Die Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ in der Deutschen Diabetes-Stiftung – Öffentlichkeits für Risikopatienten, ihre Ärzte sowie politische Entscheidungsträger

 

Von Univ.-Prof. Dr. Diethelm Tschöpe

 

Berlin (2. Dezember 2005) – Die Volkskrankheit Diabetes nimmt ständig, in letzter Zeit sogar exponentiell zu. Unterschiedliche Quellen, unterschiedliche Sichtweisen, gleiches Ergebnis. Neu ist allerdings die vor allem aus ökonomischer Perspektive vorrangig gewordene Betrachtung, daß es neben den sozialen und medizinischen direkten Belastungen der Zuckerkrankheit vor allem darum gehen muß, die immensen Kosten, die mit der Behandlung von Komplikationen verbunden sind, zu beherrschen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Schäden an den Blutgefäßen. Während früher die Mikroangiopathie und die hierdurch bedingten Organschäden im Mittelpunkt des Bewußtseins sowohl der Ärzte als auch der Patienten mit Diabetes standen, verschiebt sich dieses Bewußtsein zunehmend auf dem Boden der Erkenntnis, daß es vor allem Herzinfarkt, Schlaganfall und Verschlüsse der Beinarterien sind, die Patienten mit Diabetes mellitus tödlich bedrohen. Herausragendes Problem: Die Zuckerkrankheit wird nicht bemerkt, Gefäßveränderungen, die schließlich zum Infarkt führen können, leider auch nicht.

 

Es besteht daher ein doppeltes Problem. Einerseits ist davon auszugehen, daß in unserer Bevölkerung etwa in der Altersgruppe der über 55jährigen Glukosestoffwechselstörungen bei mehr als 40 Prozent gefunden werden können. Allerdings ist die Diagnose „Diabetes mellitus“ nur bei rund 8 Prozent gestellt, d. h. es besteht eine erhebliche Dunkelziffer: „Stummer Diabetes mellitus“. Viele Menschen haben also den Diabetes mellitus oder seine Vorstufe und sind von den o. g. Komplikationen bedroht, merken aber nichts und wissen daher auch nichts von ihrem individuellen Risiko. Dabei bestehen häufig andere Miterkrankungen, wegen derer solche Menschen sogar in ärztlicher Behandlung sind, z. B. der erhöhte Blutdruck, das schlechte Profil der Blutfettwerte etc. Wird jetzt nicht aktiv nach dem Vorliegen eines Diabetes mellitus oder seiner Vorstufe gefahndet, entsteht die oben beschriebene diagnostische Lücke. Konsequenz: Mehr als 2/3 aller Patienten, die wegen akuter Gefäßprobleme wie etwa Herzinfarkt in Krankenhäusern aufgenommen werden, haben Störungen ihres Zuckerstoffwechsels.

 

Der Herzinfarkt als Erstsymptom eines Diabetes mellitus – eine erschreckende Wahrheit. Hier wird dringend Aufklärung nicht nur von Menschen mit einem hohen Diabetesrisiko, sondern auch von behandelnden Ärzten gebraucht, um diese Risikokette durch geeignete präventive Maßnahmen ggfs. aber auch mit Pharmakotherapie zu unterbrechen. Andererseits fühlen sich viele Menschen von dieser Botschaft nicht betroffen, obwohl bei ihnen ein durchaus gut behandelter Diabetes mellitus bekannter Weise vorliegt. Auch dies entspricht einer groben Verkennung des individuellen Risikos für solche tödlichen Gefäßkomplikationen, da sich die Erkrankung der organversorgenden Arterien häufig völlig unbemerkt entwickelt, d. h. Gefährdung durch Infarkt bei vollem Wohlbefinden oder schlimmer, Infarkt ohne jede Symptomatik – stummer Herzinfarkt. Neuere Daten weisen darauf hin, daß zwischen 20 und 40 Prozent der Patienten, bei denen „nur“ ein Diabetes mellitus diagnostiziert wurde, bereits solche schwerwiegenden Durchblutungsstörungen des Herzens bis hin zum Infarkt vorliegen.

 

Erschreckend: Dies war bei bis zu doppelt so vielen Menschen mit Diabetes mellitus ohne jede Symptomatik gegenüber Nichtdiabetikern mit der klassischen Symptomatik einer Angina pectoris der Fall. Es sind daher stumme Myokardis-chämie und stummer Diabetes mellitus, die ein besonderes Gefährdungspotenzial ergeben. Leider gelten diese Zusammenhänge insbesondere auch dann, wenn Patienten durch die moderne Hochleistungsmedizin ein solches gefährliches Gefäßereignis überlebt haben. Die Zucker-krankheit begünstigt gerade auch bei Bypasspatienten und bei Patienten nach erfolgreicher Katheterbehandlung die Entstehung von Gefäßverschlüssen und bedingt umgekehrt gerade bei jenen Patienten eine punktgenaue therapeutische Korrektur ihres Risikofaktorenprofils, das selbstverständlich neben dem Blutzucker das Körpergewicht, die Blutfette, den erhöhten Blutdruck aber auch die erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes beinhaltet.

