Wenn die Baby-Boomer alt werden – Spagat zwischen Pflege und Beruf blockiert stille Reserven

Institut Arbeit und Technik plädiert für einen „Wohlfahrtsmix“ für stärkere Aktivierung

 

Gelsenkirchen (5. Januar 2011) – Die durch Familien- und Angehörigenarbeit blockierten stillen Reserven des Erwerbspersonenpotenzials können nach Einschätzung des Instituts Arbeit und Technik (IAT) der Fachhochschule Gelsenkirchen stärker aktiviert werden. Dazu müssten alle Facetten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf berücksichtigt und dieses Thema nicht nur auf den Schwerpunkt der Kindererziehung und -betreuung beschränkt werden, schreiben die IAT- Wissenschaftler Michael Cirkel und Peter Enste in der neuen Ausgabe von IAT-Forschung-Aktuell.

 

Laut Statistik wird die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,2 Millionen im Jahr 2007 auf 2,9 Millionen im Jahr 2020 und etwa 3,4 Millionen im Jahr 2030 ansteigen. Lassen sich in der Generation der in die Jahre gekommenen so genannten Baby-Boomer die familienbezogenen Pflege- und Unterstützungsleistungen noch häufig auf mehrere Schultern verteilen, so wird es spätestens dann, wenn die Baby-Boomer selbst in den Ruhestand gehen, schon rein rechnerisch zu erheblichen Versorgungsengpässen in den informellen Unterstützungsleistungen durch Familienangehörige kommen.

 

Im Jahr 2008 war jede vierte Frau, die ein Kind bekommen hat, über 34 Jahre alt, dieser Anteil der älteren Mütter (und Väter) ist seit Beginn der 1990er Jahre kontinuierlich gewachsen. Diese Entwicklung bedeutet auch, dass Berufstätigkeit, Kinderbetreuungsphase und Elternpflegephase trotz des ebenfalls steigenden Durchschnittsalters und den Fortschritten, die zum Erhalt der Gesundheit auch im höheren Lebensalter gemacht wurden, inzwischen vielfach zusammenfallen und sich für die Betroffenen als dreifache Belastung darstellen.

 

Der mehrfachen Belastungssituation pflegender Beschäftigter wird nach Einschätzung der IAT-Wissenschaftler bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn ein erheblicher Anteil aller pflegenden Angehörigen im erwerbstätigen Alter ist berufstätig, sogar 23 % der Hauptpflegepersonen, davon die Hälfte mit Vollzeitbeschäftigung. In Zukunft wird die Zahl der Berufstätigen noch steigen,  die neben dem Job mit der Pflege und Versorgung eines Angehörigen betraut sind.

 

Die Übernahme der informellen Pflege- und Unterstützungsleistungen ist weder durch die Leistungen der Pflegeversicherung in ausreichendem Umfang abgedeckt, noch kann sie organisatorisch und personell mit den vorhandenen Ressourcen und Instrumenten sichergestellt werden, meinen Cirkel und Enste Die bislang bestehenden Pflege- und Versorgungsdienstleistungen sollten um Ansätze ergänzt werden, die an den spezifischen Belangen von Unternehmen und Mitarbeitern ausgerichtet sind. Eine solche Lösung kann nicht von einer Seite allein erwartet werden, sondern es müssen Modelle entwickelt und erprobt werden, die im Sinne eines geeigneten Wohlfahrtsmixes sowohl die Unternehmen und Arbeitnehmervertretungen als auch die öffentliche Hand und die Kostenträger mit einbeziehen, um gemeinschaftlich getragene Lösungsansätze zu erarbeiten.

 

 

Link zur Veröffentlichung

 

"Smart Ageing – Der Spagat zwischen Pflege und Beruf – vom Umgang mit der alternden Gesellschaft":

http://iat.eu/index.php?article_id=5&clang=0

 

 

 

 


Quelle: Institut Arbeit und Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen, 05.01.2010 (tB).

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