Aktueller EMA-Bericht zum Pilotprojekt dokumentiert erneut Ratlosigkeit bei Nutzung von „Real World Data“

Adaptive Pathways: EMA lässt offene Fragen weiter unbeantwortet

Köln (9. August 2016) – Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Anfang August einen Bericht zum Pilotprojekt eines neuen, beschleunigten Wegs zur Zulassung von Arzneimitteln (Adpative Pathways) veröffentlicht. Bei diesem Zulassungsverfahren sollen Arzneimittel auf schmalerer Datenbasis für eine eng begrenzte Population schneller in den Markt gebracht und weitere Daten zu Wirksamkeit, Sicherheit und Nutzen für eine breitere Anwendung erst nach der Zulassung in der Versorgung generiert werden – als sogenannte Real World Data (RWD).

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht sich durch diesen Bericht in seiner Skepsis gegenüber Adaptive Pathways erneut bestätigt. Denn offenkundig haben weder Industrie noch die EMA ein Konzept, wie RWD nach der Zulassung genutzt werden können, um belastbare Aussagen zu Nutzen und Schaden machen zu können.


Wissenschaft und Verbraucherschutz kritisieren Konzept

Das Konzept steht seit längerem international in der Kritik: So stellen Wissenschaftler nicht nur die Annahmen hinter dem Konzept infrage, sondern weisen auch auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung hin. Der Europäische Verbraucherverband BEUC sieht Risiken für Patientinnen und Patienten und beklagt die mangelnde Transparenz bei der Entwicklung und Umsetzung des Konzepts. Auch das IQWiG hat sich wiederholt kritisch mit Adaptive Pathways auseinandergesetzt, zuletzt beim Herbst-Symposium im November 2015.


Detaillierte Informationen fehlen

Umso dringlicher wurde der Abschlussbericht der EMA zu dem seit 2014 laufenden Pilotprojekt erwartet. Der jetzt erschienene Bericht liefert jedoch keine detaillierten Informationen zu den sieben ausgewählten Testdurchläufen innerhalb des Pilotprojekts, den geplanten Entwicklungsprogrammen oder den einzusetzenden Methoden.

Begründet wird diese Informationslücke mit der vertraulichen Natur der Beratungen und den Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen der beteiligten Unternehmen. Angesichts der Bedeutung des Pilotprojekts für die Arzneimittelentwicklung und der möglichen Konsequenzen derart veränderter Zulassungsverfahren für Patientinnen und Patienten ist die Geheimhaltung der Diskussionsgegenstände und -ergebnisse aber nicht akzeptabel.


Limitationen von Real World Data werden deutlich

Aber auch ohne detaillierte Informationen lässt der Bericht Rückschlüsse zu einem Kernstück von Adaptive Pathways zu, nämlich zur Nutzung von RWD nach der Zulassung. Die Limitationen von RWD, die beim IQWiG-Herbst-Symposium deutlich wurden, werden durch das Pilotprojekt der EMA bestätigt.

So formuliert die EMA hier ein äußerst ernüchterndes Fazit: In der Mehrheit seien die Pläne aus der Industrie, wie RWD die Daten von randomisierten kontrollierten Studien ergänzen sollten, vage geblieben. Insbesondere hätten die Hersteller keine ausreichend detaillierten Vorschläge unterbreitet, wie RWD das Sicherheitsprofil besser beschreibbar machen und auf welche Weise RWD nach der Zulassung Aussagen zur Wirksamkeit bestätigen oder auch nur anreichern könnten. Eine kritische Diskussion, unter anderem über Qualität, Verzerrungsmöglichkeiten und Eignung von RWD für regulatorische Zwecke oder auch für die Nutzenbewertung, habe gefehlt.


EMA formuliert keine eigenen Vorschläge

Wenn die EMA die Vorschläge der Industrie für derart dürftig hält, wäre zu erwarten gewesen, dass sie eigene Vorstellungen formuliert, wie RWD nach der Zulassung genutzt werden könnten – doch danach sucht man in ihrem Bericht vergeblich. RWD nach der Zulassung zu generieren und so zu nutzen, dass sie belastbare Aussagen zu Nutzen und Schaden ermöglichen, ist aber ein zentrales Element des Adaptive-Pathways-Konzepts. Wenn dieses noch immer fehlt, wäre es höchste Zeit, innezuhalten und das ganze Konzept noch einmal zu überdenken, anstatt – wie von der EMA geplant – weitere Wirkstoffe in die Beratungen zu Adaptive Pathways einzuschließen.


Weiterführende Informationen


Quelle: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) , 09.08.2016 (tB) Thomas Backe

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