Deutungen von Krankheit zwischen Sinngebung und Protest

Forscher untersuchen Deutungsmuster aus 3.000 Jahren Kulturgeschichte

 

Bochum (11. August 2009) – Von der positiven Sinngebung bis zum Protest – Krankheiten fordern nicht nur medizinisches Handeln, sie provozieren auch zu Deutungen. Und viele Menschen greifen nach wie vor auf religiöse Deutungen zurück, um mit Krankheiten in ihrem Leben umzugehen. Welche Deutungsmuster von Krankheit sich in der jüdisch-christlichen Tradition wahrnehmen lassen und wie deren Potentiale und Grenzen angesichts des medizinischen Fortschritts und der Herausforderung einer alternden Gesellschaft einzuschätzen sind, untersuchten Forscherinnen und Forscher in einem Projekt der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität. Ihre Ergebnisse haben die Projektleiter Prof. Dr. Isolde Karle und Prof. Dr. Dr. Günter Thomas jetzt in einem Sammelband veröffentlicht.

Krankheitsdeutung – von der hebräischen Bibel bis zur postsäkularen Gesellschaft

Wer krank ist, geht zum Arzt. Aber das ist nicht alles: Krankheiten fordern als krisenhafte Unterbrechung des Alltags auch dazu heraus, im Horizont der eigenen Welt- und Lebenssicht gedeutet zu werden. Die hebräische Bibel, die Texte des Neuen Testaments, die Alte Kirche und die Reformatoren – sie alle entwickeln religiöse Deutungen von Krankheit im Spannungsfeld von Gottesnähe und Gottesferne, Leben und Tod. Auch in der aufgeklärten, ‚postsäkularen Gesellschaft‘ bleiben solche Deutungsmuster sichtbar. Die Theologie ist gefordert, nach den Potentialen, den Grenzen und den möglichen Gefahren religiöser Krankheitsdeutungen zu fragen.


Medizin und Religion werden entkoppelt

Die zugrundeliegenden Texte christlicher Theologie umfassen 3.000 Jahre Kulturgeschichte. In dieser Zeit hat sich das medizinische Verständnis von Krankheit grundsätzlich gewandelt und spätestens mit der Einführung eines naturwissenschaftlich-analytischen Krankheitsbegriffs im 19. Jahrhundert kam es zudem zu einer strikten Entkopplung der Funktionsbereiche von Medizin und Religion. Die gegenwärtige Theologie erkennt beide Entwicklungen als Bedingungen des medizinischen Fortschritts an und wendet sich daher kritisch gegen magisch-kausale Krankheitsdeutungen, wie sie sich auch in der theologischen Tradition finden. Sie versteht religiöse Krankheitsdeutung nicht als Konkurrenz zu medizinischen Krankheitsdefinitionen, sondern fragt nach ihrer Prägekraft für kulturelle ‚Krankheitswerte‘. Denn solche ‚Krankheitswerte‘ bestimmen nicht nur die Selbstdeutungen von Patienten, sondern auch das öffentliche Ethos. Religiöse Krankheitsdeutungen haben so Einfluss darauf, wie eine Gesellschaft medizinische Interventionen legitimiert, Fürsorge für Kranke mobilisiert und Ressourcen im Gesundheitssystem verteilt.

Die Herausforderung einer alternden Gesellschaft

Dass immer mehr Menschen immer älter werden, ist eine positive Folge des medizinischen Fortschritts, die aber zugleich gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringt. Dazu gehört nicht nur die Frage nach einer generationengerechten Finanzierung des Gesundheitssystems, sondern auch der öffentliche und private Umgang mit dem Anstieg chronischer Krankheiten und den massiven Lebenseinschränkungen und bedrängenden Krankheitserfahrungen der sog. ‚vierten Lebensphase‘. Religiöse Krankheitsdeutungen können hierzu einen Beitrag leisten, insofern sie die Endlichkeit menschlichen Lebens anerkennen, zugleich jedoch den Kampf gegen lebenszerstörende Krankheiten legitimieren und motivieren. Die theologische Herausforderung besteht heute darin, solche Bejahung der Endlichkeit und den Widerstand gegen Krankheit sinnvoll zu unterscheiden und aufeinander zu beziehen.

Religiöse Krankheitsdeutung als positive Sinngebung?

