Schuppenflechtemedikament gegen Multiple Sklerose

Fumarate: Sonderstellung unter den Nerven-schützenden Wirkstoffen

 

Bochum (28. Februar 2011) – Fumarsäuresalze werden seit langem gegen Schuppenflechte eingesetzt. Vor rund zehn Jahren äußerten Bochumer Forscher die Vermutung, dass sie aufgrund ihrer Wirkmechanismen auch bei Multipler Sklerose (MS) eine günstige Wirkung haben müssten. Nachdem Studien dies bestätigt hatten, arbeitete die Forschung mit Hochdruck daran, die genauen Wirkmechanismen zu klären. Das ist jetzt wiederum einer Bochumer Arbeitsgruppe gelungen: Fumarsäuresalze greifen nicht ins Immunsystem ein, sondern entgiften Radikale, die während des Entzündungsprozesses freigesetzt werden. So schützen sie Nervenzellen. Neurologen der RUB-Klinik St. Josef Hospital um Prof. Dr. Ralf Gold und Dr. Ralf Linker berichten in der aktuellen online-Ausgabe des führenden Neurologie-Journals BRAIN.

 

 

Vorgeschichte: Vermutung aus der Dermatologie

 

Die Schuppenflechte ist wie die Multiple Sklerose eine Autoimmunkrankheit, bei der sich die Immunabwehr gegen körpereigene Zellen richtet. Bei MS wird so die „Isolierschicht“ der Nervenzellen zerstört. Vor etwa zehn Jahren wies der RUB-Dermatologe Prof. Dr. Peter Altmeyer seinen Kollegen, den Neurologen Prof. Dr. Horst Przuntek, darauf hin, dass die unter dem Handelsnamen FUMADERM für die Behandlung der Schuppenflechte (Psoriasis) zugelassene Mischung aus Fumarsäuresalzen möglicherweise auch bei der MS günstige Wirkungen zeigen könnte. Daraufhin sponserte der Schweizer Hersteller Fumapharm eine kleine Studie in Bochum. Zehn Patienten wurden über 48 Wochen hinweg untersucht (Schimrigk et al European Journal of Neurology 2006, 13: 604–610). Parallel dazu unterstützte Fumapharm Grundlagenuntersuchungen, die Prof. Gold damals noch an seinem Göttinger MS-Institut durchführte (Schilling et al. Clin Exp Immunology 2006; 145: 101-107).

 

 

Fumarsalze entgiften Radikale und schützen Nervenzellen

 

Danach überschlugen sich die Ereignisse: Die amerikanische Pharmafirma Biogen Idec mit Schwerpunkt in der MS-Forschung übernahm die Fumapharm AG und leitete eine erfolgreiche Phase II Studie ein (Kappos, Gold, Lancet 2008; 372: 1463–72). Parallel forschte die Arbeitsgruppe von Prof. Gold, mittlerweile nach Bochum übersiedelt, intensiv an den Wirkmechanismen. Es stellte sich heraus, dass die Wirkung der Fumarsäuresalze, anders als die von ‚Standardmedikamenten‘ gegen MS, nicht auf der Unterdrückung oder Modulation des Immunsystems beruht, sondern während des Entzündungsprozesses freigesetzte schädigende ‚oxidative Radikale‘ entgiftet und so das Überleben von Nervenzellen fördert. Der Transskriptionsfaktor Nrf2 spielt dabei eine zentrale Rolle. „Damit nimmt die Fumarsäure eine Sonderstellung als ‚neuroprotektiv-antioxidative Substanz‘ in der MS-Welt ein“, erklärt Prof. Gold.

 

 

Ergebnisse neuer Studie werden mit Spannung im Sommer erwartet

 

Gerade wurde eine internationale, Plazebo-kontrollierte, geblindete Studie (DEFINE, Sponsor: Biogen Idec) mit 1.200 MS-Patienten und dem Fumarsäuresalz BG12 unter der Leitung von Prof. Gold abgeschlossen. Die Auswertung wird im Sommer 2011 mit Spannung erwartet. „Man könnte sich bei einem Erfolg der Studie durchaus vorstellen, dass die antioxidative Wirkung der Fumarsäure auch mit etablierten MS-Medikamenten wie den Interferonen einander ergänzend zusammenwirkt und so eine wirksame Kombinationstherapie darstellen kann“, schätzt Prof. Gold. „Das ist insofern bedeutend, als sowohl Fumarate als auch Interferone nach bisherigem Erkenntnisstand keine Langzeitrisiken beinhalten – im Gegensatz zu vielen modernen stark wirkenden MS-Therapien.“

 

 

Titelaufnahme

 

  • R. Linker, R. Gold et. al.: Fumaric acid esters exert neuroprotective effects in neuroinflammation via activation of the Nrf2 antioxidant pathway. In: Brain 2011: 134; 678–692, doi:10.1093/brain/awq386

 

 

Weitere Informationen

 

Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum im St. Josef-Hospital, Gudrunstraße 56, 44791 Bochum, Tel.: 0234/509-2410, Fax: 0234/509-2414, E-Mail: ralf.gold@rub.de

 


Quelle: Ruhr-Universität Bochum, 28.02.2011 (tB).

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