14. DIVI-Kongress in Hamburg

Die fürsorgliche Intensivstation

 

Hamburg (4. Dezember 2014) – Geräte, die piepsende Geräusche von sich geben, Monitore auf denen flimmernde Kurven zu sehen sind, dazu viele Kabel und Schläuche durch die Medikamente fließen. Mittendrin ein Mensch – völlig hilflos, künstlich beatmet, ohne Bewusstsein. Normaler Alltag für die Menschen, die auf einer Intensivstation arbeiten. Eine beängstigende Situation für schwerkranke Betroffene und deren Angehörige. Trotzdem ist es falsch, von kalter Apparatemedizin zu sprechen. „Auf einer Intensivstation geht es in erster Linie darum, Leben zu retten“, sagt Professor Andreas Unterberg, der Kongresspräsident des DIVI2014. „Da kommt extrem viel moderne Technik zum Einsatz. Aber wenn die Menschen verstehen, warum welche Maßnahmen getroffen werden, verliert die Intensivstation viel von ihrem Schrecken.“


Wenn es um das Thema „Fürsorgliche Intensivstation“ geht, spielt die Aufklärung die wohl wichtigste Rolle. „Wir müssen mit den Angehörigen reden, reden und nochmals reden“, sagt der Experte, der auch Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg ist. „Ärzte und Pflegepersonal müssen sich die Zeit nehmen und den Angehörigen sagen, warum sich ein Tubus in der Luftröhre befindet, warum durch Schläuche Medikamente in den Körper fließen, warum Blutdruck, Herzschlag und Hirnfunktion überwacht werden. Und natürlich kann sich täglich etwas ändern. Manche Patienten verbringen mehrere Wochen auf einer Intensivstation und je aufgeklärter Betroffene oder Angehörigen sind, desto entspannter die Situation.“

Eine besondere Rolle kommt dabei den Pflegekräften zu. Sie haben oft sehr intensiven, meist auch körperlichen Kontakt mit dem Patienten, müssen ihn betten, umlagern und abreiben. „Dazu bedarf es eines gut ausgebildeten Personals und wir können nicht verhehlen, dass die Ressourcen manchmal begrenzt sind.“ Aber natürlich sind auch Schwestern und Pfleger jederzeit für die Angehörigen da, klären auf, halten sie auf dem Laufenden.

Eine fürsorgliche Intensivstation hängt aber nicht nur vom Personal ab, auch Patienten können eine große Hilfe sein. Vor allem, wenn sie eine Patientenverfügung haben. „Die Patientenautonomie steht auf einer Intensivstation an erster Stelle“, sagt der DIVI-Experte. „Liegt eine Patientenverfügung vor, können wir beispielsweise unerwünschte Maßnahmen vermeiden. Deshalb wäre es gut, wenn sich alle Familien wegen einer Patientenverfügung mal zusammensetzen würden, um genau zu überlegen, was der Einzelne möchte, wenn es zu einer lebensbedrohlichen Situation kommt.“

Welche Bedeutung sie haben kann, zeigte eine von Professor Unterberg und seinem Team im renommierten New Journal of Medical veröffentlichte Studie. In ihr ging es um die so genannte Dekompressionskraniektomie bei einem schweren Schlaganfall.  Diese Maßnahme ist nötig, um bei Betroffenen den Hirndruck zu senken. Bei Menschen unter 60 ist das eine lebensrettende Maßnahme. „Sie leiden zwar unter Behinderungen, die wird aber von den meisten Betroffenen akzeptiert“, sagt der Neurochirurg. „Auch bei älteren Menschen können Ärzte damit das Leben retten. Wenn sie aber aufgrund einer anderen Erkrankung schon geschwächt sind, kommt es nicht selten vor, dass sie dann unter einer sehr starken Behinderung leiden. Manche wollen das unter keinen Umständen, andere akzeptieren und es wäre gut, so etwas zu wissen.“

