TH Köln erforscht Vorgehensweisen zur Vermeidung von Gewalt in der häuslichen Pflege

  • Der 15. Juni ist der Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen.

Köln (15. Juni 2020) — Menschen, die ihre an Demenz erkrankten Angehörigen pflegen, sind in ihrem Alltag großen Belastungen ausgesetzt. Im Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ hat die TH Köln mit dem Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e. V. die Situation der Betroffenen im Hinblick auf ihre mentale Selbstregulation und (Nicht-)Gelassenheit untersucht. Auf dieser Basis wurden an der TH Köln ein Gelassenheits-Barometer als Selbsttest für Pflegende und ein Reader zur Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen entwickelt, mit dem insbesondere Beratungsstellen arbeiten können.

„Wer seine demenzkranken Angehörigen zu Hause pflegt, steht vor großen Herausforderungen: Die Pflege ist sehr aufwändig. Über einen langen Zeitraum geht die bisherige Beziehung zunehmend verloren. Es gibt schleichendes Abschiednehmen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Studie beschreiben, dass sie beständig um Fassung ringen“, sagt Prof. Dr. Renate Kosuch vom Institut für Geschlechterstudien der TH Köln.


Gelassenheit erhalten und zurückgewinnen

In acht Workshops berichteten insgesamt 51 Menschen, die ihre Eltern, Ehepartner, Schwiegereltern oder Geschwister pflegen, welche Stressfaktoren ihren Alltag bestimmen: das vergebliche Aufrechterhalten der Normalität, die ständige Konfrontation mit den Krankheitsfolgen, Selbstvorwürfe oder herausfordernde Verhaltensweisen der Erkrankten wie Beleidigungen. „Wenn Angehörige ihre Gelassenheit verlieren, dann ist das ein schleichender Prozess, der in ungewollten Handlungen oder Gefühlsausbrüchen enden kann. Um die Betroffenen in ihrer Selbstreflexion zu unterstützen, haben wir ein Gelassenheits-Barometer entwickelt“, so Kosuch.

Die 20 Fragen des Barometers zielen auf die Selbstwahrnehmung der Angehörigen, ihren Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stimmungen oder das Verhalten in schwierigen Situationen. Die Auswertung zeigt, ob zurzeit ein ausreichendes Maß an Gelassenheit besteht oder ob diese gefördert werden sollte. „In unseren Workshops haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzählt, wie sie ihre Gemütsruhe wiederherstellen. Etwa durch Strukturen und Rituale, indem sie sich Momente des Beisammenseins mit den Demenzkranken bewusstmachen oder durch das gezielte Schaffen von Freiräumen – physisch, aber auch mental“, sagt Kosuch. Das Barometer soll in Folgeprojekten weiter evaluiert werden.


Freiheitseinschränkende Maßnahmen vermeiden

„Für die Betroffenen ist es zudem eine Entlastung, wenn sie wissen, was in Grenzsituationen angemessen ist und welche Alternativen es gibt. Dabei ist es wichtig, dass sie überprüfen können, ob das eigene Handeln verhältnismäßig ist“, sagt Prof. Dr. Dagmar Brosey vom Institut für Soziales Recht der TH Köln. Daher ist im Rahmen des Projektes der Reader „Freiheitseinschränkende Maßnahmen in der häuslichen Pflege – Ursachen, Vermeidung, Legitimation“ entstanden.

Denn freiheitseinschränkende Maßnahmen – wie die Pflegebedürftigen in ein Zimmer einzusperren, ihnen den Rollator wegzunehmen oder sie gar mit Gurten am Bett zu fixieren – sind besonders in der häuslichen Pflege ein großes Risiko. Sie benötigen legitime Gründe und pflegefachliche Begleitung. So besteht bei Fixierungen Strangulationsgefahr und es droht Muskelabbau bei einer regelmäßigen Einschränkung der Bewegungsfreiheit.

Neben einem Überblick zu verschiedenen Formen der freiheitseinschränkenden Maßnahmen, Risikofaktoren und einer rechtlichen Bewertung, zeigt der Reader vor allem Alternativen auf. „Bevor Maßnahmen ergriffen werden, ist eine differenzierte Analyse der Situation notwendig. Etwa bei Menschen, die sogenannte Weg- oder Hinlauftendenzen haben. Ist erkennbar, ob sie einen bestimmten Ort wie ihren Arbeitsplatz erreichen möchten? Haben sie nur ein Bewegungsbedürfnis? Oder wollen sie einer unangenehmen Situation entkommen? Es ist dabei wichtig, nach den Bedürfnissen zu suchen die dahinterstehen, dann können mithilfe von Pflegeberatung angemessene Lösungen gefunden werden“, so Brosey.

 

 

Die TH Köln zählt zu den innovativsten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Sie bietet Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland ein inspirierendes Lern-, Arbeits- und Forschungsumfeld in den Sozial-, Kultur-, Gesellschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Zurzeit sind mehr als 26.000 Studierende in rund 100 Bachelor- und Masterstudiengängen eingeschrieben. Die TH Köln gestaltet Soziale Innovation – mit diesem Anspruch begegnen wir den Herausforderungen der Gesellschaft. Unser interdisziplinäres Denken und Handeln, unsere regionalen, nationalen und internationalen Aktivitäten machen uns in vielen Bereichen zur geschätzten Kooperationspartnerin und Wegbereiterin.

 


Quelle: Technische Hochschule Köln, 15.06.2020 (tB).

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