10. Bamberger Gespräche 2006

„Therapie der überaktiven Blase – Fortschritte, Trends, Visionen“

 

Inkontinenz ‑ Erkrankung mit Folgen für Gesellschaft und Medizin

 

Bamberg (2. September 2006) – Die Dranginkontinenz ist die häufigste Inkontinenzform beim älteren Patienten und beeinflusst dessen Lebensqualität enorm. Die Harnblase macht degenerative Alterungsprozesse durch, in deren Folge Funktionsstörungen mit Harnretention und Harninkontinenz auftreten können, so Prof. Klaus-Peter Jünemann, 1. Vorsitzender der Deutschen Kontinenz Gesellschaft und Urologe aus Kiel. Die Blasenkapazität nimmt ab, während ungewollte Detrusorkontraktionen und gleichzeitig eine Restharnbildung auftreten. Diese Faktoren begünstigen die Entstehung einer Harninkontinenz und müssen sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Therapie berücksichtigt werden. Da Inkontinenz im Alter aber häufig mit Pflegebedürftigkeit verbunden ist, stellt diese Erkrankung auch eine gesundheitspolitische Herausforderung dar. Ältere Menschen werden oft aus Kostengründen oder Unwissen nicht ausreichend behandelt, betont Prof. Ingo Füsgen, Direktor der Geriatrischen Kliniken Wuppertal der Kliniken St. Antonius. Zurzeit erhalten unter den rund zwei Millionen älteren Menschen, die an Inkontinenz leiden, nur ca. 20 % eine angemessene Behandlung. Dabei könnten richtig eingesetzte Therapiemaßnahmen nicht nur die Lebensqualität der Patienten erhöhen, sondern auch Folgekosten durch Krankenhausund Heimeinweisungen vermeiden.

 

„Wer die steigenden Kosten des Gesundheitssystems betrachtet, der muss sich fragen, wo die Mittel zur Finanzierung beschafft und wie diese verteilt werden sollen", so Diplom-Volkswirt Thomas R. Rudolf von der Universität Bayreuth. Bisher sei keine Lösung gefunden. Der bisherige staatliche Interventionismus sei oft nicht qualitätsorientiert und die Auswirkungen auf die einzelnen Gruppen im Gesundheitswesen eklatant: Einkommens-einbußen bei den Leistungserbringern, hohe Beitragssätze für die Versicherten, wohlstandsmindernde Innovationshemmnisse bei Unternehmen. Gerade deshalb wären „Disease Management Programme" (DMP) zur Harninkontinenz nötig, empfiehlt Dr. Andreas Wiedemann, leitender Arzt der Urologischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses Witten a. d. Ruhr. Zu seinem Bedauern existiert bislang keines zur Harninkontinenz. „Wenn DMPs Kosten sparen, Ressourcen besser einsetzen, Versorgungsstrukturen verbessern und Unterversorgung abbauen sollen, dann sind sie auf die Behandlung der Harninkontinenz ideal anwendbar. Für die Therapie der OAB wäre eine Weiterentwicklung von alternativen pharmakologischen Interventions-möglichkeiten wünschenswert, so Wiedemann. Zurzeit stehen nahezu ausschließlich Anticholinergika zur Verfügung. Viele „Reservemedikamente" sind mit dem Nachteil des „Off-Label"-Uses behaftetet und bieten kein überzeugendes Nutzen-Risiko-Profil.

 

Dabei ist die Wirksamkeit von Anticholinergika zur Behandlung der Urge-Inkontinenz (Detrusor­Uberaktivität) eindeutig belegt, stellt Prof. Ernst Mutschler fest. Jedoch sind die Therapieerfolge aufgrund der Patienten-Compliance und der Nebenwirkungen der Substanz­gruppe ‑ insbesondere Mundtrockenheit ‑ nicht immer zufriedenstellend. Deshalb stellt sich für den Pharmakologen und Arzt die Frage, inwiefern sich derzeit zur Verfügung stehende Wirk­stoffe in pharmakologischem Profil unterscheiden. Eine selektive Hemmung der Detrusor­aktivität mit Antagonisten, die M3-Rezeptoren präferieren, ist ohne die gleichzeitige Reduktion der Speichelproduktion nicht möglich, da M3-Rezeptoren sowohl in der Harnblase als auch in den Speicheldrüsen nachgewiesen wurden. Im Vergleich zu nichtselektiven Anticholinergika seien von M3-Antagonisten daher keine therapeutischen Vorteile zu erwarten, so Prof. Mutschler.

 

Auf den potenziellen Einfluss antimuskarinerg wirkender Substanzen auf die kognitive Funktion älterer Patienten weist PD Dr. Klaus-Christian Steinwachs vom Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen hin. Sowohl bei der Behandlung der OAB als auch der Therapie von Demenzprozessen spielt der Neurotransmitter Acetylcholin eine wichtige Rolle. Allerdings wird bei der OAB-Therapie das Acetylcholin gehemmt, während bei der Demenzbehandlung der Neurotransmitter in seiner Wirkung erhöht wird, denn Acetylcholin ist wichtig für Aufmerksam­keitsprozesse im Gehirn. Diese entgegen gesetzten Therapieziele werden oft nicht beachtet, so der niedergelassene Neurologe. Die Folgen wären vermeidbare Komplikationen und uner­wünschte Arzneimittel-reaktionen. Deshalb befürwortet er die Verwendung von Substanzen, die nicht die Blut-Hirn-Schranke passieren können oder die gedächtnisrelevanten Rezeptoren nicht blockieren.

 

Eine beim älteren Patienten veränderte Pharmakokinetik, Interaktionen mit anderen Medika­menten und mögliche Nebenwirkungen können zu ernsthaften Krankheitsbildern führen, wobei besonders häufig ZNS‑Nebenwirkungen wie Gedächtnisstörungen zu nennen sind. Laut Prof. Helmut Madersbacher, Ärztlicher Leiter der Neuro‑Urologischen Ambulanz in Innsbruck, klagen etwa 40 % der über 70‑jährigen über Symptome der Überaktiven Blase. Der Prozentsatz liegt bei älteren multimorbiden Patienten noch deutlich höher. Aufgrund der multifaktoriellen Genese der OAB existieren verschiedene Behandlungsstrategien. Lassen sich die Ursachen nicht beseitigen, so sind Toilettentraining als Verhaltenstherapie und die medikamentöse Therapie durch Anticholinergika Säulen der Behandlung.


Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Kontinenz Gesellschaft e.V. anlässlich der 10. Bamberger Gespräche 2006 zum Thema „Therapie der überaktiven Blase – Fortschritte, Trends, Visionen“ am 02.11.2006 in Bamberg (Dr. R. Pfleger GmbH; fleishmaneurope) (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung