Wenn die Pyramide Kopf steht  – Perspektiven des Alterns:

VolkswagenStiftung bewilligt zwölf Projekte über insgesamt rund 3,6 Millionen Euro.

Hannover (14. August 2008) – Häufig ist in den vergangenen Jahren vom demografischen Wandel die Rede. In den Medien dominieren dabei Schreckensszenarien, und die Diskussion konzentriert sich oft auf die negativen Folgen. Ein Blick auf die produktiven Gestaltungsmöglichkeiten kann hier einen positiven Akzent setzen. Im August 2006 gab die VolkswagenStiftung daher den Startschuss für eine Ausschreibung zum Thema "Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns" – unter dem Dach ihrer Initiative "Zukunftsfragen der Gesellschaft". Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten sich inhaltlich originell und methodisch ausgewiesen daran beteiligen mit dem Ziel, Entwicklungspotenziale einer alternden Gesellschaft auf individueller und gesellschaftlicher Ebene auszumachen und diese zu fördern – und zwar unter Beteiligung der "Betroffenen". Denn: Für eine offensive Gestaltung demografischer Herausforderungen tragen auch die älter werdenden Mitglieder einer insgesamt alternden Gesellschaft eine Mitverantwortung. Die VolkswagenStiftung bringt nun zwölf Forschungsvorhaben mit insgesamt rund 3,6 Millionen Euro auf den Weg:

Flexibilität – Jungbrunnen für den Kopf?

502.000 Euro für das Vorhaben "Mobilität und Entwicklungserfolg: Gibt es kumulative Effekte von beruflicher Mobilität auf die Entwicklung der kognitiven und persönlichkeitsbezogenen Adaptivität?" von den Professoren Dr. Ben Godde, Dr. Klaus Schömann und Dr. Ursula Staudinger vom Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development der Jacobs University in Bremen;

Mit 15 zur Lehre in einen Betrieb eintreten und dort bis zur Rente bleiben? – Diese Zeiten sind für die meisten Arbeitnehmer längst passé. In der modernen Arbeitswelt kommt es immer häufiger vor, dass der erste Beruf nicht für ein ganzes Arbeitsleben trägt: Wechsel in der Berufstätigkeit gehören für viele zum Alltag. Diese Wechsel können unter Umständen zur Belastung werden; allerdings sind auch positive Effekte für die Betroffenen denkbar: Könnte etwa durch die kontinuierlichen Herausforderungen und neuen Erfahrungen im Zuge beruflich bedingter Mobilität die Anpassungsfähigkeit des Einzelnen im Alter steigen? Trägt dies vielleicht dazu bei, altersbedingten "Abbau" hinaus zu schieben? Sind neue Aufgaben also ein "Jungbrunnen" für Kopf und Persönlichkeit? Oder ist es vielmehr so, dass besonders anpassungsfähige Personen stärker motiviert sind, flexibel und mobil zu sein? Diesen Fragen möchte ein Wissenschaftlerteam der Jacobs University in Bremen mit soziologischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Methoden nachgehen.

Die Forscher stellen dabei freiwillige berufliche Mobilität ins Zentrum ihrer Betrachtungen: Wie wirkt sich diese auf die individuellen Fähigkeiten zur Anpassung an neue Aufgaben im Alter aus? Wie verändern sich die Lern-, Gedächtnis- und Denkleistungen sowie die Persönlichkeit des Einzelnen? Als Persönlichkeitsmerkmale interessieren das Team vor allem Offenheit für neue Erfahrungen, Risikobereitschaft und Rigidität.

Die Untersuchungsbasis bilden die Längsschnittdaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), aus dem über einen Zeitraum von 20 Jahren für 200 Personen Daten entnommen werden (das SOEP ist ein Survey, der für die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenforschung Mikrodaten bereitstellt). Von Interesse für die Forscher sind hier die sogenannten Babyboomer, die – gegenwärtig im mittleren Erwachsenenalter – die künftigen älteren Belegschaften bilden. Geplant sind Befragungen zu Persönlichkeitsmerkmalen und kognitive Tests. An 80 der 200 Personen werden zudem neuro-physiologische Tests zur Messung von Anpassungs- und Lernfähigkeit durchgeführt.

