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Top-Thema auf dem 60. Urologen-Kongress in Stuttgart

  • Harnblasenkrebs – die unterschätzte Gefahr

  • Andrea Höhn: „Ich lebe mit einer Ersatzblase!“

 

Stuttgart (11. Juni 2008) – Andrea Höhn ist eine von fast 30.000. Laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 28.750 Menschen an Harnblasenkrebs. Wie Andrea Höhn kann ein Teil der Blasenkrebspatienten trotz Entfernung des Organs mit einer Ersatzblase ein nahezu normales Leben führen. Mit ihrer persönlichen Geschichte will die 53-Jährige zur Aufklärung über den zweithäufigsten urologischen Tumor beitragen, denn trotz der alarmierenden Zahlen ist in der Öffentlichkeit wenig über Risikofaktoren und Behandlung des Harnblasenkarzinoms bekannt.

Blut im Urin! Eine zeitlang hat Andrea Höhn das verdrängt. Sie ist verunsichert. Trotzdem findet sie Gründe, den Arztbesuch von Juni bis August 2005 hinauszuschieben. Die selbstständige Einzelhändlerin aus Kehl in Baden-Württemberg ist gerade 50 Jahre alt, denkt an die Wechseljahre. Da kann ja immer mal eine unregelmäßige Blutung sein, beruhigt sie sich. "Aber eigentlich wusste ich, dass etwas nicht stimmt", sagt sie. Andrea Höhn sucht Informationen. In einem Medizinbuch liest sie, dass Blut im Urin ein Zeichen für Blasenkrebs sein kann. Ihre Sorge wächst. Im August 2005 wird die Angst zur Gewissheit. Nach einem Urintest beim Hausarzt wird sie gleich zum Urologen überwiesen. Der ist sehr direkt; noch während der Ultraschalluntersuchung sagt er seiner Patientin unumwunden, dass sie einen Tumor in der Blase hat. "Da war irgendwie alles weg. Ich war fertig mit der Welt, konnte kaum Auto fahren auf dem Heimweg", erinnert sich die Baden-Württembergerin. Sie weiß noch, in ihrem Medizinbuch stand, Blasenkrebs sei heilbar bei Früherkennung. Daran hält sie sich fest.

 

Harnblasenkrebs liegt an vierter Stelle der Krebserkrankungen bei Männern, bei Frauen an achter Position. Mit jährlich 21.410 Neuerkrankungen bei Männern und 7.340 bei Frauen sind Männer heute deutlich häufiger betroffen. Das wird sich nach Expertenmeinung aber ändern, denn immer mehr Frauen rauchen, und Tabakkonsum ist der größte Risikofaktor für die Entstehung von Blasenkrebs. Auch bestimmte Chemikalien wie aromatische Amine zählen dazu. Damit kommt bei Frauen ein weiteres Risiko zum Tragen: Das Haare färben. Blut im Urin oder Schmerzen beim Wasserlassen sind mögliche Symptome. Die Heilungschancen hängen sehr stark davon ab, in welchem Stadium der Krebs entdeckt wird. In den meisten Fällen handelt es sich um oberflächliche Karzinome, die auf die Blasenschleimhaut beschränkt sind und bei einer Blasenspiegelung durch die Harnröhre entfernt werden können. In fortgeschrittenerem Stadium, wenn die Krebsgeschwülste bereits tief in die Blasenwand eingedrungen sind, kann die Entfernung der Harnblase mit Bildung einer Harnableitung erforderlich werden. Abhängig vom Tumorstadium kann zusätzlich eine Chemotherapie notwendig sein.

 

Bei Andrea Höhn ist der Tumor bereits in die Blasenwand eingedrungen. Nach drei Gewebeentnahmen steht fest: Ihre Blase muss entfernt werden. Im Ortenau-Klinikum in Offenburg soll sie operiert werden. Dort fühlt sie sich kompetent versorgt. Sie wird gut aufgeklärt, hat Vertrauen. Andrea Höhn weiß: "Ob ich eine künstliche Harnableitung mit einem äußerlich liegenden Beutel, der den abfließenden Urin auffängt oder eine Ersatzblase bekomme, würde sich erst während der Operation entscheiden".