 

Die Vermittelbarkeit dieser Zusammenhänge erscheint schwierig. Zunächst ist es der Patient selbst, der nur schwer einsehen kann, daß er selbst bei kompletter Symptomfreiheit durch schwerwiegende Gefäßkomplikationen tödlich bedroht ist. Andererseits tut sich die Medizin schwer, die oben geschilderten Zusammenhänge und das sich hieraus ableitende abstrakte Risiko so zu vermitteln, daß es verstanden und akzeptiert wird. Die Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ möchte daher insbesondere informieren und dabei den positiven Aspekt herausstellen, daß die Bevölkerung, aber auch die Patienten bei geeignetem Risikobewußtsein alle Möglichkeiten haben, den gefürchteten, schicksalhaften Erkrankungsverlauf abzumildern oder gar präventiv zu vermeiden: Prävention vor Intervention! Hierbei mag helfen, daß die Stiftung unter dem Motto „Fragen Sie Ihren Arzt bzw. Ihren Patienten“ ein 10-Punkte-Programm zusammengestellt hat, das darauf abzielt, neben einer Checklistenfunktion insbesondere das Gespräch zwischen Patienten und den behandelnden Ärzten über ein eventuell vorhandenes Risiko in Gang zu bringen.

 

Es ist unmittelbar einsichtig, daß bei einer so schwierigen Bewußtseinslage auf Seiten der Patienten und der Ärzte noch viele Fragen rund um den Diabetes mellitus und seine Gefäßkomplikationen unbeantwortet sind – auch deswegen, weil noch keine ausreichend intensive Forschung an der Schnittstelle zwischen Stoffwechsel und Gefäßmedizin entstanden ist. Deswegen hat die Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ einen jährlichen Forschungspreis in der Höhe von 10.000 Euro ausgeschrieben, der von der Firma sanofi-aventis gestiftet wird. Damit soll versucht werden, Forschung an dieser wichtigen Wissensschnittstelle zu stimulieren. Im Rückblick auf die zurückliegenden fünf Preisträger und die von ihnen repräsentierten Themen ist erlaubt zu sagen, daß es tatsächlich gelungen zu sein scheint, mit diesem Forschungspreis hochklassige Laureaten gewonnen zu haben, deren Themen in der wissenschaftlichen Gesellschaft Bestand haben und von denen eine Verbesserung der therapeutischen Rahmenbedingungen in diesem Feld erwartet werden kann. Gerade ist mit Herrn Dr. Werner von der Universität Homburg/Saar der diesjährige Forschungspreis für seine Arbeiten zu zellbiologischen Risikoindikatoren verliehen worden. Der Versuch konzeptioneller Forschungsförderung durch die Stiftung erfährt hierdurch eine weitere erfolgreiche Fortsetzung.

 

Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß Patienten mit Diabetes mellitus und Manifestationen von Gefäßerkrankungen wie etwa dem Herzinfarkt, aber auch dem Schlaganfall und der peripheren Verschlußkrankheit nicht hinreichend in ihren Interessen und Belangen vertreten sind. Unbestritten sind die Verdienste derjenigen Stiftungswerke und Verbände, die sich um diejenigen Probleme kümmern, die aus dem schrecklichen Krankheitserleben eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls erwachsen. Der hohe persönliche oder gar gesellschaftliche Nutzen der durch die mögliche Verhinderung solcher Krankheiten in einer Höchstrisikogruppe wie Patienten mit Diabetes mellitus möglich ist, erscheint jedenfalls vor dem Hintergrund der Präventionsmedizin noch als eine besonders lohnende Herausforderung. Damit positioniert sich die Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ in der Deutschen Diabetes-Stiftung als Interessenvertreter einer weithin unterschätzten oder gar vergessenen Höchstrisikoklientel, die in den vielen Aktivitäten, etwa dem Nationalen Aktionsplan Diabetes oder strukturellen Veränderungen der Versorgung auf politischer Entscheidungsfindungsebene ausreichend gehört und berücksichtigt werden sollten.

 

Im siebenten Jahr ihres Bestehens ist dieser Auftrag sicherlich nur in Ansätzen akzeptiert oder gar durchgesetzt. Allerdings weisen die medizinischen Entwicklungen in ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Dramatik den Weg und lassen hoffen, daß das Konzept aus Öffentlichkeitsarbeit, Forschungsförderung und öffentlicher Meinungsbildung zum Erfolg verurteilt ist.

 


 

Quelle: Vortrag, gehalten auf einer Pressekonferenz der Firma Sanofi-Aventis, zum Thema „Starke Partner in der Diabetologie“ –  anläßlich der 5. Jahrestagung der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ am 2. Dezember 2005 (Ogilvy Healthworld) (tB).

 

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