Wie Schlaf- und Beruhigungsmittel süchtig machen

Auswirkung von Benzodiazepinen aufgedeckt


Zürich, Schweiz (10. Februar 2010) – Weitverbreitete Schlaf- und Beruhigungsmittel lösen im Hirn funktionale Veränderungen aus, die zu einer Entfesselung des Belohnungssystems und schliesslich zu zwanghaftem Suchtverhalten führen können. Im Prinzip liesse sich dies in Zukunft vermeiden, zeigt eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Forschungsarbeit.

Die meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmittel wie beispielsweise Temesta, Dalmadorm oder Valium gehören pharmakologisch gesehen zur Klasse der Benzodiazepine. Obwohl die Gefahr der Gewöhnung bei regelmässiger Einnahme dieser Arzneimittel bekannt ist und obwohl Benzodiazepine als Medikamente mit der weltweit höchsten Missbrauchsrate gelten, war bisher umstritten und unklar, ob und wie sie süchtig machen.

Dies dürfte sich mit den soeben in "Nature" publizierten Ergebnissen des Forschungsteams um Christian Lüscher an der Universität Genf ändern (*). Dem Team ist der Nachweis gelungen, dass Benzodiazepine – genau wie Heroin, Haschisch und andere Drogen auch – gezielt die Aktivität derjenigen Nervenzellen herunterschrauben, die normalerweise das Belohnungssystem im Mittelhirn im Zaum halten. Wenn das entfesselte Belohnungssystem keiner Kontrolle mehr untersteht, kann es mit der Zeit abwägende Entscheide verunmöglichen und das zwanghafte Verhalten auslösen, das die Sucht definiert.

Den diesem Verhalten zu Grunde liegenden molekularen Mechanismus haben die Wissenschaftler in Mäusehirnen entschlüsselt. Demzufolge docken sich Benzodiazepine an bestimmte Eiweisse, so genannte GABA(A)-Rezeptoren, an. Diese sind – je nach Nervenzelle, auf deren Oberfläche sie sich befinden – aus unterschiedlichen Untereinheiten zusammengesetzt und vermitteln verschiedene Funktionen. Weil die momentan auf dem Markt erhältlichen Benzodiazepine (mit wenigen Ausnahmen) sich an alle Untereinheiten binden, wirken sie sich also vielfältig aus: Sie heben etwa Angstzustände auf, lösen epileptische Muskelkrämpfe und fördern den Schlaf – aber machen gleichzeitig auch süchtig.

Die Forschenden um Christian Lüscher haben nun aufgedeckt, dass die süchtig machende Wirkung der Benzodiazepine von GABA(A)-Rezeptoren mit der Untereinheit alpha1 abhängig ist. Sie verabreichten normalen Mäusen Benzodiazepine, worauf sich deren Hirnfunktionen veränderten und schliesslich zu einer verstärkten Aktivität des Belohnungssystems führten. Darüber hinaus bevorzugten diese Mäuse im Laufe von einigen Tagen immer mehr die Flasche, die in Zuckerwasser gelöste Benzodiazepine enthielt, auch wenn ihnen eine andere von aussen identische aber nur mit Zuckerwasser gefüllte Flasche zur Verfügung stand. Aber Mäuse, deren Untereinheit alpha1 aufgrund einer Mutation keine Benzodiazepine an sich binden konnte, verloren weder die Kontrolle über ihr Belohnungssystem im Hirn, noch legten sie ein suchtgeprägtes Verhalten an den Tag.

Weil – wie aus früheren Untersuchungen hervorgegangen ist – die angstlösende (oder anxiolytische) Wirkung der Benzodiazepine hauptsächlich von einer anderen Untereinheit alpha2 des GABA(A)-Rezeptors vermittelt wird, steht für Christian Lüscher fest, dass aufgrund seiner Resultate die Entwicklung von angstlösenden, aber nicht süchtig machenden Wirkstoffen prinzipiell möglich ist. Solche selektiv wirksamen Substanzen, die nur mit vereinzelten Untereinheiten interagieren, sind zwar vorhanden, wurden bisher jedoch nicht klinisch entwickelt. "Dies erachte ich jedoch als dringlich", sagt er, "vor allem weil von Ängsten geplagte Menschen besonders suchtgefährdet sind."

(*) Tan, K. R., Brown, M., Labouèbe, G., Yvon, C., Creton, C., Fritschy, J.-M., Rudolph, U. and Lüscher, C. (2010): Neural bases for addictive properties of benzodiazepines. Nature. doi: 10.1038/nature08758 (als PDF beim SNF erhältlich; E-Mail: pri@snf.ch)

 


 

Quelle: Pressemitteilung des Schweizerischen Nationalfonds SNF vom 10.02.2010 (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung