Memorandum "Das optimierte Gehirn"

Empfehlungen zum verantwortungsvollen Umgang mit den Chancen und Risiken des pharmazeutischen Neuro-Enhancements

 

Berlin (12. Oktober 2009) – Zunehmend berichten Medien von Studenten, die zur Prüfungsvorbereitung Aufputschmittel nehmen, oder von Menschen, die dem Druck am Arbeitsplatz mit Medikamenten begegnen, welche sonst zur Behandlung von Depressionen (Antidepressiva) oder der Alzheimerkrankheit (Antidementiva) dienen. Eine solche Verwendung von Psychopharmaka ohne therapeutischen Zweck wird oft abschätzig als "Hirndoping" bezeichnet. Als neutrale Alternative hat sich in Fachkreisen der Begriff "Neuro-Enhancement" durchgesetzt.

 

Wie häufig gesunde Menschen gegenwärtig tatsächlich Medikamente einnehmen, um ihr Gedächtnis, ihre Konzentrationsfähigkeit oder ihre Stimmung zu verbessern, lässt sich nur schwer abschätzen. Kaum zu bezweifeln ist jedoch, dass das Interesse an den Möglichkeiten des pharmazeutischen Neuro-Enhancements wächst. Es ist daher an der Zeit, eine breite öffentliche Debatte darüber zu führen, wie diese Entwicklung zu beurteilen ist. Was spricht eigentlich dagegen, Psychopharmaka zu nehmen, um kognitive Fähigkeiten oder die emotionale Befindlichkeit über das "normale" Maß hinaus zu verbessern?


Dieser Leitfrage ist eine Gruppe von Wissenschaftlern aus den Bereichen Medizinethik, Rechtswissenschaft und Psychiatrie in einem Memorandum nachgegangen, das in der November-Ausgabe der Zeitschrift Gehirn&Geist erscheint. Die Autoren haben die in diesem Artikel enthaltenen Empfehlungen zur verantwortungsvollen Erforschung und Nutzung des pharmazeutischen Neuro-Enhancements im Rahmen eines Forschungsprojekts erarbeitet, das seit 2006 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Die von der Europäischen Akademie GmbH koordinierte Expertengruppe hat sich mit Bedacht dazu entschieden, ihre Forschungsergebnisse außer in wissenschaftlichen Fachzeitschriften auch in einem Magazin mit breiter Leserschaft zu veröffentlichen. Während nämlich die ethische Fachdebatte zum Thema Neuro-Enhancement inzwischen ein hohes argumentatives Niveau erreicht hat, wird das Phänomen in populären Medien überwiegend sorgenvoll kommentiert, wobei die Triftigkeit der geäußerten Bedenken nur selten hinterfragt wird. Demgegenüber wollen die Autoren des Memorandums der öffentlichen Debatte einen nachhaltigen Impuls geben, indem sie neben den Risiken auch die Chancen darstellen, die aus der medikamentösen Steigerung des Wohlbefindens und der geistigen Leistungsfähigkeit erwachsen könnten.


Im Ergebnis treten die Autoren für einen offenen und liberalen, aber keineswegs unkritischen oder sorglosen Umgang mit den Möglichkeiten des pharmazeutischen Neuro-Enhancements ein. Zwar bieten die von den Gegnern dieser Möglichkeiten vorgetragenen Einwände keine überzeugende Grundlage für ihr gesetzliches Verbot. Dennoch sind manche von ihnen bedenkenswert, weil sie wichtige Fragen des individuell und sozial Wünschenswerten aufwerfen. Die Möglichkeiten der pharmazeutischen Einflussnahme auf die Psyche führen jedem Einzelnen nachdrücklich die Frage vor Augen, was in seinem Leben bedeutsam ist; genauso spiegeln sich darin aber auch bestimmte problematische Tendenzen moderner Gesellschaften, vor allem ein alles durchdringendes Leistungsdenken.


Von der Einnahme der gegenwärtig als Neuro-Enhancement-Präparate in Rede stehenden Psychopharmaka ist schon deshalb abzuraten, weil weder für ihre Wirksamkeit noch für ihre langfristige Sicherheit in der Verwendung durch gesunde Menschen ausreichende Belege vorhanden sind. – Dies haben die Mediziner innerhalb der Expertengruppe in einer umfassenden Auswertung der Forschungsliteratur festgestellt, deren wichtigste Ergebnisse im Memorandum zusammengefasst werden. Angesichts der Tatsache, dass bereits heute eine unbekannte Anzahl gesunder Personen Medikamente zur Leistungs- und Befindlichkeitssteigerung zweckentfremdet, ist der Mangel an wissenschaftlichen Studien in diesem Bereich beklagenswert. Jedoch haben Forschungsprojekte, die neben den pharmakologischen Wirkungen auch die soziokulturellen Folgen der Nutzung von Neuro-Enhancement-Präparaten untersuchen, eine Enttabuisierung des Bedürfnisses nach pharmakologischer Unterstützung der Psyche zur Voraussetzung. Nur wenn die weitere Entwicklung des pharmazeutischen Neuro-Enhancements unbefangen in den Blick genommen wird, können unerwünschte soziale Begleiterscheinungen bestimmter Nutzungsformen durch maßvolle Regulierung minimiert werden.

Am Vorabend des Erscheinens des Memorandums stellten dessen Autoren ihre Empfehlungen im Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zur Diskussion.

Autoren des Memorandums

 

  • Dr. phil. Thorsten Galert, M.A. (Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen GmbH)
  • Christoph Bublitz, LL.B. (Fakultät für Rechtswissenschaft, Universität Hamburg)
  • Professor Dr. med. Isabella Heuser (Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie Charité)
  • Professor Dr. iur. Reinhard Merkel (Fakultät für Rechtswissenschaft, Universität Hamburg)
  • Dimitris Repantis, M.D. (Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie Charité)
  • Professor Dr. Bettina Schöne-Seifert (Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster)
  • Davinia Talbot, M.A. (Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster)

Publikation

Th. Galert, C. Bublitz, I. Heuser, R. Merkel, D. Repantis, B. Schöne-Seifert, D. Talbot, Das optimierte Gehirn. Ein Memorandum zu Chancen und Risiken des Neuroenhancements. Gehirn&Geist 11/2009, S. 40-48

 

Weitere Informationen

 

http://www.gehirn-und-geist.de/memorandum

http://www.ea-aw.de

 


 

Quelle: Pressemitteilung der Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler vom 12.10.2009 (tB).

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