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Warum wollen Menschen sich selbst töten?

 

Jena (4. Juni 2021) — Ein Projektteam an Universitätsklinikum Jena und Sainte-Anne Hospital in Paris untersucht die neuronalen und kognitiven Veränderungen bei Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben. Dabei sollen Methoden der kognitiven Neurowissenschaften, die Analyse genetischer Faktoren und KI-basierte Methoden zur Datenmodellierung eingesetzt werden. Die Studie zielt auf ein besseres Verständnis suizidalen Verhaltens und wird von der American Foundation for Suicide Prevention gefördert.

Jedes Jahr begehen in Deutschland ungefähr 10.000 Menschen Suizid; Thüringen ist dabei das Bundesland mit einer der höchsten Suizidraten. Damit sterben in Deutschland mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Die Zahl der Suizidversuche liegt um ein Vielfaches höher. Psychiatrische, psychotherapeutische und psychosoziale Netzwerke entwickeln spezielle Präventionsangebote und versuchen, enge Bezugspersonen suizidgefährdeter Menschen zu sensibilisieren. Jedoch bleiben Suizid und Suizidversuche als denkbar größte seelische Notfälle bislang wenig verstandene Handlungen und die Möglichkeiten einer Vorhersage unbefriedigend.

Psychologen und Psychiaterinnen des Universitätsklinikums Jena und des Sainte-Anne Hospitals in Paris wollen neue Untersuchungsinstrumente einsetzen und Erklärungsmodelle entwickeln, um dieses komplexe und multifaktoriell bedingte Verhalten besser zu verstehen. Das jetzt startende Kooperationsprojekt wurde von der American Foundation for Suicide Prevention für die Förderung ausgewählt und wird mit 300.000 US-Dollar unterstützt. „Wir wollen untersuchen, welche kognitiven bzw. neuronalen Prozesse bei Patientinnen und Patienten mit einem Suizidversuch verändert sind, insbesondere, wenn dafür ‚harte᾽, also nichtmedikamentöse Suizidmethoden gewählt wurden“, so Projektleiter PD Dr. Gerd Wagner von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Jena. „Uns interessiert vor allem, welche Strukturen im Gehirn für die veränderten Entscheidungsprozesse verantwortlich sind und wie diese mit spezifischen genetischen Ausprägungen zusammenhängen.“

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Ursachen des suizidalen Verhaltens besser verstehen

Menschen, die „harte“ Suizidmethoden wählen, haben ein viel höheres Risiko für den zukünftigen Suizid. Bestimmte kognitive Prozesse, wie riskantere Entscheidungen und eine eingeschränkte Kontrolle des Verhaltens, können zu einem erhöhten Suizidrisiko beitragen. Mithilfe funktioneller Magnetresonanzbildgebung und neuropsychologischer Testungen wollen die Wissenschaftler diese neurokognitiven Funktionen, insbesondere das Entscheidungsverhalten, und die damit assoziierten Hirnfunktionen bzw. Hirnstrukturen untersuchen. Dabei werden für die Datenmodellierung Methoden des maschinellen Lernens zum Einsatz kommen.

Das Projektteam analysiert auch, ob beim suizidalen Verhalten spezifische genetische Faktoren mit veränderten Entscheidungsprozessen, sowie mit veränderter Gehirnstruktur und Funktion assoziiert sind. Hierzu werden anhand von Blut bestimmte Varianten des genetischen Codes erfasst und mit den neurokognitiven Daten sowie neuronalen Parametern verglichen.

Bestandteil des Projektes sind auch Gastaufenthalte am jeweiligen Partnerstandort. Im Rahmen dessen arbeitet der renommierte Suizid-Forscher Prof. Fabrice Jollant von der Université Paris Descartes seit April als Gastwissenschaftler in Jena. Gerd Wagner: „Wir freuen uns, in dieser anspruchsvollen Studie mit den französischen Kollegen zusammenarbeiten zu können. Das Projekt soll uns helfen, die komplexen und multifaktoriellen Ursachen des suizidalen Verhaltens besser zu verstehen und spezifische Parameter für eine verbesserte Vorhersage von Suizidversuchen zu identifizieren. Unsere Kooperation soll auch Weichen für eine größere internationale wissenschaftliche Strategie stellen, um die Neurobiologie des suizidalen Verhaltens besser zu verstehen und damit auch besser zu behandeln. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Suizidprävention.“

 

 

Weitere Informationen

 

 


Quelle: Universitätsklinikum Jena, 04.06.2021 (tB).

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