Programmierung für späteres Übergewicht und Diabetes mellitus schon im Mutterleib

Frühe „Fehlprägung“ kann für lebenslange Anlage von erhöhtem Krankheitsrisiko sorgen

 

Berlin (7. Juli 2008) – Bereits im Mutterleib können Kinder die Grundlagen für späteres Übergewicht und Diabetes mellitus erhalten. Diese Form der pränatalen „Fehlprägung“ kann für ein lebenslang anhaltendes erhöhtes Erkrankungsrisiko sorgen. Langzeitstudien haben gezeigt, dass die Anlage solcher Risiken bereits während kritischer Entwicklungsphasen in der Fetalzeit und Neugeborenenperiode erfolgt. „Die sogenannte Perinatale Programmierung ist ein neues Wissenschaftsgebiet, das auch international immer mehr Akzeptanz findet,“ sagt Prof. Dr. Andreas Plagemann, Experimentelle Geburtsmedizin, Klinik für Geburtsmedizin der Berliner Charité. Studien haben ergeben, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Gewicht der Mutter, dem Geburtsgewicht des Kindes und der weiteren Entwicklung des Kindes gebe. So habe sich gezeigt, eine Überernährung und daraus resultierendes Übergewicht während der Schwangerschaft kann zu einem Diabetes der werdenden Mutter führen. Davon sind mehr als zehn Prozent aller Schwangeren betroffen. Dieser Diabetes kann auch beim Kind zu einem erworbenen Diabetes mellitus oder krankhaftem Übergewicht (Adipositas) führen. Die gesamte Übersichtsarbeit „Perinatale Prägung und lebenslange Krankheitsrisiken – Am Beispiel von Adipositas und Diabetes mellitus“ ist zu finden in ‚Der Gynäkologie 4/2008’. Informationen zu EU-gefördeter Forschung zur perinatalen Programmierung gibt es unter  www.metabolic-programming.org .

 

Adipositas

Weltweit nimmt die Häufigkeit von Adipositas und Diabetes mellitus seit Jahren ständig zu. In Deutschland sind nach Expertenmeinung etwa 70 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen übergewichtig (BMI 25-35) oder adipös (BMI größer als 35). Tendenz steigend. Diese fatale Entwicklung betrifft jedoch nicht erst das Erwachsenenalter. Bereits im Kindes- und Jugendalter steigt seit Jahren die Häufigkeit von Adipositas alarmierend an. Dieser Anstieg korrelierte mit einem Anstieg des Geburtsgewichts von Babies. Zwischen 1978 und 1998 nahm das mittlere Geburtsgewicht dramatisch zu, in einer US Studie zwischen 1975 und 2003 um 116 Gramm. Besonders bemerkenswert in Deutschland war der Anstieg in den neuen Bundesländern mit 151 Gramm in nur zwölf Jahren. Mehrere Studien sprechen dafür, dass die Zunahme des mittleren Geburtsgewichtes in direktem Zusammenhang mit den steigenden Zahlen von Adipositas im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter steht.

 

Es besteht ebenso ein Zusammenhang zwischen der Gewichtsentwicklung der Neugeborenen in den ersten Monaten nach der Geburt und dem späteren Risiko an Adipositas zu erkranken. Hier zeigten Studien, dass z.B. Kinder, die in den ersten vier Lebensmonaten übermäßig zugenommen hatten, als Jugendliche und Erwachsene ein deutlich erhöhtes Übergewichtsrisiko aufwiesen, auch unabhängig von ihrem Geburtsgewicht.

 

Diabetes

Ebenso zeigten Untersuchungen, dass Kinder diabetischer Mütter, unabhängig vom Gewicht der Mutter und der genetischen Veranlagung, ein etwa dreifach erhöhtes Risiko aufweisen, im späteren Leben Übergewicht und Adipositas zu entwickeln, häufig gekoppelt mit Störungen des Glukosestoffwechsels, der Insulinsekretion und des Insulinsensivität. Die Neigung, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, wird deutlich häufiger über die mütterliche Seite an die Nachkommenschaft weitergegeben als über die väterliche Seite.

 

Forderungen und Unterstützungen

Da die Perinatale Programmierung nicht genetisch, sondern entwicklungsbedingt ist, können nur Programme für Schwangere Abhilfe schaffen. So ist es notwendig, z.B. ein bundesweites Diabetes-Screening für Schwangere einzuführen, damit die Erkrankung so früh wie möglich erkannt und therapiert werden kann. Ebenso sollte die Überernährung von Neugeborenen in den Fokus des Gesundheitssystems gerückt werden. Das Stillen von Neugeborenen über mindestens einen Zeitraum von sechs Monaten sowie die konkrete Aufforderung zum Stillen an die werdende Mutter könnte einem späteren Risiko zum Übergewicht und zum Diabetes zuvorkommen. Stillen senkt das Übergewichtsrisiko für Jugendliche und Erwachsene um etwa ein Drittel.

 

Zu Erkennen, dass Prägungen für spätere Erkrankungen bereits im Mutterleib gelegt werden und diese schon früh zu behandeln, eröffnet für die Perinatalmedizin große Chancen, die lebenslange Gesundheit künftiger Generationen positiv zu beeinflussen.

 

Ansprechpartner
Charité – Experimentelle Geburtsmedizin
Klinik für Geburtsmedizin
Prof. Dr. Andreas Plagemann
eMail: andreas.plagemann@charite.de

 


Quelle: Newsletter Juli/August 2008 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 07.07.08.

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