosen L-Dopa (1000 mg/d), schwere autonome Störungen, zerebelläre Zeichen, Antecollis, Dysphagie, Dysarthrie, supranukleäre Blickparese, Stürze etc. In einem weiteren Schritt wird das Vorliegen einer familiären Form des PS überprüft und zuletzt werden unterstützende Kriterien für das Vorliegen einer Parkinson Krankheit überprüft: Wenn mindestens drei der folgenden Symptome gegeben sind, spricht dies für eine klinisch sichere Parkinson Erkrankung:

 

  1. Einseitiger Beginn und/oder persistierende Asymmetrie im Krankheitsverlauf (einschließlich L-Dopa-induzierter Dyskinesien),
  2. Ruhetremor,
  3. Eindeutig positives Ansprechen (> 30% UPDRS motorisch) auf L-Dopa (ohne dass das SymptomRuhetremor ansprechen muss),
  4. Nicht durch Zusatzsymptome (Systemüberschreitung) komplizierter klinischer Verlauf von zehn oder mehr Jahren.

 

Somit wird die Parkinson-Erkrankung derzeit ausschließlich klinisch durch motorische Symptome diagnostiziert und definiert, unter Hinzunahme der L-DOPA-Antwort im Test oder durch Dyskinesien, ggf. durch Verlaufskriterien unterstützt. Beim Auftreten erster motorischer Symptome sind jedoch bereits 50 Prozent der nigralen dopaminergen Neurone degeneriert.

 

 

2. Frühsymptome und prämotorische Symptome

 

In den letzten zehn Jahren wurden zunehmend Studien über die prämotorischen und auch „non-motor symptoms“ der Parkinson-Krankheit publiziert, unterstützt durch die Hypothese von Heiko Braak, dass Parkinson durch eine „Invasion“ eines pathologischen Agens sowohl über die Darmwand als auch über die Nasenschleimhaut zunächst das autonome Nervensystem durchwandert, bis es im nigrostriatalen System die ersten motorischen Symptome auslöst.

Zu den wichtigsten prämotorischen Frühsymptomen zählen: Gastrointestinale Störungen (Obstipation, reduzierte Magen-Darmmotilität), autonome Störungen (orthostatische Hypotonie, Schweißneigung, Hautveränderungen), Schlafstörungen (REM-Schlafverhaltensstörung), Riechstörungen, psychische Störungen (Depressionen). Keines der genannten Symptome zählt bisher auch nur als unterstützendes Kriterium zur Diagnose der Parkinson-Erkrankung, obwohl der Zusammenhang als frühes Zeichen mittlerweile eindeutig nachgewiesen ist. Technische Untersuchungen können diese Symptome mittlerweile gut bestätigen (Schlaflabor, Riechtest, Autonome Tests). Bildgebende Verfahren geben ebenfalls Hinweise auf die Entwicklung eines zukünftigen Parkinson Syndroms (Hirnparenchymsonographie der Substantia nigra, DaT-SCAN™).

 

 

3. Möglichkeiten für den Patienten mit prämotorischen Symptomen

 

Welche Möglichkeiten hat ein Patient, der z. B. aus einer Familie stammt, in der Parkinson bekannt ist, und bei dem eine REM-Schlafstörung diagnostiziert wurde, der Riechstörungen hat und eine Obstipation? – Nach heutiger Diagnostik und Therapiestrategie ergibt sich keine Behandlung für diesen Patienten – warum?

 

Kein einziges der bisher zugelassenen Medikamente hat dieses mögliche Frühstadium der Parkinson-Erkrankung untersucht, es gibt z. B. nicht eine einzige Therapie-Studie zur REM-Schlafverhaltensstörung (RBD) bei Parkinson, obwohl mindestens 40 Prozent aller Parkinson-Patienten darunter leiden.

 

 

4. Wie können wir in Zukunft diese Fragen beantworten?

 

Da nicht alle Parkinson-Patienten die gleiche Häufigkeit und Reihenfolge prämotorischer Frühsymptome aufweisen, benötigen wir ein zuverlässiges „Muster“ und Biomarker, um das Risiko, eine Parkinson-Krankheit zu entwickeln, einschätzen zu können. Erst dann können Therapiestudien für ein prämotorisches Stadium aufgestellt werden. Eine Studie zur Erkennung und zu dem Verlauf der Parkinson-Erkrankung in der Frühphase wird derzeit in der Paracelsus-Elena Klinik in Kassel durchgeführt: „DeNoPa“ (= De Novo Parkinson). Zielsetzung, Design, Methodik und erste Ergebnisse werden dargestellt.

 

Zusammenfassend müssen wir in den nächsten Jahren die Frage beantworten, wie können wir zuverlässig die Parkinson-Erkrankung diagnostizieren, bevor erste motorische Symptome auftreten, d. h. wir müssen unsere heutigen klinischen Kriterien ersetzen – vorausgesetzt, wir können nachweisen, daß eine frühe Intervention mit zukünftigen (oder bereits vorhanden Substanzen?) eine Verbesserung auf den Verlauf der Erkrankung bewirkt. Dann wäre die derzeitige Art, die Diagnose zu stellen, tatsächlich „zu spät“.

 

 

Autorin

 

Prof. Dr. med. Claudia Trenkwalder

Leiterin des Regionalzentrums Kassel

Paracelsus-Elena-Klinik

Klinikstrasse 16

34128 Kassel

 

 


Quelle: Pressegespräch der Firma Lundbeck zum Thema „Multisystemerkrankung Morbus Parkinson: Azilect® in allen Phasen“, am 23.09.2010 in Mannheim (Gianni PR) (tB).

MEDICAL NEWS

Overly restrictive salt intake may worsen outcomes for common form…
COVID-19 vaccines are estimated to have prevanented 20 million deaths…
Novel sleep education learning modules developed for nurse practitioners
Scientists discover how salt in tumours could help diagnose and…
Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19

SCHMERZ PAINCARE

Aktuelle Versorgungssituation der Opioidtherapie im Fokus
Individuelle Schmerztherapie mit Opioiden: Patienten im Mittelpunkt
Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…

DIABETES

Kaltplasma bei diabetischem Fußsyndrom wirkt via Wachstumsfaktoren
Typ-1-Diabetes: InRange – auf die Zeit im Zielbereich kommt es…
Suliqua®: In komplexem Umfeld – einfach besser eingestellt
Suliqua®: Überlegene HbA1c-Senkung  im Vergleich zu Mischinsulinanalogon
„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…

ERNÄHRUNG

Mangelernährung gefährdet den Behandlungserfolg — DGEM: Ernährungsscreening sollte zur klinischen…
Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen

ONKOLOGIE

Krebspatienten unter Immuntherapie: Kein Hinweis auf erhöhtes Risiko für schwere…
Aktuelle Kongressdaten zum metastasierten Mammakarzinom und kolorektalen Karzinom sowie Neues…
Mehr Lebensqualität für onkologische Patient:innen durch bessere Versorgung: Supportivtherapie, Präzisionsonkologie,…
WHO veröffentlicht erste Klassifikation von Tumoren im Kindesalter
Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver

MULTIPLE SKLEROSE

Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?
Neuer Therapieansatz für Multiple Sklerose und Alzheimer
„Ich messe meine Multiple Sklerose selbst!“ – Digitales Selbstmonitoring der…
Stellungnahme zur 3. Impfung gegen SARS-CoV2 bei Personen mit MS

PARKINSON

Alexa, bekomme ich Parkinson?
Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…