Schleimbarriere im Dickdarm wird wieder aufgebaut

 

  • Neues Medikament für Patienten mit entzündlicher Darmerkrankung im Test
  • Teilnehmer für bundesweite klinische Studie gesucht

 

Heidelberg (12. März 2010) – Ein neues Präparat zur Behandlung von Colitis ulcerosa, einer chronisch-entzündlichen Dickdarmerkrankung, das an der medizinischen Universitätsklinik Heidelberg entwickelt worden ist, geht derzeit in einen entscheidenden klinischen Test: Das Biotechnologie-Unternehmen Lipid Therapeutics mit Sitz in Heidelberg führt eine internationale klinische Phase II Studie durch. Deutschlandweit werden noch Studienteilnehmer gesucht.

Professor Dr. Wolfgang Stremmel, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV (Gastroenterologie), hat mit seiner Arbeitsgruppe die Wirkweise des Medikamentes Phosphatidylcholin geklärt: Das körpereigene, aber speziell aufbereitete Fett stellt den Schutzfilm der Dickdarmwand wieder her und macht die Einnahme von Kortison in vielen Fällen überflüssig. Ergebnisse einer ersten Studie, die das Präparat im Vergleich mit einem Scheinpräparat (Placebo) an einer kleineren Patientenzahl testete, sprechen für eine Effektivität des Präparats. Sie wurden 2007 in der Zeitschrift "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht.

"Es ist sehr befriedigend, den gesamten Entwicklungsprozess dieses vollkommen neuen Therapieansatzes von der Idee bis hin zur aktuellen Dosisfindungsstudie zu begleiten", kommentiert Professor Stremmel.

 

Reduzierte Schleimschicht im Darm

Über eine Million Menschen weltweit sind an Colitis ulcerosa erkrankt. Bei ihnen ist die Schleimschicht der Dickdarmwand stark reduziert und kann nicht mehr als Schutzschild gegen Bakterien fungieren; Entzündungen im Dickdarm führen dann zu Durchfällen und Blutverlust im Stuhl. Viele Patienten müssen mit Kortison oder Medikamenten behandelt werden, die die Immunabwehr unterdrücken, und deren Nebenwirkungen hinnehmen. Doch selbst das hilft nicht immer.

Ziel der aktuellen Studie ist es zunächst, die optimale Dosis des neuen, hochaufgereinigten Phosphatidylcholin-Präparates (LT-02) zu bestimmen und Wirksamkeit sowie Sicherheit weiter zu überprüfen. Insgesamt sollen 180 Studienteilnehmer untersucht werden. Die Studie schließt 30 Studienzentren in drei Ländern ein und soll in zwölf Monaten abgeschlossen sein.


Wie wirkt das neue Präparat?

Um Phosphatidylcholin, ein Bestandteil des natürlich vorkommenden Fettes Lecithin, im Dickdarm ersetzen zu können, muss dieses in einem komplizierten Verfahren in Kügelchen verpackt werden, die ihren Inhalt erst am Ende des Dünndarms freisetzen. Denn freie Fette werden bereits im oberen Teil des Dünndarms komplett aufgenommen und stehen dem Darm dann nicht mehr zur Verfügung. Gelangt das Phosphatidylcholin aber bis in den Dickdarm, kann es dort den schützenden Schleim wieder aufbauen, und das darunterliegende Gewebe kann heilen.

Der besondere Vorteil des Medikamentes liegt darin, dass abgesehen von Blähungen keine nennenswerten Nebenwirkungen auftreten. In ersten klinischen Studien, die 2005 und 2007 abgeschlossen wurden, war die Hälfte der behandelten Patienten nach drei Monaten beschwerdefrei: in 80 Prozent der Fälle konnte das Kortison gestoppt werden, ohne dass sich die Symptomatik verschlechterte.


Literatur


Stremmel W, Merle U, Zahn A, Autschbach F, Hinz U, Ehehalt R. Retarded release phosphatidylcholine benefits patients with chronic active ulcerative colitis. Gut, 2005, 54(7): 966-71.

Stremmel W, Ehehalt R, Autschbach F, Karner M. Phosphatidylcholine for steroid-refractory chronic ulcerative colitis: a randomized trial. Annals Intern Med, 2007, 147(9): 603-10.


Weitere Informationen im Internet

www.lipid-therapeutics.com
www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/pressestelle/pdf/interview.pdf  
www.klinikum.uni-heidelberg.de/Lecithin-zur-Behandlung-chronisch-entzuendlicher-Darmerkrankungen.102390.0.html

Ansprechpartner


Studiensekretariat Prof. Stremmel
Medizinische Klinik IV
Im Neuenheimer Feld 410
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 87 01 (Dipl. troph. Anja Hanemann)
E-Mail: anja.hanemann@med.uni-heidelberg.de  
oder
Tel.: 06221 / 56 68 02 (Andrea Mohr)
E-Mail: andrea.mohr@med.uni-heidelberg.de

 


Quelle: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg vom 12.03.2010 (tB).

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