AAN 2010

MS-Therapie mit Tysabri® – aktuelle Daten, neue Perspektiven

 

München (7. Mai 2010) – Auf der 62. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), die vom 10. bis 17. April 2010 in Toronto stattfand, wurden wieder neue Erkenntnisse aus der Erforschung und Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) vorgestellt. Die Daten zu Natalizumab (Tysabri®, Anm. 1) belegen erneut die hohe Wirksamkeit des monoklonalen Antikörpers. Eine aktuelle Post-Hoc-Analyse der Zulassungsstudie zeigt, dass die Therapie mit Tysabri® mit einer anhaltenden Verbesserung der Sehfähigkeit assoziiert wird [1]. Zudem wurde erstmals der Zusammenhang zwischen einer Verbesserung des EDSS-Wertes und einem Anstieg der Lebensqualität von MS-Patienten nachgewiesen [2]. Auch das Ausmaß der Fatigue und die kognitiven Funktionen der Patienten bessern sich unter Natalizumab-Therapie, so ein weiteres Ergebnis vom AAN [3]. Neben der Wirksamkeit stand auch die Sicherheit von Tysabri® im Zentrum des Kongresses: Das Nutzen-Risiko-Profil ist nach der Neubewertung der EMA und der FDA im Januar 2010 trotz des sehr seltenen Risikos einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) nach wie vor positiv [4]. Die Behandlung mit Natalizumab ist aus der MS-Therapie daher nicht mehr wegzudenken, so das Fazit des „VIP-Gespräch MS: Neues aus Therapie und Forschung – Highlights vom AAN“, das am 7. Mai 2010 in München stattfand und in dessen Rahmen die wichtigsten Erkenntnisse zur MS-Behandlung heute und morgen präsentiert wurden.

 

 

MS-Therapie mit Tysabri®: Wo stehen wir heute?

 

Für Patienten mit hoher Krankheitsaktivität ist eine frühzeitige Identifizierung für den Therapieerfolg und die Prognose entscheidend, so Professor Uwe Zettl, Rostock. „Aktuelle Daten zeigen, dass 1/3 [5-7] bis 2/3 [8] der Patienten unter Therapie mit Interferon-beta oder Glatirameracetat weiterhin Krankheitsaktivität aufweisen. Damit ist ein hohes Risiko verbunden, dass ein rasches Fortschreiten der Erkrankung nicht kontrolliert werden kann und der Patient erheblich an Lebensqualität einbüßt.“ In diesen Fällen gilt es, die Behandlung frühzeitig anzupassen und die Manifestation von Schäden im zentralen Nervensystem zu minimieren. Bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität hat sich der Einsatz des monoklonalen Antikörpers Natalizumab bewährt. Die hohe Wirksamkeit wurde bereits in der Zulassungsstudie AFFIRM belegt: Nach zwei Jahren Tysabri®-Therapie konnte eine Schubratenreduktion von 68% erzielt werden [9], dieses Niveau war auch nach drei Jahren gleich niedrig. Bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität wurde die Schubrate sogar um 80% gesenkt [10]. Das Risiko einer anhaltenden Behinderungsprogression wurde unter Natalizumab-Therapie um 64% reduziert [10]; für 37% der Patienten konnte über den Zeitraum von zwei Jahren im Vergleich zur Placebo-Gruppe (7%) sogar eine vollständige Krankheitsfreiheit erzielt werden [11]. Eine Post-hoc-Auswertung der AFFIRM-Studie zeigt zudem, dass Tysabri® sogar zu einer anhaltenden Verbesserung bereits bestehender Behinderungen gemessen am EDSS-Wert führen kann. Als Verbesserung galt in dieser Studie die Reduktion des EDSS-Wertes um mindestens 1 Punkt über einen Zeitraum von wenigstens 12 Wochen. Über den Zeitraum von bis zu 48 Wochen wurde eine robuste Steigerung der Wahrscheinlichkeit einer anhaltenden Besserung von Behinderungen um 69% gegenüber Placebo gemessen, bei Patienten mit hoher Krankheitsaktivität sogar um 143% [12].

