Zwanghafte Sammler – dem Reiz des Nutzlosen verfallen

Stuttgart (24. Mai 2010) – Manche Menschen sammeln teure Gemälde oder Weine; andere horten Zeitungen oder leere Bierdosen. Wer über Jahre hinweg zwanghaft wertlose Gegenstände in seinen vier Wänden anhäuft, der gilt umgangssprachlich als „Messie“. Forscher sprechen vom zwanghaften Horten. Wie die Psychologin Astrid Mueller und die Ärztin Martina de Zwaan vom Universitätsklinikum Erlangen in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) darlegen, ist bei Menschen mit „Sammelzwang“ der Glukose-Stoffwechsel im Gehirn gestört. Außerdem mehren sich die Hinweise, dass zwanghaftes Horten vererbbar ist.


Lange Zeit galt zwanghaftes Horten als ein Symptom bei einer Zwangserkrankung. Doch mittlerweile begreifen Forscher das pathologische Anhäufen von objektiv Wertlosem als eigenständige Krankheit, die sich pharmakologisch und psychotherapeutisch behandeln lässt.

Bereits dem Psychiater Emil Kraepelin war um 1904 das Krankheitsbild des zwanghaften Hortens – auch Diogenes-Syndrom genannt – bekannt. Die Betroffenen sind unfähig, zwischen wertlos und wertvoll zu unterscheiden – sie entwickeln eine starke emotionale Bindung an Dingliches. „Selbst wenn sie es schaffen, die Dinge zu entsorgen, so benötigen sie dafür sehr viel Zeit.“ Die angehäuften Gegenstände geben den Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit oder lösen starke sentimentale Gefühle aus. „Zwanghaftes Horten geht mit einer signifikanten Einschränkung der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit und mit gesundheitlichen Problemen einher“, resümieren Mueller und de Zwaan.

Das Horten schließt bei einigen Personen nicht nur Gegenstände ein, sondern auch Tiere. „Hierbei geht es“, so die Autorinnen, „um die nicht artgerechte Haltung von überdurchschnittlich vielen Tieren, die nicht adäquat und ausreichend versorgt werden, und die in der Folge verwahrlosen, erkranken oder sterben, wobei die Tierhalter mangelndes oder gar kein Problembewusstsein zeigen.“

Oftmals wird das Horten gerne als „Spleen“ dargestellt. Doch diese Einordnung wird der Störung nicht gerecht – der Leidensdruck der Betroffenen ist groß. Außerdem ist es Forschern gelungen, die neurobiologischen und genetischen Grundlagen dieser Krankheit aufzudecken. „Es wird eine genetische Disposition für zwanghaftes Horten angenommen, weil in vielen Studien eine familiäre Häufung der Symptomatik gefunden wurde“, schreiben Mueller und de Zwaan in einer Übersichtsarbeit. Gene auf dem Chromosom 14 sollen fürs Horten mitverantwortlich sein.

Wie aus mehreren Forschungsarbeiten zudem hervorgeht, ist der Glukose-Metabolismus bei zwanghaft Hortenden verringert – und zwar in mehreren Regionen des Großhirns. Bei der Behandlung der Störung hat sich eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie bewährt.

A. Mueller, M. de Zwaan:
Zwanghaftes Horten.
Psychiatrische Praxis, 2010; 37 (4): S. 167-174


Quelle: Thieme Presseservice, 24.05.2010 (tB).

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