Wie bringt man Beruf und Pflege unter einen Hut?

400.000 Euro für das Vorhaben "Zwischen Beruf und Pflege: Konflikt oder Chance? Strategie zur nachhaltigen Sicherung zukünftiger Pflege- und Produktivitätspotenziale in einer alternden Gesellschaft. Ein europäischer Vergleich" von Professorin Dr. Monika Reichert, Soziale Gerontologie mit dem Schwerpunkt Lebenslaufforschung an der Technischen Universität Dortmund;

In einer älter werdenden Gesellschaft sind immer mehr Menschen auf Betreuung und Hilfe angewiesen. Angehörige müssen die häusliche Pflege dabei häufig mit der eigenen Berufstätigkeit vereinbaren – eine oftmals schwierige und belastende Situation. Professorin Monika Reichert von der Technischen Universität Dortmund möchte mit ihren Kooperationspartnern aus Deutschland, England, Italien und Polen zeigen, dass eine konfliktarme Vereinbarung von Beruf und Pflege möglich ist, wenn sie von entsprechenden betrieblichen wie sozialpolitischen Maßnahmen flankiert wird. So kann nicht nur eine zukunftsgerichtete, nachhaltige Pflegeversorgung gesichert werden; auch Produktivitätspotenziale in Form hoch motivierter Arbeitskräfte lassen sich erschließen.

Zur Entwicklung solch neuer Konzepte, die eine bessere Koordination gewährleisten, sind nach Meinung des Forscherteams gemeinsame Anstrengungen aller beteiligten Akteure erforderlich – insbesondere der erwerbstätigen Pflegenden und der Arbeitgeber. Außerdem interessieren sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Blick auf mögliche "Best-practice"-Modelle für Erfahrungen, die in anderen Ländern bereits gemacht wurden. Daher möchten sie individuelle und betriebliche Vereinbarungsstrategien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Polen vergleichen.

Ergänzend wollen die Projektpartner Fachliteratur, Betriebsvereinbarungen und Tarifverträge auswerten. Leitfadeninterviews, die sie mit Betroffenen und betrieblichen Experten in den vier Ländern führen, runden diesen Teil der Arbeit ab. In Deutschland planen die Forscher zehn vertiefende Betriebsfallstudien in Unternehmen, die von den deutschen Projektbeteiligten schon 1995 untersucht wurden. An den geplanten Untersuchungen sind Psychologen, Gerontologen, Ökonomen, Soziologen und Medizinsoziologen beteiligt.

Wenn die Stadt krank macht …

111.600 Euro für das Vorhaben "Wenn die Stadt krank macht: Einflüsse der sozialen und physikalisch-chemischen Umwelt auf die Gesundheit älterer Menschen" von Professor Dr. Karl-Heinz Jöckel vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikums Essen – in Zusammenarbeit mit Dr. Barbara Heidi Hoffmann, ebenda, und Dr. Nico Dragano vom Institut für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Düsseldorf.

Wollen Städter einmal durchatmen, dann fahren sie gern hinaus "ins Grüne". Stadtluft macht eben nicht nur frei, wie ein alter Rechtsgrundsatz besagt, sondern ist oft auch ziemlich "dick" und verschmutzt. Gerade für ältere Menschen, von denen künftig immer mehr in den städtischen Ballungsräumen leben werden, kann dies eine besondere Belastung sein. Inzwischen scheint offensichtlich, dass Wohnort und Gesundheit zusammenhängen: Die medizinische Infrastruktur, Unfallgefahren, Umweltgifte, Kriminalität und Erholungsmöglichkeiten sind Beispiele für "Merkmale" der Umgebung, die sich direkt auf das körperliche und seelische Wohlbefinden auswirken. Daher möchte ein interdisziplinär zusammengesetztes Forscherteam an den Universitätskliniken Essen und Düsseldorf gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern untersuchen, ob bestimmte soziale Faktoren – etwa ein niedriges Einkommensniveau – und physikalisch-chemische Größen wie Ultrafeinstaub oder Lärm einen Einfluss auf die Gesundheit älterer Einwohner haben.