 

 

Positives Nutzen-Risiko-Profil bestätigt

 

Unter Natalizumab-Therapie kann es in vereinzelten Fällen zu einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) kommen. Dieses Risiko steigt nach dem zweiten Behandlungsjahr an, bleibt aber insgesamt sehr niedrig, so das Ergebnis einer Neubewertung der europäischen EMA sowie der amerikanischen FDA im Januar 2010 [4]. „Das Nutzen-Risiko-Profil von Natalizumab wird nach wie vor als positiv bewertet. Das in der Zulassung angegebene Risiko von 1:1000 steigt erst nach zwei Jahren auf dieses Niveau an, vorher liegt es deutlich darunter“, bestätigte auch Zettl. Voraussetzung einer Therapie mit Natalizumab ist eine sorgfältige Indikationsstellung und eine engmaschige klinische Überwachung der Patienten während der gesamten Therapie. Durch diese erhöhte klinische Wachsamkeit können im Verdachtsfall einer PML rechtzeitig Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, die eine gute Kontrolle der Erkrankung ermöglichen können. Nach zwei Jahren Behandlungsdauer muss eine sorgfältige klinische Re-Evaluation des Patienten erfolgen, ergänzt durch ein erneutes umfangreiches Aufklärungsgespräch. Medizinische Fachkreise werden regelmäßig über das PML-Risiko und neue Entwicklungen im Sicherheitsprofil von Natalizumab informiert: Biogen Idec stellt eine monatliche Aktualisierung zu den be-stätigten Fällen auf der Internetseite www.tysabri.de zur Verfügung.

 

 

AAN 2010: Neue Daten zu Tysabri®

 

Die neuen Daten vom AAN bestätigen das positive Wirk- und Sicherheitsprofil von Tysabri®. So zeigt eine neue Post-hoc-Auswertung der Zulassungsstudie, dass die EDSS-Besserung unter Natalizumab mit einem Anstieg der physischen und psychischen Lebensqualität assoziiert ist [2]. „Dies bestätigt erneut, dass der EDSS-Wert ein wichtiger Parameter in der MS-Therapie ist, da er die Lebensqualität der Patienten deutlich beeinflusst“, erklärte Professor Bernhard Hemmer, München. Auch die Fatigue und die kognitiven Funktionen der Patienten können durch die Behandlung mit Tysabri® deutlich verbessert werden, so das Ergebnis einer weiteren neuen Studie [3]. Dabei handelt es sich um Symptome, welche die Mehrzahl der Patienten betreffen und deren Alltag erheblich beeinträchtigen. Gemessen wurden diese Parameter vor Beginn der Therapie mit Tysabri® sowie nach der dritten, sechsten und zwölften Infusion. Präsentiert wurde zudem eine Studie, die eine anhaltende Verbesserung des Sehvermögens unter Natalizumab zeigt. Gemessen anhand eines Niedrigkontrast-Buchstabensehtests konnte eine Sehkraftverbesserung über 12 Wochen bei den mit Tysabri® behandelten Patienten im Vergleich zu der Placebogruppe festgestellt werden [1]. Die hohe Wirksamkeit von Natalizumab zeigt sich auch in neuen Daten aus der klinischen Praxis: Untersucht wurde das Ansprechen auf die Behandlung mit Natalizumab bei Patienten mit Krankheitsaktivität trotz Basistherapie in zwei retrospektiven, multizentrischen Beobachtungsstudien in Deutschland und der Schweiz. Die Ergebnisse zeigen eine Reduktion der klinischen und der MRT-Aktivität bei diesen Patienten [13]. Vorgestellt wurde auch die neue Beobachtungsstudie TPER (TYSABRI® Pregnancy Exposure Registry), welche die Schwangerschaft von MS-Patientinnen untersucht, die mindestens drei Monate vor der Empfängnis Natalizumab erhielten oder zu einem beliebigen Zeitpunkt unter Therapie schwanger wurden. Bislang liegen nur wenige Daten aus der Beobachtungsstudie vor, diese zeigen jedoch, dass Tysabri® keinen Einfluss auf eine Schwangerschaft hat [14]. „Das Thema Schwangerschaft ist für viele Patientinnen von erheblicher Bedeutung, da sie häufig im entscheidenden Alter für die Familienplanung sind. Die Beobachtungsstudie ist daher höchst relevant und wir sind gespannt auf die zukünftigen Ergebnisse“, so Hemmer.

