Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Macht Genvariante Frauen anfälliger für Alkoholsucht?

 

Bonn (8. Juli 2008) – Eine bestimmte Genvariante macht Frauen möglicherweise anfälliger für eine Alkoholabhängigkeit. Diesen Schluss legt zumindest eine Studie der Universität Bonn und des schwedischen Karolinska-Instituts nahe. Demnach ist bei Alkoholikerinnen ein Gen des Endorphin-Stoffwechsels häufiger in typischer Weise verändert als bei gesunden Frauen. Auch in Mäusen spielen Endorphine augenscheinlich eine wichtige Rolle für die konsumierte Alkoholmenge – und zwar ebenfalls vor allem bei weiblichen Tieren. Die Forscher berichten in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Biologigal Psychiatry" über ihre Ergebnisse (doi: 10.1016/j.biospych.2008.05.008).

 

Endorphine gelten als "Glückshormone": Sie aktivieren das so genannte Belohnungssystem im Gehirn und sorgen so für gute Stimmung. Das kann nach einem Ausdauerlauf der Fall sein (Experten sprechen vom "Runner’s High"), nach einem Riegel Schokolade oder auch einem Glas Bier oder Wein. Der Körper strebt danach, diese Hochstimmung zu wiederholen – im schlimmsten Fall bis zur Sucht.

 

Ohne diese Glückshormone sollte man nicht so schnell zur Flasche greifen, sagt denn auch die Theorie. Die Forscher haben diese These getestet. Dazu untersuchten sie Mäuse, die aufgrund einer Genveränderung keine Endorphine produzieren konnten. Die Versuchstiere hatten die Wahl, ihren Durst mit reinem Wasser oder einer Ethanollösung zu stillen. "Allgemein tranken Mäuse ohne Endorphine weniger Alkohol als ihre Verwandten mit Glückshormonen", erklärt Dr. Ildikó Rácz vom Bonner Institut für Molekulare Psychiatrie. Sie hat die Studie zusammen mit ihrer Kollegin Britta Schürmann und dem Institutsdirektor Professor Dr. Andreas Zimmer geleitet.

 

Besonders ausgeprägt war der Endorphin-Effekt bei weiblichen Mäusen. Normalerweise greifen diese exzessiver zur Flasche als Männchen. "Ohne Endorphine verging ihnen die Lust auf Alkohol aber besonders drastisch", erläutert Rácz weiter. Bei den Mäuse-Männern machte die Abwesenheit der Glückshormone dagegen einen geringeren Unterschied.

 

Von Mäusen zum Menschen

 

Nun nahmen die Forscher Erbanlagen unter die Lupe, die im menschlichen Endorphin-Stoffwechsel eine Rolle spielen. Dazu untersuchten sie Blutproben von insgesamt knapp 500 Alkoholikerinnen und Alkoholikern auf Auffälligkeiten. Mit Erfolg: "Wir konnten zeigen, dass zwei genetische Änderungen im Erbgut von Alkoholikerinnen signifikant häufiger auftauchen als bei gesunden Frauen", fasst die Bonner Forscherin die Ergebnisse zusammen. "Was diese Änderungen genau bewirken, wissen wir aber nicht." Bei männlichen Alkoholikern hingegen fanden die Wissenschaftler keine Auffälligkeiten, die auf eine Beteiligung der Endorphine hindeuten.

 

Frauen mit einer bestimmten genetischen Konstellation könnten demnach gefährdeter sein, von Alkohol abhängig zu werden. "Wir schätzen heute den Einfluss der Gene bei dieser Krankheit auf mindestens 50 Prozent", erklärt Ildikó Rácz. Sie warnt aber davor, die Ergebnisse überzubewerten: "Wie stark der Einfluss der von uns gefundenen Genänderungen wirklich ist, können wir erst nach weiteren Studien beurteilen."

 

Immerhin scheint bereits jetzt ein wenig klarer, dass die "Glückshormone" wirklich eine Rolle bei der Entstehung einer Ethanolsucht spielen. Tierversuche hatten auf diese Frage bislang eine eher uneinheitliche Antwort geliefert – wohl auch deshalb, weil Alkoholkonsum eben auch eine Frage der Umwelteinflüsse und damit der experimentellen Rahmenbedingungen ist. Ildikó Rácz: "Unsere Studie weist den Endorphinen aber eindeutig eine wesentliche Rolle zu."


Pressemitteilung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vom 08.07.2008 (tB).

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