 

Die Harnersatzblase zählt zu den großen medizinischen Fortschritten in der Urologie. Sie wird aus Teilen des Dünndarms des Patienten gebildet und an der Stelle des natürlichen Organs platziert, wo sie dessen Funktion übernimmt. Die Ersatzblase hat eine ähnliche Kapazität und wird an die Harnröhre angeschlossen. "Diese so genannte orthotope Neoblase wurde in den 80er Jahren von Professor Richard Hautmann aus Ulm entwickelt und ist heute in den großen deutschen Kliniken und in den USA das Therapieverfahren der Wahl. Ende der 90er Jahre entwickelte Professor Hautmann die Methode weiter, so dass sie inzwischen auch bei Frauen angewendet werden kann", sagt Professor Dr. Reinhold Horsch, Leiter der Urologie im Ortenau-Klinikum . "Anders als bei der klassischen Ableitung durch ein Conduit mit einem Auffangbeutel für den Urin können wir bei etwa 70 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkarzinom dank der ‚Hautmann-Blase‘ heute ein hohes Maß an Lebensqualität und körperlicher Integrität erhalten."

 

Im Februar 2006 wird Andrea Höhn von Professor Horsch operiert; sieben Stunden dauert der Eingriff. "Ich hatte Glück, mein Darm eignete sich zur Bildung einer neuen Blase, der Tumor saß nicht an der Harnröhre. Sie konnte erhalten und mit der Neoblase verbunden werden", sagt sie. Bestrahlung oder Chemotherapie sind bei ihr nicht notwendig. Der Krebs war auf die Blase beschränkt. Die ehemalige Judoka erholt sich schnell, kann nach 25 Tagen die Klinik verlassen. "Das Körpergefühl war von Anfang an gut, ich konnte nach kurzer Zeit spontan auf natürlichem Weg Wasserlassen." Dass sie inzwischen zur Blasenentleerung einen Katheter benutzen muss, schränkt sie nicht ein: "Das geht mit ein bisschen Übung so automatisch wie Zähneputzen". Auch die vierteljährlichen Nachsorgetermine machen Andrea Höhn keine Angst mehr.

 

Dass die Krankheit ihr Leben verändert hat, steht außer Frage. "Die erste Zeit nach der Diagnose war furchtbar, aber mein Mann und meine Tochter haben mir geholfen, das zu überstehen. Heute bin ich aktiver denn je. Statt 30 Stunden arbeite ich 60 bis 70 Stunden in der Woche", sagt die Lebensmitteleinzelhändlerin, die mit Mann und Tochter neuerdings drei Geschäfte führt, Salsa tanzt und nun Vieles mit anderen Augen sieht. "Ein schöner Tag, die Natur, ein nettes Wort – ich kann es heute wertschätzen." Mutiger ist sie auch geworden: "Ich erzähle öffentlich von meiner Erkrankung, weil so wenig darüber bekannt ist. Wenn ich gewusst hätte, das ich durchs Rauchen und Haare färben zur Risikogruppe gehöre, hätte ich mich regelmäßig beim Arzt untersuchen lassen".

 

Information und Aufklärung sind auch für Professor Horsch in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) wichtig: "Trotz der hohen Zahlen von Neuerkrankungen wird die Gefahr von Blasenkrebs in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt. Die DGU warnt deshalb ausdrücklich vor den Folgen des Tabakkonsums und begrüßt und unterstützt die strengen Rauchergesetze der Bundesregierung. Schutzmaßnahmen vor allem an Arbeitsplätzen der chemischen Industrie sowie der Gummi-, Textil- und Lederverarbeitung sollten ernst genommen werden".

 

Eine gesetzliche Früherkennungsuntersuchung gibt es für Blasenkrebs nicht. Vorhandene Urintests wie NMP22 oder DiaPat sind unter Experten umstritten. Einige empfehlen sie für gefährdete Berufsgruppen wie Friseure und Arbeiter aus der Chemie- und Farbindustrie und vor allem für Raucher. Andere Experten zweifeln an der Aussagefähigkeit dieser Tests. Professor Horsch: "Nichtrauchen ist die beste Vorsorge. Jeder der sich gefährdet sieht, kann sich bei seinem Urologen über das persönliche Risiko sowie Möglichkeiten und Grenzen der Früherkennung durch Urintests oder Ultraschall beraten lassen. Sicherheit gibt nach bisherigem Stand der Wissenschaft allerdings nur eine Blasenspiegelung".

 

Aktuelle Diagnostik und Therapie des Harnblasenkarzinoms gehören selbstverständlich zu den Schwerpunktthemen des 60. Kongresses der DGU, der vom 24. bis 27. September 2008 unter der Leitung von Professor Reinhold Horsch in Stuttgart stattfindet. Auch Andrea Höhn wird vor Ort sein und sich im Anschluss an die Eröffnungs-Pressekonferenz den Fragen von interessierten Journalisten stellen. "Ich hoffe, meine Erfahrungen können dazu beitragen, viele Menschen zu informieren und aufzurütteln!"


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vom 11.06.2008 (tB).

 

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