 

 

Anmerkung

 

[1]Tysabri® ist als Monotherapie zugelassen für Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit einem Interferon beta mit mindestens einem Schub innerhalb der vergangenen 12 Monate und bestimmten Veränderungen im MRT (³9 T2-Läsionen oder ³1 Gd+-Läsion) oder bisher unbehandelte Patienten mit rasch fortschreitender MS mit mindestens zwei Schüben mit Behinderungsprogression innerhalb der vergangenen 12 Monate und ³1 Gd+-Läsion oder signifikante Zunahme der T2-Läsionen.

 

 


Quellen

 

  1. Balcer LJ et al., Low-Contrast Letter Acuity Detects Visual Function Improvement in Phase 3 Relapsing MS Trials of Natalizumab. Präsentiert auf der 62. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), 10. April bis 17. April 2010, Toronto, Kanada, P05.060
  2. Miller D et al., Improvement in EDSS Corresponds with Improvement in Quality of Life in Patients with Multiple Sclerosis. Präsentiert auf der 62. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), 10. April bis 17. April 2010, Toronto, Kanada, P02.169
  3. Stephenson JJ et al., Improvement in Patient-Reported Fatigue and Cognitive Function Over Time with Natalizumab Treatment. Präsentiert auf der 62. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), 10. April bis 17. April 2010, Toronto, Kanada, P06.167
  4. European Medicines Agency, Press Release EMA/37607/2010, 21. Januar 2010,
    FDA, US Food and Drug Administration, Med Watch Alert posted on February 5, 2010, quote ”Tysabri (Natalizumab): Update of Health Care Professional Information”
  5. Waubant E et al., Neurology 2003, 61: 184-189
  6. Freedman MS et al., Mult Scler 2008, 14: 1234-1241
  7. Prosperini L et al.,  Eur J Neurol. 2009 Jun 15. [Epub ahead of print]
  8. Rudick R et al., Lancet Neurology 2009; 8: 545-559
  9. Polman CH et al., N Engl J Med. 2006; 354 (9): 899-910: A Randomized, Placebo-Controlled Trial of Natalizumab for Relapsing Multiple Sclerosis.
  10. Hutchinson M et al., J Neurol. 2009 Mar; 256(3): 405-15. Epub 2009 Mar 18: The efficacy of natalizumab in patients with relapsing multiple sclerosis: subgroup analyses of AFFIRM and SENTINEL.
  11. Havrdova E et al. Lancet Neurol 2009; 8(3): 254 – 260
  12. Munschauer F et al. Sustained Improvement in Physical Disability with Natalizumab in Patients with Relapsing Multiple Sclerosis. Präsentiert auf der 61. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), 25. April bis 2. Mai 2009, Seattle, USA, P06.131
  13. Putzki N. Efficacy of Natalizumab after Insufficient Response to Other Disease Modifying Therapies for the Treatment of Relapsing Remitting Multiple Sclerosis
  14. Cristiano LM et al. Preliminary Evaluation of Pregnancy Outcomes from the TYSABRI® (Natalizumab) Pregnancy Exposure Registry. Präsentiert auf der 62. Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN), 10. April bis 17. April 2010, Toronto, Kanada, P01.185

 


 

Quelle: Biogen Idec, 07.05.2010 (Ogilvy Healthworld) (tb).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung