Allen fehlt es an der Zeit – Einblicke in den Pflegealltag

Sozialwissenschaftliches Institut der EKD stellt erste Projektergebnisse vor

 

Hannover (13. Oktober 2008) – „Pflegen heißt Zeit investieren: Beim Essen assistieren, waschen, Einlagen wechseln, umbetten. Ein Pflegefall bringt die Familie oft an den Rand der Erschöpfung. Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Alle Beteiligten  haben ein Zeitproblem“, sagt Jürgen Rinderspacher, Projektleiter am Sozialwissenschaftlichen- Institut der EKD (SI).  Der Wissenschaftler untersuchte in Kooperation mit SowiTRa (Berlin) die „Zeiten der Pflege“. Diese Arbeit ist Teil eines  Projektverbundes „Ethos fürsorglicher Praxis“ des SI und des Forschungszentrums Nachhaltigkeit (Artec) der Universität Bremen.

 

In Berlin und in Nordrhein-Westfalen wurden in qualitativen Interviews 80 Betroffene, pflegende Angehörige, helfende Nachbarn und ambulante Pflegekräfte befragt. Bei jedem zweiten der Pflegefälle handelte es sich um eine Demenz. Wie dennoch menschenwürdige Pflege gelingen kann und welche Hürden man dabei überwinden muss, schildert das Autorenteam Irmgard Herrmann-Stojanov, Svenja Pfahl, Stephan Reuyß, Jürgen Rinderspacher in ausführlichen, fundierten Beiträgen, die jetzt in Buchform vorliegen: „Wenn’s alleine nicht mehr geht – 14 Reportagen aus dem Pflegealltag moderner Familien.“

 

Jürgen Rinderspacher fordert strukturelle Verbesserungen, damit das Zusammenspiel der unterschiedlichen Kräfte – Familienangehörige, ambulanter Pflegedienst, Ärzte, Kurzzeitpflege – besser klappen kann. Häusliche Pflege habe, so der SI-Projektleiter, nur dann eine Zukunft, wenn viele Hände zupacken und ein Netzwerk entsteht, auf das sich die Angehörigen verlassen können. Denn zukünftige Generationen werden sich nicht mehr wie selbstverständlich um alte und kranke Angehörige kümmern. Eine mögliche Entlastung könnte die Einrichtung von Sondersprechstunden beim Arzt für Pflegefälle sein. Um berufstätigen, pflegenden Angehörigen ein entspanntes Einkaufen oder ein Treffen mit Freunden zu ermöglichen, sollten Demenzcafés auch am Samstagnachmittag geöffnet sein. Gute Pflege im Alter benötigt aber nicht nur Zeit. „Wenn die Pflegelasten in der Gesellschaft gerecht verteilt sein sollen, wird es ohne steigende Beiträge zur Pflegeversicherung nicht gehen. Schon jetzt hetzen die ambulanten Pflegekräfte von Haus zu Haus“, betont Jürgen Rinderspacher.

 

Im professionellen Pflegesetting ist jeder Handgriff zeitlich festgelegt. Es gibt keinen Spielraum, um auf spezielle Bedürfnisse von alten und behinderten Menschen einzugehen. „Mehr Geld für mehr Zeit in der Pflege würde es möglich machen, dass jeder ambulante Pflegedienst über Dispositionszeiten verfügen kann“, sagt Jürgen Rinderspacher. Pro Fall sollten fünf Minuten extra mit den Pflegekassen abgerechnet werden können. Das erhöhe die Qualität der Pflege und die Zufriedenheit. Einige der von dem Sozialwissenschaftler befragten Familien hatten neben der Zeitknappheit auch die Unpünktlichkeit und die hohe personelle Fluktuation der Pflegedienste beklagt.

 

Herrmann-Stojanov, Pfahl, Reuyß, Rinderspacher, Wenn’s alleine nicht mehr geht. 14 Reportagen aus dem Pflegealltag moderner Familien, Dietz-Verlag, Bonn 2008, 168 S., Broschur 16,80 Euro, ISBN 978-3-8012-0383-2

 


 

Quelle: Presseinformation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 13.10.2008.

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