Nicht nur in der theologischen Tradition, auch in der gegenwärtigen Gesellschaft deuten nicht wenige Menschen ihre Krankheit als Zeichen Gottes. Manche sehen in ihr eine Infragestellung ihres bisherigen Lebenswandelns, einen Ruf zur Umkehr. Manche sprechen von einer Strafe Gottes oder empfinden ihre Genesung als besonderen Segen. Auf unterschiedliche Weise versuchen sie so, ihrer Krankheit einen positiven Sinn zu geben und sie dadurch in ihr Leben zu integrieren. Doch nicht jede religiöse Deutung ist eine solche positive Sinngebung, die der Krankheit eine letztlich ‚gute‘ Funktion für das eigene Leben zuweist. Auch die Verweigerung eines solchen Sinns, wie sie sich etwa in der religiösen Sprachform der Klage artikuliert, kann eine religiöse ‚Deutung‘ darstellen und zur Grundlage einer religiösen ‚Coping-Strategie‘ im Umgang mit der Krankheit werden. Christliche Theologie und Seelsorge ist daher nicht auf eine positive Sinngebung von Krankheitserfahrungen festgelegt, sondern kann auch die Sinnlosigkeit von Krankheit realistisch anerkennen.

Religiöses Heil und leibliche Heilung unterscheiden

Die Unterscheidung von religiösem Heil und leiblicher Heilung wird in der modernen Ausdifferenzierung von Religion und Medizin vorausgesetzt und kann als eine Bedingung medizinischen Fortschritts gelten. Sie ist jedoch nicht unumstritten. Religiös aufgeladene Therapieangebote und quasireligiöse Heilungsversprechen überblenden auf Seiten der Medizin Heilung und Heil. Spiegelbildlich dazu finden sich auch in Randlagen christlicher Frömmigkeitspraxis handfeste Versprechen der Heilung klassischer Krankheiten durch Gebet und Segnung, die damit in Konkurrenz zur medizinischen Behandlung treten. Kritische Theologie ist durch diese Beobachtungen herausgefordert, religiöses Heil und leibliche Heilung klar zu differenzieren, ohne jedoch medizinische ‚Leibsorge‘ und religiöse ‚Seelsorge‘ vollständig zu entkoppeln. Denn wer die Leiblichkeit menschlichen Lebens ernst nimmt, kann weder eine Spiritualisierung religiösen Heils wollen noch einer religiösen Versöhnung mit dem leiblichen Leiden das Wort reden.

Krankheitsdeutung in der Praxis – Seelsorge und Diakonie

Die theologische Reflexion religiöser Krankheitsdeutungen ist im Raum der Kirche untrennbar mit der Begleitung kranker Menschen in Seelsorge und Diakonie verbunden. Die praktische Fürsorge für die Kranken war ein von der antiken Umwelt erstaunt wahrgenommenes Kennzeichen des frühen Christentums – motiviert von der Überzeugung, dass Gottes Liebe dem Menschen auch in den leiblichen Aspekten seines Lebens gilt. In Deutschland gehören die diakonischen Werke der großen Kirchen heute zu den wichtigsten Trägern der Gesundheitsversorgung. Neben die diakonische und medizinische Hilfe tritt die persönliche Begleitung in der Seelsorge. Ob jemand seiner Krankheit einen positiven Sinn zu geben vermag, sich gegen sie auflehnt oder schlicht auf jede Deutung verzichtet – dies sind individuelle Entscheidungen, die nicht an die Pfarrerin oder den Krankenhausseelsorger delegiert werden können. Christliche Seelsorge kann Menschen aber in ihrer Krankheit begleiten und würdigen und sie im persönlichen Gespräch, in Gebeten und Gottesdiensten der Zuwendung Gottes versichern. Sie kann sich dabei an dem heilsamen Realismus der theologischen Tradition orientieren, der die lebenszerstörende Kraft von Krankheiten nüchtern wahrnimmt, ohne doch von der Gesundheit alles zu erwarten.

Titelaufnahme

Günter Thomas, Isolde Karle (Hrsg.): Krankheitsdeutung in der postsäkularen Gesellschaft. Theologische Ansätze im interdisziplinären Gespräch, Stuttgart: Kohlhammer 2009, ISBN: 978-3-17-020721-9

Weitere Informationen

 

  • Prof. Dr. Dr. Günter Thomas, Lehrstuhl für Ethik und Fundamentaltheologie, Evangelisch-Theologische Fakultät, Tel. 0234 – 32 22506, Guenter.Thomas@rub.de
  • Prof. Dr. Isolde Karle, Lehrstuhl für Praktische Theologie, Evangelisch-Theologische Fakultät, Tel. 0234 – 32 22399, Isolde.Karle@rub.de


 

Quelle: Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum vom 11.08.2009 (tB).

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