WIdO-Heilmittelbericht 2011

Entwicklungsdefizite bei der Einschulung meistern helfen

 

Berlin (21. Dezember 2011) – Beim Übergang vom Kindergarten zur Grundschule benötigen immer mehr Kinder Unterstützung durch Logopäden. Bereits nahezu jeder vierte 6-jährige Junge hat 2010 eine Logopädie erhalten, bei den Mädchen lag dieser Anteil bei 16,2 Prozent. Das geht aus dem aktuellen Heilmittelbericht hervor, den das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) veröffentlicht hat. Gut 130.000 AOK-versicherte Kinder im Alter zwischen fünf und neun Jahren waren 2010 in einer sprachtherapeutischen Praxis, weil sie bei ihrer Sprachentwicklung vorübergehend die Hilfe eines Sprachtherapeuten benötigten. Das entspricht einer Steigerung von 20 Prozent bei den Jungen und 30 Prozent bei den Mädchen im Vergleich zum Jahr 2006. Eine ergotherapeutische Behandlung nahmen 14 Prozent der sechsjährigen Jungen und 5,6 Prozent der gleichaltrigen Mädchen wahr. "Wir beobachten seit Jahren, dass mehr Kinder für eine gesunde, altersgerechte Entwicklung vorübergehend therapeutische Unterstützung brauchen" sagt der stellvertretende WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. Der "Heilmittelbericht 2011" wertet die Heilmittelverordnungen aller 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen aus. Rund 31,2 Millionen Rezepte für Maßnahmen der Physiotherapie, Sprachtherapie, Ergotherapie und Podologie wurden analysiert.

 

Laut "Heilmittelbericht 2011" haben die Ärzte im vergangenen Jahr fast 40 Millionen Leistungen der Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie verordnet. Für die insgesamt 263 Millionen einzelnen Heilmittelbehandlungen entstanden Kosten von 4,55 Milliarden Euro. "Rein rechnerisch hat damit jeder der 70 Millionen Gesetzlich Krankenversicherten 3,77 Behandlungen im Gegenwert von insgesamt 65,23 Euro erhalten" erläutert Helmut Schröder.

 

Die Spitzenplätze mit den häufigsten Verordnungen belegten Maßnahmen der Physiotherapie wie Massagen oder Krankengymnastik. Diese machten mit 34 Millionen Verordnungen 86 Prozent des gesamten Verordnungsvolumens im Heilmittelbereich aus. Physiotherapeutische Maßnahmen kommen im Wesentlichen bei Frauen in höherem Alter zum Einsatz. Mehr als jede vierte über 60-jährige Frau war 2010 in physiotherapeutischer Behandlung, aber nur jeder fünfte Mann. Neben Wirbelsäulenerkrankungen (41 Prozent der Behandlungsfälle) sind es vor allem Erkrankungen der Extremitäten und des Beckens, die mit physiotherapeutischen Behandlungen versorgt werden. Massagen sind dabei rückläufig zugunsten von Maßnahmen wie Krankengymnastik und manueller Therapie.

 

Ergotherapeutische und sprachtherapeutische Behandlungen sind Therapien, die Kinder und besonders Jungen beim Schulstart unterstützen. Auch im Jahr 2010 erhielt jeder vierte bei der AOK versicherte sechsjährige Junge eine Sprachtherapie und knapp 14 Prozent eine Ergotherapie. Während bei den männlichen AOK-Versicherten insgesamt jedoch eine vergleichsweise moderate Steigerung der ergotherapeutischen Leistungen von 2,6 Prozent je 1.000 Versicherte zu beobachten ist, holen die Mädchen hierbei auf: Die ergotherapeutischen Leistungen sind bei ihnen um 6,6 Prozent gestiegen. Ein ähnlicher Effekt ist auch bei den sprachtherapeutischen Behandlungen zu finden. "Möglicherweise zeigt sich an dem Anstieg der Behandlungszahlen auch, dass immer mehr Jungen, aber auch Mädchen unter schwierigen sozialen und gesundheitlichen Bedingungen aufwachsen und für die Schulfähigkeit die Hilfe von Experten benötigen", so Helmut Schröder.

 

Mehr als 120.000 Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre, die bei der AOK versichert sind, kamen 2010 in die ergotherapeutische Praxis, davon 70 Prozent Jungen. Fast ein Drittel von ihnen litt unter motorischen Entwicklungsstörungen, ein gutes Fünftel unter hyperkinetischen Störungen ("Zappelphilipp-Syndrom") und für gut 17 Prozent wurden vom Arzt nicht näher bezeichnete Entwicklungsstörungen benannt. Kombinierte Entwicklungsstörungen und mangelnde schulische Fertigkeiten führten die Kinder ebenfalls in die ergotherapeutische Praxis. Bei Kindern mit hyperkinetischen Störungen sind motorische Entwicklungsstörungen eine häufige Begleiterkrankung. In Verbindung mit dem eher unaufmerksamen und risikofreudigeren Verhalten dieser Kinder kommt es häufiger als bei gesunden Gleichaltrigen zu Unfällen und Krankenhausaufenthalten. Die AOK hilft diesen Kindern – derzeit insbesondere in den Modellregionen Rheinland, Bremerhaven und Hamburg – mit einem speziellen Versorgungsvertrag. Schröder: "Damit wird den betroffenen Familien der Zugang zu einem Netz von Experten in der Versorgung erleichtert. Die beteiligten Kinderärzte und Psychotherapeuten nehmen an Fortbildungen und Qualitätszirkeln teil. Der Vertrag stellt sicher, dass die Therapeuten Zeit für den besonderen Aufwand bei der Diagnose und für ihre Lotsenfunktion bei der Behandlung haben."

 

Der jährliche Heilmittelbericht des WIdO analysiert die Heilmittelverordnungen versicherten- und facharztbezogen und zeigt dabei Entwicklungstrends der Versorgung auf. Für die 4,5 Millionen AOK-Versicherten, die 2010 eine Heilmitteltherapie in Anspruch nahmen, werden zusätzlich patientenbezogene Therapiekosten und Diagnosen ausgewertet. Die Analysen sind Grundlage für Gespräche und Verhandlungen mit Ärzten, Therapeuten und Krankenkassen über zielgenaue qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Heilmittelversorgung.

 

Weitere Infos im Internet: http://wido.de/heilmittel_2011

 

 

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Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), 21.12.2011 (tB).

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