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Etwas anders die Situation auf einer Frühgeborenen-Intensivstation. Die kleinen Lebewesen können noch nicht selbst entscheiden. „Die moderne Technik macht es aber heute möglich, dass sich die Überlebenschancen von Extremfrühchen in den vergangenen Jahrzehnten von zehn auf 90 Prozent erhöht hat“, sagt Professor Gerhard Jorch, Präsident elect der DIVI. „Wissenschaftliche Studien haben uns aber auch gezeigt, dass das Schicksal eines Frühgeborenen durch die Unterstützung im familiären Umfeld genauso entscheidend ist. Deshalb werden heute Familienmitglieder, trotz der besonderen krankenhaushygienischen Herausforderungen, bereits auf der Intensivstation in die Betreuung ihres Kindes mit einbezogen.“

Kliniken, die wissen möchten, ob ihre Intensivstation den Anforderungen bezüglich Technik aber auch Fürsorglichkeit entspricht, können das mit dem so genannten Peer-Review-Verfahren für die Intensivmedizin überprüfen. „Dabei handelt es sich um die Bewertung einer Intensivstation, zum einen von einen von den Mitarbeiten selbst und zum anderen durch externe Experten“, sagt Professor Elke Muhl, derzeitige Präsidentin der DIVI. „Personal, Organisation, Patientenbelange und die Qualität der Behandlung werden genau unter die Lupe genommen, um so Stärken und eventuelle Schwächen aufzulisten und dann zu beheben.“

 

 

DIVI Kongress 2014

 

Das Thema „Fürsorgliche Intensivstationen“ ist ein Schwerpunkt des DIVI-Kongresses 2014, der unter dem Motto „Humanität und Technologie“ vom 03. bis 05. Dezember im CCH Congress Center in Hamburg stattfindet.

Außerdem werden Schulungskurse für Ärzte und Pflegepersonal angeboten. Kongresspräsident Professor Andreas Unterberg zum DIVI2014: “Intensiv- und Notfallmedizin haben in den letzten Jahrzehnten einen stetigen Wandel und eine enorme Weiterentwicklung erlebt. Was vor über zwei Jahrzehnten bei den ersten DIVI-Kongressen noch sensationell war, ist heute Normalität. Geblieben ist der Fokus all unserer Bemühungen, das Wohl der von uns versorgten Patienten und ihrer Angehörigen. Im Zentrum unserer Arbeit steht daher immer an erster Stelle die Humanität. Die Methoden und die Technologie, die uns heute zur Verfügung stehen, schwerstkranke Patienten zu behandeln, entwickeln sich von Jahr zu Jahr weiter. Jedoch sind unsere Ressourcen nicht unbegrenzt. Und so sollte sich der Einsatz von Technologie nachweislich und messbar lohnen. Auch dieser Aspekt sollte stets berücksichtigt werden.“

Ein weiterer Höhepunkt des Kongresses war der heutige DIVI Charity Lauf, dessen Erlös an die Organisation „Kinderhilfe Organtransplantation – Sportler für Organspende e.V.“ geht. Schirmherr des Laufes ist der Olympiasieger im Gehen Hartwig Gauder, der selbst seit 1997 ein Spenderherz hat.

Die Feuerwehr der Stadt Hamburg führt morgen um 11:45-12:15 Uhr eine Rettung von adipösen Patienten vor. Die Bundeswehr stellt eine militärische Rettungskette dar und ADAC Luftrettung zeigt die Funktionen eines Intensivtransport-hubschraubers.

 

 

DIVI weltweit einzigartig

 

Die 1977 gegründete DIVI ist ein weltweit einzigartiger Zusammenschluss von mehr als 2000 Anästhesisten, Neurologen, Chirurgen, Internisten, Kinder- und Jugendmedizinern sowie Fachkrankenpflegern und entsprechenden Fachgesellschaften und Berufsverbänden: Ihre fächer- und berufsübergreifende Zusammenarbeit und ihr Wissensaustausch machen im Alltag den Erfolg der Intensiv- und Notfallmedizin aus. Insgesamt bündelt die DIVI damit das Engagement von mehr als 30 Fachgesellschaften und persönlichen Mitgliedern.

 

 

Die Experten der DIVI

 

  • Professor Andreas Unterberg ist diesjähriger Kongresspräsident und Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg.
  • Professor Gerhard Jorch ist der für die Amtsperiode 2015/16 gewählte Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Direktor der Universitätskinderklinik in Magdeburg.
  • Professor Elke Muhl ist Präsidentin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sowie Intensivmedizinerin und Oberärztin in der Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig Holstein/Campus Lübeck.

 


Quelle: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.
V., 04.12.2014 (tB).

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