Restless-Legs-Syndrom: Ein besseres Leben ist möglich

Die Qual der ruhelosen Beine ist eine kaum bekannte Volkskrankheit

Wiesbaden (29. September 2011) – „Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sind von einem Restless-Legs-Syndrom betroffen. Über zwei Millionen Menschen müssten behandelt werden, doch die Erkrankung ist deutlich unterdiagnostiziert“, beschrieb Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wolfgang Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie der Philipps-Universität Marburg, die derzeitige Behandlungssituation eines Krankheitsbildes, das noch immer wenig bekannt ist und immer noch viele Menschen unnötig quält.

 

Auf der 84. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), die noch bis zum 1. Oktober in Wiesbaden stattfindet, gab der 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Neurologie einen Überblick zu RLS in Deutschland und präsentierte aktuelle Therapieoptionen. Zudem kam eine RLS-Patientin zu Wort, die ihre erlebte Krankheitsgeschichte schilderte und dieser so oft nicht erkannten Erkrankung ein persönliches Gesicht gab. Ihre Botschaft: „Ein besseres Leben mit RLS ist möglich!“

Ziehen, Stechen, Kribbeln, das Gefühl von Ameisen unter der Haut, ein Reißen oder krampfartige Schmerzen. Solche Missempfindungen sind, neben einem Unruhe-Gefühl und Bewegungsdrang, insbesondere in den Beinen, charakteristisch für RLS. Die Beschwerden machen Kinobesuche, lange Autoreisen oder längere Bettlägerigkeit bei Krankenhausaufenthalten für die Betroffenen zu einer Tortur. Bewegung, bewusst durch Herumlaufen oder unbewusst im Schlaf ausgeführt, bringt kurzfristige Linderung, stört jedoch empfindlich den Nachtschlaf und reduziert die zur Regeneration nötigen Tiefschlafphasen. Die Folgen sind Unkonzentriertheit, Gereiztheit und Tagesmüdigkeit. „Die Einschränkung der Lebensqualität von RLS-Patienten ist ähnlich wie bei Patienten mit anderen schweren Erkrankungen wie beispielsweise Diabetes mellitus Typ II.“ 1


RLS wird viel zu selten erkannt und hat vielfältige Ursachen

Fünf bis zehn Prozent der Deutschen – etwa vier bis acht Millionen Menschen – erleben diese Symptome in unterschiedlicher Intensität. Bis zu zwei Millionen von ihnen leiden an einem therapiebedürftigen RLS-Syndrom. Auch Hausärzte könnten die Krankheit eigentlich gut diagnostizieren, doch das geschieht nur selten. So zeigt eine Studie, dass Hausärzte in England bei weniger als sieben Prozent der von Neurologen als RLS-Patienten erkannten Personen die richtige Diagnose stellten.2 Die Diagnose erfolgt klinisch anhand von Fragen im Patientengespräch, mit denen die vier essentiellen Kriterien des RLS erfasst werden. Diese sind:

  1. Bewegungsdrang der Beine, üblicherweise begleitet von Missempfindungen in den Beinen (die Arme oder andere Körperteile sind manchmal ebenfalls betroffen).
  2. Bewegungsdrang oder Missempfindungen treten ausschließlich oder verstärkt in Ruhe (Liegen oder Sitzen) auf.
  3. Der Bewegungsdrang oder die Missempfindungen werden teilweise oder vollständig durch Bewegung (Umhergehen, Dehnen) gebessert – solange diese Aktivität anhält.
  4. Der Bewegungsdrang oder die Missempfindungen treten nur abends oder nachts auf bzw. sind zu diesen Zeiten am stärksten.

Die Ursachen von RLS, dessen genaue Entstehung bis heute nicht geklärt ist, sind vielfältig: So kann die Erkrankung ererbt sein und spontan auftreten, ausgelöst durch noch unbekannte Faktoren, oder aber sekundär durch Vorerkrankungen wie Nierenleiden, Eisenmangel, Polyneuropathie oder Neurodegeneration bedingt sein. RLS kann auch im Verlauf einer Schwangerschaft auftreten oder durch die Einnahme bestimmter Medikamente ausgelöst werden.


RLS lässt sich medikamentös gut behandeln

Leichte bis mittelschwere Symptome, vorübergehendes Auftreten eines RLS sowie Patienten mit schweren Vorerkrankungen werden mit dem Medikament L-Dopa, einer speziellen Aminosäure und dem Vorläufer des Botenstoffes Dopamin, behandelt. Aufgrund neuer Studien gelten mittlerweile Dopamin-Agonisten als Mittel der 1. Wahl – zumindest bei mittleren bis schweren RLS-Fällen mit Beschwerden nachts und tagsüber. Auch wenn bei einer L-Dopa-Therapie ein Gewöhnungseffekt mit nachlassender Wirkung oder das Phänomen der Augmentation eintritt, wird auf die Dopamin-Agonisten zurückgegriffen. Unter Augmentation versteht man ein – unter pulsatiler Therapie wie z.B. mit L-Dopa – früheres Auftreten der RLS-Symptome (statt gegen 19 Uhr bereits gegen 15 Uhr) oder eine Ausweitung der Symptome von den Beinen auch auf die Arme.


Als Reservemedikation gelten Opioide. Bei durch Eisenmangel verursachtem RLS ist die intravenöse Gabe einer Eisenlösung sinnvoll.

Pflaster gegen RLS – langwirkende Dopamin-Agonisten wirkungsvoll und verträglich
Vor kurzem wurden die Ergebnisse einer 5-Jahres-Behandlung, der längsten je durchgeführten Verlaufsbeobachtung, mit dem transdermal (als Pflaster) applizierten Dopamin-Agonisten Rotigotin bei RLS-Patienten veröffentlicht.3 Von 341 Patienten, die initial in die mehrwöchige doppelblinde Studie randomisiert wurden, und von den sich hieraus rekrutierenden 295 Patienten, die anschließend an der offenen Langzeitverlaufsstudie teilnahmen, beendeten 126 (von 295 = 46 Prozent) die 5-Jahres-Studiendauer. 39 Prozent der Patienten, die diese Testphase durchliefen, waren unter weiterhin bestehender Therapie ohne Symptome. Das Pflaster ist auch nach fünf Jahren beim leichten bis mittelschweren Restless-Legs-Syndrom noch gut verträglich. Eine Augmentation wurde – bei Behandlung mit der zugelassenen Dosierung des verwendeten Dopamin-Agonisten – nur bei etwa fünf Prozent der Patienten, die die 5-Jahres-Studie abschlossen, beobachtet. Die Studie belegt die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit der langwirkenden Dopamin-Agonisten in der Therapie des RLS, dieser oft lebenslangen Erkrankung.


Quellen


1 Adapted from Allen RP, et al. Arch Intern Med. 2005; 165:1286–1292
2 REST Study 2004
3 Oertel et al.
The Lancet Neurology, 2011; 10 (August): 710–720


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), 29.09.2011.

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