Bislang wurden soziale und physikalisch-chemische Kontextfaktoren der Wohnumgebung überwiegend getrennt betrachtet. Um den jeweiligen Effekt herausarbeiten zu können, plant das Team nun eine Mehrebenenanalyse. Die Wissenschaftler konzentrieren sich in ihrem Projekt auf zwei Krankheitsbilder, die in der älteren Bevölkerung weit verbreitet sind: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Die individuellen Daten entnehmen sie einer epidemiologischen Herz-Kreislauf-Studie im Ruhrgebiet (Heinz Nixdorf Recall Studie) mit einer Zufallsstichprobe von fast 5000 Männern und Frauen im Alter zwischen 45 und 74 Jahren. Diese werden dann mit Kontextdaten aus den Erhebungsorten Bochum, Essen und Mülheim an der Ruhr zusammengeführt. Ziel der Untersuchungen ist es nicht zuletzt, handlungsleitende Empfehlungen für die Stadt- und Sozialplanung vorzulegen.

Des Weiteren wurden folgende neun Bewilligungen ausgesprochen:

  • 387.900 Euro für das Vorhaben "Auswirkungen des demographischen Wandels auf politische Einstellungen und politisches Verhalten in Deutschland" von Professor Dr. Hans Rattinger von der Universität Bamberg;
  • 184.600 Euro für das Vorhaben "Erfahrungsschätze heben: Kognitive Innovationsressourcen älterer Beschäftigter" von Professor Dr. Christian Roßnagel, Jacobs University in Bremen;
  • 388.900 Euro für das Vorhaben "Lebensläufe und Alterssicherung im Wandel" von Professor Dr. Clemens Tesch-Römer, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin, und Professor Dr. Gert G. Wagner, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin – mit Dr. Andreas Motel-Klingebiel, ebenfalls Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin;
  • 198.300 Euro für das Vorhaben "Alter(n) als Zukunftsunternehmung: Bedingungen alternsbezogenen Risiko- und Grenzmanagements in der mittleren und nachberuflichen Lebensphase" von Professor Dr. Frieder R. Lang von der Universität Erlangen-Nürnberg – mit Professor Dr. Gert G. Wagner, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin;
  • 251.000 Euro für das Vorhaben "Key Potentials of Older Employees in the Service Sector" von Professor Dr. Dieter Zapf, Universität Frankfurt a. M., Professorin Dr. Ruth Stock-Homburg, Technische Universität Darmstadt, und Professorin Susan Cartwright, Ph. D., University of Manchester;
  • 130.000 Euro für das Vorhaben "Beschäftigungshemmnisse älterer Arbeitnehmer" von Professor Dr. Patrick Puhani von der Universität Hannover – mit Professor Dr. Knut Gerlach und Christian Pfeifer, ebenda;
  • 359.100 Euro für das Vorhaben "Rechtliche Vertretung von schwachen und in ihrer Rechtsfähigkeit beeinträchtigten Älteren in Europa: Vergleichende Analyse nationaler Systeme und Reformansätze" von Dr. Dietrich Engels vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik e.V., Köln – mit Dr. Walter Georg Hammerschick vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien;
  • 460.000 Euro für das Vorhaben "Zonen des Übergangs. Dimensionen und Deutungsmuster des Alterns bei jungen, älteren und alten Menschen" von Professor Dr. Stephan Lessenich von der Universität Jena;
  • 272.000 Euro für das Vorhaben "Behavioral and Neurobiological Foundations of Risk Preferences in American and German Baby Boomers" von Dr. Hauke Heekeren vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Professor Axel Börsch-Supan, Ph. D., von der Universität Mannheim und Professor Dr. Armin Falk von der Universität Bonn.


Quelle: Pressemitteilung der Volkswagenstiftung vom 14.08.2008.

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