Stellungnahme der DGIIN zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung

 

Berlin (22. August 2019) — Die DGIIN begrüßt in Übereinstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ausdrücklich die vom Bundesgesundheitsministerium geplante Verbesserung der außerklinischen Beatmung, der Eindämmung des damit verbundenen Missbrauchspotentials und der Stärkung der Rehabilitation.


Bezüglich des vorliegenden Referentenentwurfes bietet sich die DGIIN in der Ausarbeitung weiterer Details als konstruktiver Partner an. Aus Sicht einer Fachgesellschaft, die viel mit Patienten in der außerklinischen Beatmung konfrontiert wird, darf folgendes angemerkt werden:

  1. Die außerklinische Beatmung in Deutschland stellt im internationalen Vergleich eine Besonderheit dar. Die extrem steigenden Zahlen der nicht-invasiven und invasiven außerklinischen Beatmung (Karagiannidis et al., Deutsch Med Wochenschr 2019; 144: 58-63) sind ein Resultat des medizinischen Fortschritts, aber sicherlich auch Ausdruck einer Übertherapie, die zunehmend ökonomisch getriggert wird. Der Blick in die europäischen Nachbarländer, die über einen ähnlich hohen medizinischen Standard verfügen, aber eine außerklinische intensivmedizinische Betreuung von zum Teil beatmeten Patienten nur außerordentlich selten etablieren, wirft substantielle Fragen auf. Medizin und Gesundheitspolitik sind aufgerufen, einen kritischen Diskurs über die Limitierung nicht ausreichend validierter medizinischer Leistungen insbesondere am Lebensende zu führen. Dies insbesondere auch im Hinblick auf knapper werdende personelle Ressourcen, die demographische Entwicklung und die zunehmend formulierten ethischen Bedenken hinsichtlich einer durch Langzeitbeatmung bedingten Lebensverlängerung bei Schwerkranken ohne Berücksichtigung des Patientenwillens. Eine Moderation eines solchen Diskurses durch den G-BA wäre wünschenswert.
  2. Im Zentrum jeder Evaluation der außerklinischen Beatmung muss der Patientenwille stehen. Die Evaluation kann in keinem Fall durch einen einzelnen Arzt geschehen, sondern muss das Ergebnis einer multiprofessionellen Diskussion unter Einbeziehung der Angehörigen und in besonders schwierigen Fällen auch unter Mitwirkung unabhängiger klinischer Ethik-Komitees stattfinden. Dieser standardisierte Prozess sollte präzise dokumentiert und nachvollziehbar sein und am Beginn aller weiteren Entscheidungen stehen. Die DGIIN fordert zudem eine regelmäßige Re-Evaluation aller aktuell außerklinisch intensivmedizinisch betreuten und möglicherweise beatmeten Patienten. Diese Re-Evaluierung muss zwingend durch ausgewiesene Experten in entsprechend ausgestatteten Zentren stattfinden.
  3. Die DGIIN möchte aufgrund ihrer Fachkompetenz in der Ausarbeitung der Details zur Festlegung der Qualitätskriterien in der außerklinischen Beatmung eingebunden werden. Die detaillierte Ausarbeitung wird maßgeblich für den Erfolg des Gesetzes sein.
  4. Eine Entscheidungsfindung ausschließlich durch Fachärzte für Pneumologie wird im Erwachsenenbereich als kritisch betrachtet. Nicht die Gebietsbezeichnung allein, sondern die Kompetenzen und Erfahrungen eines Mediziners mit der Betreuung kritisch kranker Patienten sind hier von maßgeblicher Bedeutung. Hier ist generell dem „4 Augen Prinzip“ der Vorzug zu geben. Intensivmedizinisch weitergebildete und tätige Ärzte besitzen aus Sicht der DGIIN hier besondere Kompetenz nicht nur bzgl. Beatmung, sondern auch im Hinblick auf die Gesamtsituation dieser internistisch oft schwersterkrankten Patienten.
  5. Die Stärkung des Prinzips Weanings vor außerklinischer Beatmung wird ausgesprochen begrüßt. Hier bedarf es hoher und einheitlich zu definierender Qualitätskriterien für geeignete Weaningeinheiten.
  6. Die Mindestzahl von zwei Patienten pro Wohngemeinschaft wird begrüßt. Hier sollte auch eine obere Grenze definiert, wie auch strukturelle Vorgaben eingeführt werden, wie zum Beispiel zu Brandschutz, Rettungswegen etc. Die obere Grenze sollte sich an einem x-fachen des noch zu definierenden Pflegeschlüssels orientieren. Eine Einbeziehung des Rettungsdienstes in Strukturvorgaben halten wir für essentiell.
  7. Gut funktionierende individuelle Pflege in dem häuslichen Umfeld, insbesondere bei neuromuskulären Erkrankungen im Kindesalter mit Transition in den Erwachsenenbereich, sollten explizit als Ausnahme einer außerklinischen 1:1 Betreuung unterstützt und erhalten werden.
  8. Dringend gilt es für die außerklinische Intensivmedizin bzw. außerklinische Beatmung neben einem ausreichenden Pflegeschlüssel auf die Ausbildung des Pflegepersonals zu achten. Hier müssen die Anforderungen zu Grunde gelegt werden, die in der S2k Leitlinie „Nichtinvasive und invasive Beatmung als Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz – Revision 2017“ festgelegt sind (W. Windisch et al. Pneumologie 2017;71:732).
  9. Die Daseinsvorsorge und das medizinisch-ethische Handeln sollten im Zentrum der inner- und außerklinischen Intensiv- und Beatmungsmedizin stehen. Eine in Teilen ökonomisch getriebene Medizin ist insbesondere in diesem Bereich der Medizin strikt abzulehnen.

 

Download

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, 22.08.2019 (tB).

Schlagwörter: , ,

MEDICAL NEWS

Fitness watches generate useful information, but increase patient anxiety
A new device provides added protection against COVID-19 during endoscopic…
81 million Americans lacking space or bathrooms to follow COVID…
Front-line physicians stressed and anxious at work and home
EULAR: High-Dose Glucocorticoids and IL-6 Receptor inhibition can reduce COVID-19…

SCHMERZ PAINCARE

Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…
Morbus Fabry mittels Datenanalysen aus dem PraxisRegister Schmerz aufspüren
Neandertaler besaßen niedrigere Schmerzschwelle
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2020 – ONLINE
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert Anerkennung von Nicht-Psychologen in der…

DIABETES

„Körperstolz“: Michael Krauser managt seinen Diabetes digital
Der richtige Sensor – von Anfang an
Diabetes mellitus: Ein Risikofaktor für frühe Darmkrebserkrankungen
Fastenmonat Ramadan: Alte und neue Herausforderung für chronisch Erkrankte während…
Sanofi setzt sich für die Bedürfnisse von Menschen mit Diabetes…

ERNÄHRUNG

Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…
Baxter: Parenterale Ernährung von Patienten mit hohem Aminosäurenbedarf

ONKOLOGIE

Bestmögliche Versorgungssicherheit bei der Krebstherapie mit CAR-T-Zellen
Darolutamid bei Prostatakarzinom: Hinweis auf beträchtlichen Zusatznutzen
Multiples Myelom: Wissenschaftler überprüfen den Stellenwert der Blutstammzelltransplantation
Neues zur onkologischen Supportiv- und Misteltherapie und aktuelle Kongress-Highlights zum…
Neue Darreichungsform zur Antiemese bei Chemotherapie: Akynzeo® ist ab sofort…

MULTIPLE SKLEROSE

Geschützt: Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei…
Neurofilamente als Diagnose- und Prognosemarker für Multiple Sklerose
Bedeutung der Langzeittherapie bei Multipler Sklerose – mehr Sicherheit und…
Bristol Myers Squibb erhält Zulassung der Europäischen Kommission für Ozanimod…
Einige MS-Medikamente könnten vor SARS-CoV-2/COVID-19 schützen

PARKINSON

Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung
Gegen das Zittern: Parkinson- und essentiellen Tremor mit Ultraschall behandeln…